Der Easy Rider

Mit «Easy Rider» läutete Peter Fonda eine Art Stunde Null des amerikanischen Kinos ein. Nun ist der Schauspieler im Alter von 79 Jahren gestorben.

Wurde zum Idol der Hippie-Bewegung: Peter Fonda. Video: AP

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Auf was für Ideen man kommen kann, wenn man sich selbst anstarrt... Die Sache mit «Easy Rider», erzählte Peter Fonda in seiner Autobiografie «Don’t Tell Dad: A Memoir», sei ihm eingefallen, als er 1966 vor einem Poster seines eigenen Films «The Wild Angels» stand. Das Ding war ein typischer Biker-Film der Sechzigerjahre, wie sie das Studio American International Pictures damals im Dutzend produzierte, um die beliebten Autokinos im ganzen Land mit frischer Trash-Ware für knutschende Teenager und halbstarke Motorradfahrer zu versorgen. Regie führte der legendäre B-Picture-Regisseur Roger Corman, Fonda spielte neben Nancy Sinatra die Hauptrolle, deren lange blonde Haare wirklich unverschämt verrucht im Fahrtwind wehten, wenn er Gas gab.

Auf dem Poster waren die beiden natürlich ganz gross im Vordergrund zu sehen, während ihnen im Hintergrund eine ganze Biker-Armee folgte. Der Werbespruch des Films lautete: «Ihr Motto ist Gewalt, ihr Gott ist der Hass und sie nennen sich: The Wild Angels!»

Und wie Fonda da vor einem Kino stand und sich selbst in der Auslage betrachtete, hatte er eine Eingebung: «Mir war plötzlich klar, was für eine Art Motorrad-Sex-Drogen-Film ich als nächstes machen sollte. Nicht noch so ein Ding mit 100 Hell’s Angels, nein, es sollte so sein wie in 'The Searchers' von John Ford. Ich würde die Rolle von John Wayne übernehmen und Dennis Hopper die von Jeffrey Hunter. Nach einer langen Reise gen Osten durch Amerika würden wir schliesslich in 1000 Stücke zerrissen...»

Peter Fonda, geboren 1940 in New York, wusste natürlich genau, wovon er da sprach. Er war schliesslich der Sohn von Henry Fonda, einem der grössten Stars des Nachkriegskinos. Henry hatte «Die 12 Geschworenen» gedreht und «Spiel mir das Lied vom Tod», und selbstverständlich hatte er auch für den Grossmeister persönlich, John Ford, vor der Kamera gestanden, in «Früchte des Zorns». Eine Übervaterfigur, wegen der sein Sohn immer darum bat, bitte mit Peter angesprochen zu werden. «Sobald jemand Mr. Fonda sagte, dachte ich sofort, mein Alter steht im Zimmer!»

Der junge Peter hatte seinen ersten grossen Auftritt als Schauspieler 1961 am Broadway in einer Inszenierung von «Blood, Sweat and Stanley Poole», die strengen New Yorker Kritiker waren begeistert von dem jungen Mann mit der überbordenden Energie. Zu seinem Leidwesen gelang es ihm aber nicht sofort, den Applaus und die Lobeshymnen auch im Kino auf sich zu ziehen. Er probierte sich ein bisschen bei den verrückten Autorenfilmern in Europa aus, stand zum Beispiel in Frankreich für Roger Vadim vor der Kamera, dem damaligen Ehemann seiner Schwester Jane Fonda, im Episodenfilm «Histoires extraordinaires». Und er drehte daheim in Amerika seine trashigen Biker-Roadmovies, für die es nicht mehr als 10'000 Dollar Gage gab und für die er sich trotzdem regelmässig die Knochen brach, wenn er von der Harley fiel, weil er seine Stunts natürlich selber machte. Was aber den arroganten New Yorker Kritikern egal war, weil Biker-Filme weit unter ihrem Radar stattfanden.

Stunde Null des amerikanischen Kinos: «Easy Rider».

Also beschloss Fonda, dass er vielleicht am ehesten eine Chance haben würde, ein echter Filmstar zu werden, wenn er aus dem alten amerikanischen Kino seines Vaters, den B-Picture-Orgien seiner Genration und dem Autorenfilmer-Spirit der Europäer jeweils das Beste mitnahm und es zu einem neuen Filmcocktail zusammenrührte.

Gemeinsam mit seinen Kumpels Dennis Hopper und Terry Southern schrieb er daraufhin das Drehbuch zu «Easy Rider» und läutete damit eine Art Stunde Null des amerikanischen Kinos ein. Die Geschichte von Wyatt (Fonda) und Billy (Hopper), die nach einem Drogendeal mit ihren Harley-Davidsons durch die USA brettern und kein gutes Ende finden werden, wurde wirklich eine erstaunliche Mischung aus Neo-Western mit dem alten amerikanischen Frontiergeist und der neuen Welt der Hippies und der Gegenbewegung. Als der Film 1969 auf dem Festival in Cannes lief, wurde er prompt als bestes Debüt ausgezeichnet. Die Franzosen waren natürlich ganz aus dem Häuschen bei diesem Mix aus alter Hollywoodschule und Autorenfilmer-Anarchismus, den die Jungs der Nouvelle Vague ja selber gerade betrieben.

