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«Das Publikum soll sich fühlen wie in einem Labyrinth»

Wie verfilmt man einen Roman, in dem fast alle Figuren jäh erblinden? Regisseur Fernando Meirelles über seine Kino­version von José Saramagos «Stadt der Blinden».

Sehende unter Blinden: Julianne Moore (Mitte), Danny Glover, Gael Garcia Bernal, Don McKellar und Mark Ruffalo (von links).
Sehende unter Blinden: Julianne Moore (Mitte), Danny Glover, Gael Garcia Bernal, Don McKellar und Mark Ruffalo (von links).

Saramagos Roman «Die Stadt der Blin­den » ist ein Weltbest­seller und ein literari­sches Meisterwerk. Der Autor wurde mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Hatten Sie keine Angst, gerade dieses Buch zu verfilmen? Die Aussicht war mir tatsächlich nicht ganz geheuer. Ich glaube, es war Billy Wil­der, der sagte: Wenn du einen Roman ver­filmen willst, suche dir einen richtig schlechten aus. Allerdings hatte ich mich schon 1998 bemüht, die Filmrechte zu kaufen, aber Saramago lehnte damals ab. Sechs Jahre später bekam ich aus heiterem Himmel ein fertiges Drehbuch von Don McKellar zugeschickt. Dieser Zufall schien mir so wundersam, dass ich sofort aufgesprungen bin.

Trotz Ihren anfänglichen Bedenken? Die folgten erst später, als ich reali­sierte, wie viele Menschen immer noch tief beeindruckt sind von diesem Roman. Mich fasziniert das Buch, weil es vor Au­gen führt, wie fragil unsere Zivilisation ist und wie leicht unsere scheinbar festge­fügte Welt kollabieren kann. Was wäre, wenn wir eines Tages plötzlich unser Au­genlicht verlieren sollten? Wenn nur noch die fundamentalen Instinkte wie Essen und Sex zählen? In «Blindness» geht es darum, wie eine Gruppe von Menschen in diesem Ausnahmezustand lernt, mit neuen Augen zu sehen. Der Film ist eine Allego­rie über unsere eigene Blindheit. Schon der Roman hat mir nicht zuletzt deshalb gefallen, weil er offen ist für viele Interpre­tationen.

Haben Sie mit Saramago über die Verfil­mung gesprochen? Nur einmal. Wir trafen uns in Lissabon zum Abendessen, wo ich ihn über den Ro­man ausfragen wollte. Meine erste Frage war: Weshalb wird die Frau des Arztes als Einzige nicht blind? Saramago sagte nur: «Ich weiss nicht.» Auch sonst liess er sich gar nichts zu seinem Buch entlocken. Er wollte sich nicht einmischen.

Der Roman lebt von einem sehr fragilen Gleichgewicht zwischen dem Schrecken die­ses Ausnahmezustandes und den teilweise auch bitter komischen Szenen, die sich unter den Erblindeten abspielen. Wie sind Sie dies angegangen? Als ich das Buch zum ersten Mal las, wirkte die Geschichte extrem bedrückend auf mich. Beim Wiederlesen sah ich dann immer deutlicher die komischen Ele­mente. Vor allem dort, wo Saramago über das Verhalten der Regierung schreibt, ist das ein zutiefst ironischer Roman voller Sarkasmus. Jetzt wünschte ich mir fast, dass mein Film mehr von diesem Witz hätte. Natürlich gibt es ein paar komische Szenen...

...zum Beispiel, wenn Gael Garcia Bernal einen Hit des blinden Stevie Wonder singt. Genau. Das war eigentlich nur ein klei­ner Scherz beim Drehen, völlig improvi­siert. Ich hatte ihn gebeten, irgendwas zu singen, und er kam spontan auf Stevie Wonder.

