Der Dschungel wuchert digital

Wieder rennt Mogli mit Wolf und Panther. Jon Favreaus 3-D-Verfilmung von «The Jungle Book» hat in den USA bereits Einnahmenrekorde aufgestellt.

Animierte Wirklichkeit von stupender Lebendigkeit: Mowglis Begegnung mit der Schlange Kaa im neuen «Jungle Book». Video: Disney

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Das Schönste am überraschungsreichen Film «The Jungle Book» von Jon Favreau ist der Respekt, mit dem er die Dschungelgesetze zitiert, so wie sie Balu der Bär in den beiden «Dschungelbüchern» (1894/95) von Rudyard Kipling dem Menschenkind Mogli und den Jungwölfen in den Sionibergen beibrachte: Sie sind «so alt und so klar wie das Licht, der Wolf, der sie hält, wird gedeihen und sterben der Wolf, der sie bricht», und es läuft darauf hinaus, dass die Stärke des Packs der Wolf ist und die des Wolfes das Pack, einer für alle und alle für einen, wie bei den Musketieren.

Diese ruhige Werktreue macht Favreaus Film zu mehr als einer Demonstration dessen, was Computeranimation heute kann. Sie fügt zum Krach und der Dauerbewegung eines raffinierten Disney-Kunstgewerbes die stillen Töne eines literarischen Originals. Und sie löste einen schweren Schub persönlicher Nostalgie aus.

So sah es früher aus: Die Schlange Kaa im alten Disney-Zeichentrickfilm. Video: Youtube.

Die Kinderabteilung der Bubenpfadfinder, wie man sie nennen könnte, heisst in der Schweiz ja «Wölfe» oder «Wölfchen», man durfte ihr meinerzeit mit sieben Jahren beitreten. Geleitet wurde sie von Mädchen mit pädagogischer Begabung, Pfadfinderinnen, die ihrerseits die Pfadfinderei als sogenannte «Bienli» begonnen hatten. Jetzt waren sie aber Leitwölfe und anderes starkes Dschungelgetier, Panther, Bär oder Elefant. Sie waren berechtigt zum Tragen entsprechender Namen und hiessen also Akela, Baghira, Balu oder Hathi. Und die ihnen anvertrauten Wolfsbuben wurden in Unterrudel des grossen Sioni-Packs eingeteilt, die ebenfalls Dschungelnamen trugen; meines hiess «Tschil», das war die Bezeichnung für den mächtigen Geier der mittelindischen Sioniberge, wie man bald erfuhr.

Die Wölfchen-Bibel

Es oblag nämlich den Akelas und Balus nicht nur, für eine naturnahe Freizeitbeschäftigung zu sorgen, sondern auch für die Einführung der Wölfchen in Kiplings «Dschungelbuch», wo all diese Namen vorkamen, insbesondere in die Geschichten von der früheren Jugend des Menschenjungen Mogli unter den Wölfen und von seinem Verhältnis zu Bär (Balu) und Panther (Baghira). Es war quasi die Wölfchen-Bibel, sie vermittelte einige Kenntnisse über die Dschungelfauna. «Das Dschungelbuch» war dann auch schuld an der lang etwas reservierten Haltung Tigern, Schakalen und niederen Primaten gegenüber. Es legitimierte damals ferner den recht sorglosen Kontakt von Kindern mit der «Roten Blume», man lernte als Wölfli das Feuermachen sogar früher als Kiplings Mogli; irgendwie musste man seinen Cervelat ja braten.

Immer noch freundlich: Balu der Bär im neuen «Jungle Book». Video: Disney

Der handgezeichnete Balu im Disney-Film von 1967. Video: Youtube.

Das ist der Inhalt besagter Nostalgie. Es war jemandem, der so Wolf war wie der Schreibende, also gründlich durch und in Kipling eingeführt, als Erwachsenem immer wind und weh, dass Kinder glaubten, «Das Dschungelbuch» sei von Disney. Für den amerikanischen Animationsfilm von 1967 war er schon zu alt gewesen, aber auch im anderen Fall wäre jenes «The Jungle Book» (vom zweiten Teil, 2003, nicht zu reden) kaum je sein «Dschungelbuch» geworden. Nicht diese Verclownung des würdigen Balu, der sich zum Affen macht. Nicht diese Verdrehung aller kiplingschen Motive, was überhaupt das Affenvolk, die «Bandar-log», betrifft, das heisst: nicht diese Fokussierung eines «King Louie» auf die Dschungelherrschaft, wo doch die Affen im Original gar keine Begabung zum Fokus haben und schon gar keinen King. Auch nicht diese Liedchen, die allerdings blasphemisch amüsant waren.

Der Erwachsene schob es trotzdem vor allem aufs Alter, wegen der kritischen Gerechtigkeit und wegen des Respekts vor dem Animationshandwerk. Und letzte Woche hat er dann doch etwas gestaunt, als sein zehnjähriger Göttibub partout nicht mitkommen wollte in Jon Favreaus «The Jungle Book», der Neuverfilmung, die eine vollendete Vermischung von Trick und Realität versprach. Der Bub sagte es nicht so, gab aber zu verstehen, wofür er «Das Dschungelbuch» hielt: für Baybyzeugs.

Erster Kontakt: Der Tiger Shir Khan und Mowgli. Video: Disney.

Der Bösewicht im alten «Jungle Book»-Film von Disney. Video: Youtube.

Es war nichts zu machen, und das ist schade. Der Bub hätte eine animierte Wirklichkeit von stupender Lebendigkeit erlebt, quasi ein dreidimensionales dschungelnaturkundliches Konzentrat: Spannend war das in seiner graziösen und plötzlich dramatisch explodierenden Beweglichkeit. Exakt schien es bis hin zu den Wimpernhärchen eines schwarzen Panthers und den rasselnden Stacheln von Ikki, dem Stachelschwein. Witzig war es in den komödiantischen Vermenschlichungen, in denen Tiere doch Tiere blieben, und in den musikalischen Erinnerungen ans filmische Vorbild (ein wenig spöttische Ironie steckt da wohl dahinter). Und garantiert: Wann immer Mogli (Neel Sethi, ein talentiertes Menschenjunges), das einzige organische Wesen unter lauter Digitalkreaturen, dem einäugigen Tiger Shir Kahn ins Auge blickte, wäre der Zehnjährige gewiss nicht unterfordert gewesen.

Dazu kam eben (das hat den Götti aber mehr gefreut, als es dem Göttibuben gefallen hätte), dass Jon Favreaus Film etwas bewahrt hat von Kiplings raunender Naturmystik mit allen ihren Urworten, Schöpfungsgeschichten, Ehrbegriffen und Jagdsitten. Mindestens so viel, wie ein animiertes Actionkino sich leisten kann, wenn es nicht in erster Linie auf Emotion setzt, sondern eher auf Effekt und die Permanenz des Staunens. Gerade genug, um nicht zu verkindeln.

In Zürich in den Kinos Abaton, Arena, Corso und Capitol.

Erstellt: 18.04.2016, 16:27 Uhr

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