Das Schweizer Kino gibt es nicht

«Der Kreis» gewann gestern vier Schweizer Filmpreise, «Chrieg» nur einen. Und Godard lag am Boden.

Sven Schelker (links) und Regisseur Stefan Haupt wurden als bester Schauspieler respektive Regisseur ausgezeichnet («Der Kreis»), Sabine Timoteo als beste Schauspielerin («Driften»). Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Sven Schelker (links) und Regisseur Stefan Haupt wurden als bester Schauspieler respektive Regisseur ausgezeichnet («Der Kreis»), Sabine Timoteo als beste Schauspielerin («Driften»). Foto: Martial Trezzini (Keystone)

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Die Frage war natürlich: Was denkt sich Jean-Luc Godard, wenn wieder so ein Medley mit Ausschnitten aus Schweizer Filmen über die Leinwand läuft? Notiert er sich innerlich «Bonus» und «Malus», so wie damals, als er in einem Essay die Wörter über Bilder aus anderen Filmen legte? Vielleicht, nur war Godard gar nicht in Genf, um den diesjährigen Ehrenpreis abzuholen, sondern er war aus gesundheitlichen Gründen zu Hause geblieben. Möglicherweise schaute er den Livestream. Aber sicher hatte er am Schluss zum Dank eine kurze Video­botschaft an Kulturminister Alain Berset geschickt, die wir auch sehen durften und die es in sich hatte. Darin kehrt er vom Spaziergang heim nach Rolle im Waadtland, ein müder Soldat des Kinos – und legt sich auf den Boden. «Ein Schweizer Kino gibt es nicht», sagt er da, «es gibt Schweizer Filme, aber das Kino, das ist etwas anderes.» Rappelt sich ­wieder auf und holt aus über die grossen Kinonationen und ein Pasolini-Gedicht und den Winkelried, den er auch noch anfügen wollte.

In seiner Knappheit und seinem Witz war das ein hervorragender später Godard-Film, einer seiner besten sogar in den letzten Jahren. Gibts Preise für Grussbotschaften? Nein, aber es wurden gestern an der Verleihung der Schweizer Filmpreise in Genf vier «Quartze» an «Der Kreis» überreicht, und zwar in den Kategorien Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Sven Schelker), Bester Nebendarsteller (Peter Jecklin) und Bestes Drehbuch. Das war fast ein bisschen zu viel Ehre für das Dokudrama über die Zürcher Schwulenorganisation; sogar Regisseur Stefan Haupt wurde es beim vierten Mal etwas unangenehm. Man hätte den Preis für den besten Spielfilm Simon Jaquemet und seinem kraftvollen Drama «Chrieg» schon sehr gönnen ­mögen. Der Film gewann dafür in der Kategorie Beste Kamera.

Aber so herrschte am diesjährigen Schweizer Filmpreis die konkordante Zufriedenheit und ein wenig auch das Pathos der alten Untergrundkämpfer vom «Kreis» und überhaupt aller Streiter für «Humanität und Menschlichkeit», dem Begriffspaar, dem Stefan Haupt den Preis am Schluss widmete. Sabine Timoteo wurde zudem geehrt für ihre Rolle als Englischlehrerin im Raserdrama «Driften», und Marcel Gisler durfte nach dem Zürcher Filmpreis schon wieder eine Ehrung abholen für seinen Dokumentarfilm «Electroboy».

Schwung? – Schlummer. Was war sonst noch los? Carlos Leal missbrauchte den Abend für einen Promoauftritt und sang als eine Art Vorstadt-Kanye-West mit Hoodie eine ziemlich furchtbare neue Ballade, flankiert von zwei sich käferartig bewegenden Tänzerinnen. Xavier Koller erzählte eine Anekdote über Billy Wilder. Die Gala war darüber hinaus und im Allgemeinen gut organisiert, nur die Spotlampen blendeten ein bisschen im Auge, wenn man auf der Pressetribüne sass. Und die Couverts mit den Siegernamen liessen sich schwer öffnen. Eventuell müsste man die anders perforieren.

Erstellt: 13.03.2015, 22:41 Uhr

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