Ihr Wunschkandidat für die Rolle des na­menlosen Arztes soll Sean Penn gewesen sein. Warum hat er abgesagt? Nachdem er das Drehbuch gelesen hatte, sagte er mir: Eine Figur ohne Namen und ohne Vorgeschichte könne er nicht spielen. Er nahm sich dann noch Zeit, um Saramagos Roman zu lesen, weil er hoffte, dort mehr Anhaltspunkte über diesen Arzt und seinen Hintergrund zu finden. Aber da war natürlich nichts. Und wir wollten den Figuren auch nicht ir­gendwelche persönlichen Vorgeschichten andichten.

Die anderen Schauspieler hatten offenbar weniger Mühe? Ja. Nach der Absage von Sean Penn fragte ich Gael Garcia Bernal, ob das für ihn ein Problem sei. Aber er macht sich gar keine Gedanken über den persönlichen Hintergrund der Figuren, die er spielt. Er sagte mir: «Wenn der Film beginnt, muss ich nur wissen, was meine Figur will und wo ihr Weg hinführt. Alles andere spielt keine Rolle.»

Haben Sie schon kulturelle Unterschiede be­obachten können, wie das Publikum auf «Blindness» reagiert? Wir haben den Film in Kanada, Brasilien und den USA getestet. Und nur in den USA hat sich das Testpublikum darüber beklagt, dass die Frau des Arztes den Des­poten in der Anstalt nicht schon nach der ersten Vergewaltigung tötet. In Kanada oder Brasilien war das gar kein Thema, aber für die Amerikaner ist das offenbar überhaupt nicht nachvollziehbar. Dabei ist es im Roman so, dass der Despot sogar erst nach der dritten Vergewaltigung umge­bracht wird. Nur die Amerikaner sagen: Völlig unglaubwürdig! Den muss man doch gleich töten!

Die Figuren im Film erblinden plötzlich und ohne erkennbaren Grund. Wie haben Sie versucht, dies filmisch umzusetzen? Die Zuschauer sollen sich in dem Film fühlen wie in einem Labyrinth. Es gibt ja viele Tricks, wie man dem Publikum die Orientierung raubt. Als die Protagonisten nach ihrem Erblinden in die Anstalt ge­sperrt werden, gibt es rund fünfzehn Mi­nuten, wo fast alle Dialoge ausserhalb des Bildes gesprochen werden. Den Zuschau­ern ergeht es da ähnlich wie den Blinden: Sie hören Leuten zu, die sie nicht sehen können. Visuell arbeiten wir zu Beginn des Films stark mit Un­schärfen. Später gibts immer wie­der Spiegelungen, bei denen die Figuren gleichzeitig aus verschie­denen Winkeln zu sehen sind, in fast schon kubistischer Verfrem­dung. Wir haben auch eine «blinde» Kamera benutzt, die wir einfach in den Raum stellten, ohne dass sie jemand nach den Darstel­lern ausgerichtet hätte. Und mit den Statisten haben wir in Work­shops geprobt, wie man mit ver­bundenen Augen ganz alltägliche Dinge tut.

Haben Sie da mitgemacht? Ich hab das zweimal fünf Stun­den lang ausprobiert, und dabei entwickelte ich ein obsessives Verhältnis zum Raum. Womöglich liegt das daran, dass ich ursprüng­lich Architektur studiert habe. Je­denfalls tastete ich mich dauernd von einer Wand zur nächsten, um mir im Kopf den Raum vorzustellen. Aber es war zwecklos. Eine andere Übung würde ich Ihnen aber ans Herz legen: Wenn Sie mit Freunden am Tisch sitzen, verbin­den Sie sich und allen andern die Augen. Dann reden Sie einfach weiter. Es ist faszinierend, wie sich das Gespräch verändert, so­bald Sie die Anderen nicht mehr sehen. Man spricht plötzlich über viel intimere Sachen. Es ist, wie wenn man zu viel Alkohol getrun­ken hat: Man sagt Dinge, die man sonst nie sagen würde.

Warum haben Sie das nicht früher gesagt? Wir hätten dieses Interview mit verbundenen Augen führen kön­nen. Das habe ich mir tatsächlich überlegt. Ich wollte ein paar Au­genbinden für Sie mitbringen. Aber ich glaube, Sie hätten da nicht mitgemacht.

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