Das Leben nach dem Massaker

Sechs Jahre lang hat Michael Steiner keinen Kinofilm mehr gedreht. Nun kommt er mit der Romanadaption «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» ans Zurich Film Festival.

Erfolgshungrig: Sein neuer Film solle «gumpe», sagt Michael Steiner. Foto: Sabina Bobst

Erfolgshungrig: Sein neuer Film solle «gumpe», sagt Michael Steiner. Foto: Sabina Bobst

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Der letzte Film von Michael Steiner war eine Werbung für Ovomaltine. Hausfrauendarstellerin und Sohndarsteller am Küchentisch, die Mutter verhaspelt sich, von hinten ruft der Regisseur Korrekturen: «Fläschli!»; etwas stimmt nicht mit dem Ovo-Fläschli. Natürlich alles so gewollt, der zwei Jahre alte Spot war angelegt als reflexives Spässchen über die Ausdauer, die man dank des Schweizer Energiedrinks kriegt. Dass es der Regisseur von «Grounding» war, der aus dem Off Befehle bellte, fiel niemandem auf. Man hörte einfach die Rufe eines Mannes, der gern weitermachen möchte, nur will und will es nicht klappen.

Soll man es also doch als gewitzten Selbstkommentar nehmen? Der letzte Spielfilm von Michael Steiner war das «Missen Massaker». Eigentlich eine gute Idee, Steiner nutzte den erschwinglichen Glanz von Ex-Missen, um eine einheimische Horrorkomödie zu inszenieren, das Genre kennt er bestens. Die Kritiker wussten weniger gut, was das sein soll, und dann kamen nur 15'000 Zuschauer. «Mein Name ist Eugen» machte 2005 über eine halbe Million. Seit der Premiere in Locarno im Jahr 2012 ist das «Missen Massaker» nicht lustiger geworden, aber so schlecht, wie der Film gemacht wurde, war er nie.

Er ist jetzt «Freischaffender»

Michael Steiner stand damals unter Vertrag bei Constantin Film. Die Firma war eingesprungen, um Steiners «Sennentuntschi» aus Geldschwierigkeiten zu retten. Zusammen hatte man Pläne, etwa einen Thriller über das Schweizer Paar in Taliban-Geiselhaft. Er kam nie vom Fleck. Heute ist Michael Steiner freischaffender Regisseur. Mit Unterbrüchen verbrachte er vier Jahre auf den Philippinen, der Heimat seiner damaligen Frau. Nach einem Taifun half er bei den Aufräumarbeiten. Im Blick schrieb er 2016 einen Essay über den «Prolo-Präsidenten» Rodrigo Duterte. In dieser Zeit las er auf irgendeinem Flug «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Ein Produzent hatte ihm den Roman von Thomas Meyer gegeben. «Vier Jahre hatte ich keine Anfragen, weder vom Fernsehen noch von anderen Produzenten», sagt Michael Steiner daheim am Gartentisch. «Das war das erste Angebot nach ‹Missen Massaker›.»

Es ist bei allen Komödienkapriolen ein konzentrierter Film geworden.

Erwähnt man in Zürich den Namen des 49-jährigen Innerschweizers, heisst es: Was für ein Grossmaul! Steiner gehört zu den Typen, die noch «Busle» sagen, wenn sie Frauen meinen, und an Partys Männer anziehen, die um ihn herumstehen und sofort verkumpeln. Es sind noch Bilder im Kopf aus den «Sennentuntschi»-Tagen: der Angriff der «Weltwoche», der ihn zum schmierigen Typen mit Drogen und Callgirls stempelte. Heute ruft Steiner auf dem Rundgang durch sein Quartier Passanten freundliche Scherze über ihre Autos zu, und während des längeren Gesprächs auf der Veranda wird er immer ernsthafter.

