Der Heilige und seine Ballerina

Der letzte Zar Nikolaus II. war politisch ein Stümper. Heute gilt er als Märtyrer.

Trotz vorehelicher Affäre ein Heiliger: Nikolaus II. Bild: AP Photo/ Files

Trotz vorehelicher Affäre ein Heiliger: Nikolaus II. Bild: AP Photo/ Files

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Seit fast 100 Jahren ist er tot, doch im russischen Bewusstsein ist er quicklebendig: Nikolaus II., der letzte Zar. Grund für den jüngsten Aufruhr ist ein Liebesfilm. Das Kostümdrama «Matilda» zeigt die voreheliche Affäre des jungen Nikolaus mit der schönen Primaballerina Matilda Kschenssinskaja. Für konservative Christen ist das zu viel, sie laufen Sturm. Schliesslich ist Nikolaus II. seit 2000 ein Heiliger der orthodoxen Kirche. Die militante Gruppe «Christlicher Staat – Heilige Rus» warf Molotowcocktails gegen das Studio von Regisseur Alexei Utschitel und versuchte gar ein Sprengstoffattentat auf ein Kino in Jekaterinburg. Politiker kämpfen auf gesetzlichem Weg gegen die Veröffentlichung, noch bevor sie mehr als eine Vorschau des Films gesehen haben.

Wer ist der Mann, der als so heilig gilt, dass die blosse Darstellung seiner historisch verbürgten Liebschaft als «Beleidigung des russischen Volkes» inszeniert werden kann? Ein weiser Herrscher oder ein erfolgreicher Feldherr? Nichts davon. Seinen Ruhm verdankt der letzte Romanow einzig seinem Namen und seinem vorzeitigen Tod. Als die Zarenfamilie 1918 von Bolschewiken ermordet wurde, hatte Nikolaus seinen Thron längst geräumt. Die Februarrevolution von 1917 hatte ihn am Tiefpunkt seiner Herrscherkarriere erwischt. Es war das dritte Kriegsjahr, 1,5 Millionen russische Soldaten waren gefallen ohne nennenswerte Erfolge. Als im winterlichen St. Petersburg und Moskau die Brot- und Brennstoffversorgung zusammenbrach, gab Nikolaus den Befehl, auf die protestierenden Massen zu schiessen. Ebenso wie er dies schon zwölf Jahre zuvor, nach der russischen Niederlage gegen Japan getan hatte. Doch diesmal verweigerten die Soldaten den Befehl. Die Stimmung war gekippt gegen den Alleinherrscher, der sein Volk wie Leibeigene und Kanonenfutter behandelte und ihm demokratische Reformen verweigerte.

Video: Trailer «Matilda» Video: Youtube/ Kinostar Filmverleih GmbH

So autoritär er gegen aussen auftrat, so weich und empfindsam war Nikolaus in Person, ein Familienmensch, der vier Sprachen beherrschte und Gewalt und Krieg verabscheute – eigentlich. Ohne politischen Instinkt stolperte der zaudernde Zar ins Verderben. Er war getrieben vom Wunsch, seinen Vorvätern nachzueifern. Isolation und Aberglaube machten die Zarenfamilie zum Spielball zweifelhafter Figuren wie dem Wunderheiler Rasputin. Verletzlich und weich erscheint Nikolaus auch im Film, gespielt vom deutschen Schauspieler Lars Eidinger.

Das schmeckt den orthodoxen Patrioten im heutigen Russland nicht. Unter Jelzin und Putin wurde die lange geschmähte Zarenfamilie systematisch rehabilitiert. 1998 wurden ihre Gebeine mit viel Pomp in St. Petersburg neu beigesetzt. Heute gilt der letzte Zar als Inbegriff alter Stärke und russischer Grossmachtsansprüche. Bei einer Umfrage zum grössten Staatsmann der Geschichte landete Nikolaus II. auf Platz eins – vor Lenin und Stalin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2017, 19:44 Uhr

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