Der Fall Weinstein ist eine Zäsur

Anti-Trump-Effekt? Nie zuvor haben sich in Hollywood so viele Leute auf die Seite belästigter Frauen geschlagen.

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Filmproduzent Harvey Weinstein hat am Wochenende alte Weggefährten gebeten, ihm beizustehen. Der Vorstand seiner eigenen Produktionsfirma war im Begriff ihn zu feuern – wegen der erstmals in der New York Times veröffentlichten Vorwürfe, Weinstein habe über Jahrzehnte hinweg Schauspielerinnen und weibliche Angestellte sexuell belästigt und unter Druck gesetzt.

Einer der Hilferufe per E-Mail ging an Jeffrey Katzenberg. Der Produzent des Films «Shrek» antwortete nur, er werde ihm lediglich helfen, mit den Vorwürfen besser umzugehen, die Weinstein bereits teilweise bestätigt hatte. Am Sonntag dann wurde Weinstein tatsächlich entlassen. Seine Antwort hat Katzenberg sogar veröffentlicht.

Es geht inzwischen um acht Fälle, in denen Frauen hohe Summen gezahlt wurden, um sie zum Schweigen zu verpflichten, unter ihnen die Schauspielerin Rose McGowan. Es geht, neuen Berichten des New Yorker zufolge, um Vorwürfe der Vergewaltigung und des erzwungenen Oralsex. Und es geht um Einschüchterungsversuche, wenn sich die betroffenen Frauen wehrten, wie es beispielsweise Gwyneth Paltrow schildert.

Sexismus ist Teil des Systems

Sehr viele Stars haben sich geäussert, sogar der derzeitige Chef des Disney-Konzerns, Bob Iger, hat Weinsteins Verhalten als «schrecklich» und «inakzeptabel» bezeichnet – und Studio-Bosse halten sich aus Skandalen meist heraus.

Der Machtmissbrauch ist keine Erfindung des Kinos, aber er wird in dieser Branche glorifiziert. Und der Sexismus ist Teil eines Systems, das vor allem bei Frauen sehr viel Wert auf physische Attraktivität legt. Aber Weinstein ist in den vergangenen Tagen blitzschnell einhellig verdammt worden. Bill Cosby, gegen den Vergewaltigungsvorwürfe dutzendfach bei Gericht liegen, hat keine vergleichbare Massenreaktion ausgelöst – obwohl auch bei ihm manche Dinge unumstritten sind.

Alfred Hitchcocks Ruf war nicht viel besser als der von Weinstein, aber damals kümmerte sich niemand darum. Der Schauspieler Casey Affleck wurde im vergangenen Jahr der wiederholten Belästigung bezichtigt – und gewann daraufhin einen Oscar.

Viel Scheinheiligkeit im Spiel

Man muss nicht glauben, dass all die Leute in Hollywood, die sich nun von Weinstein distanzieren, tatsächlich nie davon gehört haben, dass Weinstein seine Macht als Produzent nutzte, um Frauen nicht nur ins Bett zu locken, sondern sie zur Not auch dorthin zu zwingen. 2013 witzelte Seth McFarlane bei der Verkündung der Oscar-Nominierungen über die fünf Anwärterinnen als beste Nebendarstellerinnen: «Hier sind fünf Damen, die nun nicht mehr so tun müssen, als fänden sie Harvey Weinstein attraktiv.»

Einige Leute in Hollywood, beispielsweise George Clooney und Jessica Chastain, sagen auch: Es gab Gerüchte. Rose McGowan hat Ben Affleck wegen seines Weinstein-Kommentars, er sei traurig und wütend, beschimpft: Sie selbst habe Affleck davon erzählt. Es ist hier also wahrscheinlich viel Scheinheiligkeit im Spiel.

Eine Zäsur ist es dennoch. Vielleicht macht es dieser Skandal ein wenig leichter für Schauspielerinnen, sich zu beschweren. Und vielleicht können Schauspielerinnen künftig darauf hoffen, dass es keine negativen Folgen für sie hat, wenn sie einen Mann wegen sexueller Belästigung anzeigen. Nie zuvor haben sich in Hollywood so viele Leute auf die Seite belästigter Frauen geschlagen. Das liberale Hollywood will schliesslich anders sein will als die Donald-Trump-Gesellschaft, in der ein paar Klagen wegen sexueller Übergriffe egal sind.

Vielleicht kann die Aussicht auf ein unumkehrbares Karriereende ja Leuten wie Weinstein, und davon gibt es noch mehr, Einhalt gebieten. Wenn das nichts nützt, hat Hollywood wenigstens einmal in der Wirklichkeit die Haltung gezeigt, die sonst den Geschichten auf der Leinwand vorbehalten ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 21:23 Uhr

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Susan Vahabzadeh

Redaktorin Kultur

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