Der «Wolkenbruch»-Roman hat ihm nicht nur wahnsinnig gut gefallen, er sah wohl auch die Chance, ins Geschäft zurückzukommen. Aus der Geschichte des jungen Motti aus dem Kreis 3, der sich in eine Nichtjüdin verliebt und so den Bruch mit der orthodoxen Gemeinschaft vollzieht, ist eine klassische Komödie geworden: viel Dialog, kaum visuelle Pirouetten. Thomas Meyer hat das Drehbuch in Zusammenarbeit mit Steiner geschrieben; im Film wird wie im Buch Jiddisch gesprochen. Das funktioniert ganz ohne Untertitel, weil es schlau gemacht ist: Verwendet werden gut verständliche jiddische Wörter, so stellt sich der Zuschauer rasch auf den Sound ein. Steiner: «Die Satzstellungen mussten alle stimmen.»

Trailer zum Film «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Video: Youtube/DCM

Die Mame in der «Wolkenbruch»-Verfilmung gleicht jener aus Woody Allens «New York Stories», die ihrem Sohn im Himmel über Manhattan erscheint. Für den Humor von Steiners Komödie braucht es manchmal sehr breite Schenkel. Aber wie Joel Basman keusch-verdruckst den «Mottele» spielt, ist eine Freude. Damit man glaubt, dass sich die schöne Laura an der Uni derart für Motti interessiert, hat sich Steiner viel überlegt: «Die Vorstellung des Lesers ist diffuser im Vergleich zu dem, was man konkret auf der Leinwand sieht. Im Roman funktioniert die Behauptung, im Film fragt man sich: Warum will diese Frau etwas von Motti?»

Dass man die Liebe zu sehen und spüren beginnt: Das sei eines der grössten Probleme gewesen. Auch der Bruch mit den Eltern: Eigentlich eine existentielle Krise. «Es trifft Motti tief, irgendwann ist es nicht mehr lustig.» Steiner liess lang casten, blieb pingelig bei den Details. Am Ende lief alles wie geplant, kommt ja auch selten vor. «Wolkenbruch» ist deshalb ein konzentrierter Film geworden. Einer, der sein Maul nicht aufreisst – bei allen Komödienkapriolen.

Auch Botschaft gegen Hass

Wenn Steiner redet, raucht er für zwei. Die Schweiz war ihm immer ein bisschen zu klein, aber im Kreis 3 steckt ja auch eine ganze Welt. Er hat zehn Jahre im Quartier gelebt, das Interesse an der jüdisch-orthodoxen Kultur ist vor Ort gewachsen. In der Komödie steckt denn auch eine Botschaft gegen Hass. Nach der Doppeladler-Diskussion wurde sein 8-jähriger Sohn in der Schule gefragt, ob er auch Schweizer sei – so etwas gebe ihm zu denken, sagt Steiner. Neuerdings würden selbst Bekannte abstruse Theorien aufstellen. «Es gibt diese komische Suppe von Leuten, die sich im Netz herumtreiben und über ihre Beschäftigung mit Verschwörungstheorien eine antisemitische Haltung annehmen.»

Die Haltung des Buchs ist ihm da nahe. Hat man eine Erfolgsgarantie, wenn man einen Erfolgsroman verfilmt? «Oft fragen mich Leute: ‹Und, wie viele Zuschauer wird der jetzt machen, 100'000, 200'000?› Ich denke dann: ‹Moment mal.› Ich habe bei drei Filmen viele Zuschauer gehabt und einmal nicht. Man kann es nie wissen.» Er wusste einfach, dass er diese Verfilmung unbedingt machen wollte. Er sah auch das Zuschauerpotenzial einer liebenswürdigen Liebesgeschichte. «Gumpe» soll der Film, sagt Steiner. Es ist sein heimeliges Wort für Erfolg.

Premiere am Zurich Film Festival: 29. September, 21 Uhr, Corso (ausverkauft). Im Kino ab 25. Oktober.

Erstellt: 21.09.2018, 21:47 Uhr

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