Der Mann, der gerne Gott wäre

«Risk», der Dokumentarfilm über Julian Assange und seine Wikileaks, scheitert schon an der Hauptfigur. Regisseurin Laura Poitras hat das zu spät realisiert.

Manipulator der öffentlichen Meinung: Wikileaks-Gründer Julian Assange. Szene aus «Risk». Foto: First Hand Films

Manipulator der öffentlichen Meinung: Wikileaks-Gründer Julian Assange. Szene aus «Risk». Foto: First Hand Films

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Julian Assange schaut seiner damaligen Freundin Sarah Harrison zu, wie sie in seinem Auftrag versucht, die amerikanische Aussenministerin Hillary Clinton zu erreichen. Das Jahr ist 2011, der Ort die Villa eines Bewunderers im englischen Norfolk. Im Jahr zuvor hat Wiki­leaks, die von Assange lancierte Enthüllungsplattform, 700'000 vertrauliche US-Dokumente zugespielt bekommen. Ein Journalist hat viele von ihnen unkontrolliert ins Netz gestellt. Assange will Clinton klarmachen, dass das ihr Problem ist und nicht seines. Seine Freundin müht sich ab, bekommt aber nur einen Subalternen ans Telefon.

Assange sitzt zurückgelehnt und beobachtet sie. Gelegentlich schiebt er ihr einen Zettel mit Anweisungen zu. Mit dieser Szene setzt «Risk» ein, das Por­trät der amerikanischen Dokumentaristin Laura Poitras über Julian Assange, den australischen Hacker. Innert sechs Jahren trifft sie ihn immer wieder, filmt Pressekonferenzen, Gespräche mit ihm und seinem Team, eine Unterredung mit seiner Anwältin in Stockholm, wo Assange sich gegen Vorwürfe von Vergewaltigungen verteidigen muss. Poitras zeigt ihn auch in der ecuadorianischen Botschaft von London, in die Assange vor fünf Jahren eingezogen ist. Und in der der 46-Jährige bis heute festsitzt, weil kein anderes Land ihm aus Furcht vor amerikanischen Gegenmassnahmen Asyl gewähren will.

Nicht sympathisch

Laura Poitras wurde vor drei Jahren mit «Citizenfour» bekannt, ihrem Dokumentarfilm über Edward Snowden, den ehemaligen Informatiker des US-Nachrichtendienstes NSA. Die Dokumentaristin war mit ihrer Kamera im Hongkonger Hotel dabei, als Snowden mit zwei Journalisten des «Guardian» Kontakt aufnahm, um zu belegen, in welchem Ausmass die amerikanischen Geheimdienste Bürger und Politiker weltweit überwachen. Die Amerikanerin bekam für ihren Film einen Oscar. Glaubhaft konnte sie Snowden, den IT-Mann mit dem Pfadfindergesicht, als Sympathieträger porträtieren. Dass Snowden kein anderes Motiv für seine Enthüllungen hatte als seinen Protest, zeigt sich schon daran, dass die Enthüllungen ihm nur geschadet haben.

Julian Assange wirkt in Poitras’ neuem Film weder sympathisch noch uneigennützig, und die Regisseurin braucht nicht lange, um das eine zu zeigen und das andere zu bestätigen. Julian Assange wurde als Computerheld der Transparenz bekannt, geriet dann aber als Manipulator der öffentlichen Meinung zunehmend in die Kritik. So wird er mitbezichtigt, Hillary Clintons Kampagne mit russischer Hilfe sabotiert zu haben.

«Mach doch auf belästigte Frau»

Je länger Poitras ihn filmt, desto grösser werden ihre Zweifel. Die Regisseurin formuliert diese aus dem Off, wobei man wissen muss, dass sie diese Kommentare nachträglich eingefügt hat, nach dem Bruch zwischen ihr und Assange und nach der Filmpremiere in Cannes. «Ich dachte, ich könne seine Widersprüche ignorieren», sagt sie einmal oder: «Julian führt seine Organisation wie einen Geheimdienst.» Sie erzählt von einem Albtraum, den sie über Assange hat, fürchtet ihren Verrat herbei und fragt sich, wie er darauf reagieren wird. Als wisse sie es nicht selber.

Diese nachträglichen Kommentare haben etwas Unfaires, weil Assange nicht darauf reagieren kann. Wer daraus schliesst, die Regisseurin habe ihre Hauptfigur aus der Distanz erledigt, liegt trotzdem falsch: Denn das besorgt Julian Assange gleich selber. In seinen Auftritten wirkt er kalt, kalkulierend oder wehleidig. Seine Körpersprache signalisiert Distanz, seine Gestik Herablassung, sein Gesicht lauerndes Misstrauen. Mit sonorer Stimme kommandiert er sein Team herum. «Do the assaulted feminine line», empfiehlt er seiner Freundin vor einer Pressekonferenz, «mach doch auf belästigte Frau». Seine Anwältin Helena Kennedy schockiert er mit Abschätzigkeiten über die Frauen, die ihn der Vergewaltigung angeklagt haben. «Rede nicht in dieser Sprache», sagt sie ihm.

«Ich glaube nicht an Märtyrer», sagt Assange einmal, der sich als Märtyrer der Wahrheit inszeniert, «vielleicht habe ich einen Gotteskomplex», gesteht er am Ende des Films: «Die Gegend, um die ich mich kümmere, ist die ganze Welt.» Wer sich dermassen gross macht, dessen Ego passt in keine Kamera. Aber die Regisseurin scheitert nicht nur an ihrer Hauptfigur. «Risk» wirkt formlos und repetitiv, dem Film fehlt die erzählerische Dramatik, die «Citizenfour» ausgezeichnet hatte. Manche der Schauplätze kommen einem beliebig vor, die Montage verwirrt, und die dazwischengeschnittenen Schrifttafeln mit Hinweisen darauf, was jetzt die letzten drei Jahre über geschehen ist, bieten keine Struktur, sondern belegen deren Fehlen.

Immerhin: Wer wissen möchte, warum sich unter den stetig wachsenden Gegnern von Julian Assange so viele ehemalige Freunde befinden, der weiss es nachher ganz genau.

Laura Poitras: «Risk», ab Donnerstag in den Schweizer Kinos

Erstellt: 31.10.2017, 16:51 Uhr

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