Der Name des Films

«Lina», «Anna», «Sibylle»: Die Solothurner Filmtage zeigen neue Schweizer Filme mit prekären Frauen.

Lina wird zur «Nacherziehung» ins Frauengefängnis gebracht. Foto: Pascal Mora (SRF)

Lina wird zur «Nacherziehung» ins Frauengefängnis gebracht. Foto: Pascal Mora (SRF)

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Man muss ja auswählen im Leben: Vorspeise oder nicht? Solothurn oder Sundance? Die beiden Festivals finden gleichzeitig statt, wobei jenes zwischen den Schneebergen in Utah etwas berühmter ist. Ein dort anwesender Schweizer Kritiker stichelte in einem Blog gegen das unerhebliche Festival an der Aare. Aber eben: Wenig ist so provinziell, wie aus der Fremde aufs Eigene zu zielen. Wir haben hier auch ewiges Weiss! Es ist halt Nebel, doch wenn er sich hebt, kitzelt die Sonne.

Und die Filme kitzeln die Seele, die immer hungrig ist an einem Festival. Sie nährt sich von der Verblendung durch Fantasie. Aber auch von der Hoffnung, an sich selber etwas zu entdecken, was im Trott ein wenig verloren geht – die Sehnsucht oder die Libido. Wir haben etwa einen vergleichsweise heftigen Filmkuss gesehen, im Drama «Lina» mit der jungen Rabea Egg. Überhaupt hat der Schweizer Film eine zu wenig gewürdigte Tradition von Titeln mit weiblichen Vornamen, vergleiche «Marie-Louise», «Rosie» oder «Victoria».

Bauchfreie Oberteile

In Solothurn heissen sie «Lina», «Le temps d’ Anna» und «Sibylle». In die Lina haben sich gleich mehrere verliebt, obschon dieser Fernsehfilm von Michael Schaerer schwere dramaturgische Startschwierigkeiten hatte. Aber dann reiste er zurück in die Sechzigerjahre, als die Jugendlichen bauchfreie Oberteile trugen und die Welt umstürzen wollten: Die Verkäuferin Lina verliebt sich in einen Bürgersohn und Revoluzzer. Doch weil ihr Vater säuft und die Mutter hilflos am Fenster raucht, diagnostizieren die Behörden bei Lina einen liederlichen Lebenswandel und sperren sie ein. Erst in der Umerziehungsanstalt, dann im Frauengefängnis in Hindelbank.

Wenn man im Schweizer Film auf etwas zählen kann, dann das: Die Autoschilder sind immer historisch korrekt. Dass man mit der Realität der Gegenwart mehr Mühe hat, ist zumindest interessant. «Lina» schwamm sehr geschmeidig in der alten Zeit, als Schmerzarbeit über die Ungerechtigkeit der «administrativen Versorgung» jener, die den Schaffigen nicht in die Norm passten. Also auch als sozialhistorisches ­Relevanzkino mit Gratisapplaus. Aber dann auch als Passionsgeschichte einer Frau, die eingezäunt wurde und sich aufbäumte – getragen von einer Liebe, die grösser war als die Gesellschaft.

Es sind die Umstände, die krank machen – «Lina» setzte ihnen die Verstrahlung des Gefühls entgegen. Man war da schon ein wenig liebeskrank, und man blieb es noch in «Le temps d’ Anna» des polnischstämmigen Regisseurs Greg ­Zglinski. Wieder ein historisches Drama über Umsturz und Aufwallung: Ein politisch engagierter Uhrmacher in La Chaux-de-Fonds heiratet in den 20er-Jahren eine Dame aus besserem Haus. Diese beginnt Stimmen im Kopf zu hören und schlägt sich auf den schwangeren Bauch, weil sie das Geflüster nicht mehr erträgt. Die Diagnose, die sie bekommt, stimmt dann tatsächlich, das ist umso trauriger. Und doch ist es erneut eine Lektion in der Kraft der Liebe, gepflegt inszeniert mit Hang zur Romantik. Es sah dafür mehr nach Kino aus und weniger nach Freitagabendfernsehen.

Weisses Rauschen im Telefon

Und die Unheimlichkeit war noch verhalten eingesetzt. Allerdings, das muss man auch mal sagen: Das Stammpublikum in Solothurn ist sehr schreckhaft, was Erschütterungen durch Effekte angeht. Auch seine Humorkultur ist, wie soll man sagen, nicht besonders avanciert. Man lacht mit jedem Moderationskasper und klatscht umso lauter, je mehr man vorher schon einverstanden war. Da braucht es noch Unterricht! Nur bitte nicht mit einem Humorprogramm.

Lieber mit den Sinnesverzerrungen, die der Genrefilm bietet. Der Schwyzer Michael Krummenacher, einer der Einpeitscher hinter dem «Heimatland»-Film, probiert es mit dem Psychothriller «Sibylle»: Eine Architektin wird Zeugin eines Suizids, worauf sie nicht mehr sich selber ist. Ein Kreischen befällt ihre Wahrnehmung. Aus gewöhnlichen Dingen läuft Blut heraus. In der Telefonleitung ist weisses Rauschen, und vielleicht hat hier einer zu viel Polanski und Dario Argento und eventuell sogar Lucio Fulci studiert – die Referenz ist das italienische Krimigenre Giallo und das Ergebnis ein zitatenreiches, aber auch effektives Muskelspiel der Verstörung.

Sibylle, Anna, Lina! Allesamt Frauen unter Einfluss, denen man folgte, weil man im Kino nicht mehr sich selber ist. So wird einem das Eigene ja auch fremd, und es liegt so nah.

Erstellt: 26.01.2016, 18:51 Uhr

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