Der Moment, in dem das Mammut zu bluten beginnt

Christian Freis Dokumentarfilm «Genesis 2.0» am Visions du Réel verbindet Erdgeschichte und Gentechnik.

Schatzjäger heute: Auf den Neusibirischen Inseln werden Stosszähne von Wollhaarmammuts gesucht und gefunden. Foto: PD

Schatzjäger heute: Auf den Neusibirischen Inseln werden Stosszähne von Wollhaarmammuts gesucht und gefunden. Foto: PD

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Da sticht sie wieder, die alte Nyon-Frage: Wieso soll man sich eigentlich den ganzen Tag Dokumentarfilme anschauen, wo man doch sonst schon genug Realität um die Ohren hat? Das Festival Visions du Réel hilft einem dabei, indem es immer irgendwie gleich bleibt. Die roten Container mit den Ticketkassen auf der Place Communale stehen jetzt zwar nicht mehr quer, sondern längs am Platz, eine kleine Revolution. Und gabs letztes Jahr schon Pizza Bufalina? Any­way, es herrscht aufgeräumte Aufbruchsstimmung unter der neuen künstlerischen Direktorin Emilie Bujès, die zuvorderst auf Kontinuität setzt.

Man erkennt das daran, dass Stammgast Christian Frei wieder angereist ist. «Genesis 2.0», eine Kollaboration mit dem an der russischen Polarmeerküste geborenen Regisseur Maxim Arbugaev, stellt Hightech und Archaik einander gegenüber und läuft auf die Frage zu, ob Wissenschafter, die ausgestorbene Urzeittiere wiederauferstehen lassen wollen, eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben. Arbugaev schickt dem Zürcher dazu Aufnahmen von den Neusibirischen Inseln im Arktischen Ozean, wo Schatzjäger unter grosser Anstrengung Stosszähne von Wollhaarmammuts suchen. Sie finden nicht nur einen in der Kälte erstaunlich gut erhaltenen Mammutkadaver; einmal rinnt tatsächlich Blut über das Eis. Mammutblut. Irr.

«Wir hätten die Gewehre mitbringen sollen», sagt einer in «When the War Comes», als Flüchtlinge vorbeiziehen.

Christian Frei kümmert sich in den USA derweil um die furchterregenden Versprechen der biologischen Hochtechnologie. Er trifft George Church von der Harvard University, einen Superstar der Molekularbiologie, der aussieht wie ein frisch gewaschener Einstein. Ihn begeistert die Idee, Mammut-Genmaterial ins Erbgut Asiatischer Elefanten einzucodieren. Klingt crazy, aber noch durchdacht im Vergleich zu den Forschern aus Korea und China, die für 100'000 Dollar den toten Lieblingshund klonen und ansonsten finden, Gottes Werk sei noch nicht perfekt. Und wenn man schon dabei sei, könne man in Zukunft auch ausschliessen, dass Babys mit Downsyndrom überhaupt noch geboren werden. Keine ethischen Bedenken? Die chinesische Wissenschafterin lächelt eine Sekunde lang. Darauf versteinert sich ihr Gesicht in aller Härte. Es ist wahrscheinlich das erschreckendste Fossil im ganzen Film.

Offizieller Trailer zum Dokfilm «Genesis 2.0». Video: Vimeo/Christian Frei

Dass die Tundra auf den Neusibirischen Inseln inklusive vorbeiziehender Eisschollen von sich aus schon hochgradig mythologisch wirkt und aus dem Off ausserdem Formulierungen wie «the code of life» fallen, trägt zum Weltgeraune von «Genesis 2.0» bei. Es geht hier um die Entschlüsselung aller biologischen Materie; um die Hybris, Kontrolle über die Evolution zu erlangen und das Erbgbut in Datenzentren zu speichern. Man könnte sagen: Das Pathos hat man sich durchs Thema durchaus verdient. Aber so orgiastisch, wie die Musik von Max Richter und des russischen Komponisten Eduard Artemjew auftrumpft, hätte es wirklich nicht sein müssen.

Gruselige Trugbilder

Auch die dialektische Montage von Biotech und Urzeitschlamm wäre stark genug ohne den Bedeutungsbombast, ohne den man bei Christian Frei («Space Tourists») allerdings selten auskommt. Wieso vertraut er nicht mehr auf seine beobachtende dokumentarische Konzentration? Sie wirkt vor allem dort, wo er sie auf den Profit mit dem Genom richtet. Hier das Lumpenproletariat der Stosszahnjäger, dort die Bio-Ingenieure des Beijing Genomics Institute in ihren teuren Showrooms. Vielen Dank fürs Mammutblut, aber den ganzen grössenwahnsinnigen Rest erledigen jetzt wir.

Inzwischen ist einem auch wieder aufgegangen, wieso man immer wieder nach Nyon fährt: Die Realität, von der man schon genug hat, ist ja immer auch randvoll mit privaten Illusionen und ausgewachsenen Wahnvorstellungen, die kilometerweit über das hinausschiessen, was der Fall ist. So richtig gruselig wurden die Trugbilder in «When the War Comes» von Jan Gebert. Slowakische Jugendliche treffen sich da zu Trainingscamps im Wald, um ihre Nation im Ernstfall gegen Flüchtlinge, Roma, Afrikaner und alles andere, was irgendwie anders ist, zu verteidigen. Bis aufs Blut, wenn es sein muss, weshalb diese Buben schon mal in Camouflage-Kleidung durch die Fussgängerzonen marschieren und auf den Wiesen mit Gewehrkolben in die Luft stossen – während die Freundin des Anführers Peter das geschnittene Brot vorbeibringt.

Die «Slovenskí branci» sind eine paramilitärische Jugendmiliz, geduldet von Polizei und Regierung und nicht ungern gesehen als Security an offiziellen Anlässen. Die Eltern denken vielleicht, es könne nicht schaden, wenn sich die Knaben ihre eigene Pfadi organisieren, so kommen sie immerhin an die frische Luft. Auch das Beret müssen sie ihnen waschen, aber was diese Rekruten einer neonationalistischen Ideologie dann von sich geben, ist nicht zu fassen. «Wir hätten die Maschinengewehre mitbringen sollen», sagt einer, als ein Flüchtlingstrek an ihnen vorbeizieht. Für diese gedrillten Identitären – alle tragen den Kurzhaar- und Polo-Shirt-Look der jungen amerikanischen Neonazi-Szene – ist alles, was mit helfen zu tun hat, schwul. Die Invasion dagegen, der Krieg gegen die eigene Nation und die Idee einer panslawischen Grösse: steht alles kurz bevor. Dagegen rüsten sie sich jetzt. Und wenn man denkt, so etwas Irres gibts doch nicht: Gibts eben doch, es ist bereits Teil der Realität.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 18:49 Uhr

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