Wegbereiter für eine goldene Generation

Aber auch in den USA war «Easy Rider» der erste Film aus der Generation der Gegenbewegung, der ein richtiger Hit wurde. Die Kritiker waren begeistert, die drei Nachwuchsfilmer wurden für ihr Drehbuch für einen Oscar nominiert und mit über 40 Millionen Dollar Einspielergebnis an den US-Kinokassen hatte sich die Sache auch finanziell mehr als gelohnt. Letztlich war «Easy Rider» die Geburtsstunde des New Hollywood, als junge Filmemacher mit kleinen Independent-Produktionen das behäbige Studiosystem in Hollywood herausforderten und das Kino aus den verstaubten Studiokulissen hinaus auf die Strasse holten. Peter Fonda und Dennis Hopper bereiteten den Weg für eine goldene Generation an Filmemachern, für Steven Spielberg und George Lucas, Paul Schrader und Martin Scorsese.

Die Wirkung des Films war also so gross, dass kam, was kommen musste. Die Väter des Erfolgs zerstritten sich prompt über der Frage, wer das eigentliche Genie hinter «Easy Rider» war: der Produzent, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Peter Fonda? Oder der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Dennis Hopper?

Die Rolle in «Ulee's Gold» brachte Peter Fonda 1998 eine Oscar-Nomination ein.

Viele Kritiker prophezeiten damals dem charismatischeren Peter Fonda die grössere Karriere, mindestens in der Kategorie eines Clint Eastwood, vielleicht sogar des unerreichten James Dean. Aber erstaunlicherweise hat Fonda an den Erfolg von «Easy Rider» nie wieder in dieser Form anknüpfen können. Nachdem er damals die Regie Dennis Hopper überlassen hatte, wollte er unbedingt selbst inszenieren. In den Siebzigern drehte er als Regisseur zwei Western («The Hired Hand», «Wanda Nevada») und einen Science-Fiction-Film («Idaho Transfer»), die alle drei vielleicht nicht unbedingt Riesenflops, aber eben auch keine Hits wurden. In den Achtzigern probierte er es wieder mehr als Schauspieler, schrieb mit «Spasms» aber keine Filmgeschichte.

Erst in den Neunzigern, als sich bereits seine Tochter Bridget Fonda anschickte, ein Star des Independent-Kinos zu werden, mit «Jackie Brown» und «A Simple Plan», erlebte auch der Vater nochmal eine Renaissance. Denn eine neue Generation an Regisseuren, die mit Peter Fonda aufgewachsen war, erinnerte sich genau daran, was er fürs Kino getan hatte. Steven Soderbergh zum Beispiel besetzte ihn in «The Limey» und für das Familiendrama «Ulee’s Gold» wurde er 1998 für einen Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert.

Genoss das Alterswerk: Peter Fonda in «Escape from L.A.»

Auch ein paar der alten Haudegen hatten ihn nicht vergessen, John Carpenter holte ihn zum Beispiel für «Escape from L.A.» Dieses Alterswerk hat er sehr genossen, zumal er sich längst damit ausgesöhnt hatte, schlicht und einfach der Funke gewesen zu sein, der das amerikanische Kino (und ein bisschen auch die amerikanische Gesellschaft) zum Brennen gebracht hatte.

Am Freitag ist der Easy Rider Peter Fonda im Alter von 79 Jahren in seinem Haus in Los Angeles an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung gestorben.

Erstellt: 17.08.2019, 12:42 Uhr

Peter Fondas Beziehung zur Schweiz

Peter Fonda hatte auch einen Bezug zur Schweiz: Anfang der 1990er-Jahre spielte er die Hauptrolle im Film «Family Express» des Schweizer Swatch-Unternehmers Nick Hayek. Zudem war der Hollywood-Schauspieler mehrmaliger Gast in Zürich. 2008 präsidierte er die Jury am Zürcher Filmfestival.
Während einer Spazierfahrt mit seiner Harley rund um den Zürichsee sammelte er 2009 Geld für Ärzte ohne Grenzen. 2014 war er zum dritten Mal innert zehn Jahren am Filmfestival in der Limmatstadt dabei.
Die frühere Zürcher SP-Ständerätin und Stadträtin Emilie Lieberherr war in den 1950er Jahren in New York Fondas Kindermädchen. Dank ihr habe er ein paar Brocken Französisch beherrscht, wie etwa «J'ai fini», verriet Fonda 2014 in einem Zeitungsinterview. Er habe zudem einige sehr gute Freunde in der Schweiz, «Biker-Jungs» aus der Nähe von Zürich und aus Greyerz, sagte er damals. (SDA)

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