Der Regisseur unserer Ängste

Der Franzose Jacques Tourneur ging nach Hollywood und verfilmte dort Trash-Stoffe über Katzenfrauen und Dämonen. Nun zeigt ihn das Festival in Locarno.

Epochal verdorbener Film noir: «Out of the Past» mit Jane Greer und Robert Mitchum von Jacques Tourneur. Foto: Beta Film

Epochal verdorbener Film noir: «Out of the Past» mit Jane Greer und Robert Mitchum von Jacques Tourneur. Foto: Beta Film

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man stelle sich vor, ein Wissenschafter flieht vor einer Wolke. Nur das, eine Wolke und ein Forscher, der durch den nächtlichen Wald davonrennt. Diese Szene kommt vor in «Night of the Demon» (1957) von Jacques Tourneur. An ihr kann man schon vieles von dem ­ablesen, was sein Kino so fantastisch macht. Es steckt voller eindringlicher Schauerbilder rund um Ängste, die tief aus dem Unbewussten zu kommen scheinen. Vernunft und Übersinnliches, Licht und Schatten kollidieren hart. Oft ist die Hauptfigur auf sich allein gestellt, als sei sie verdammt oder verhext. Nur bleibt das, was ihr zustösst, letztlich unerklärlich, weil der Plot nie ganz aufgeht. Und wenn wir bei der Wolke bleiben, dann hat man jetzt auch eine Vermutung, woher die Autoren der Fernsehserie «Lost» die Idee zu ihrem Rauchmonster gehabt haben könnten.

Quer durch die Genres

Jacques Tourneur drehte Filme quer durch die Genres, Horror, Noir, Abenteuer, Western. In den letzten zwei Jahren hat Locarno mit den Retrospektiven zu Sam Peckinpah und zum deutschen Nachkriegskino Verrufenes und Vergessenes hervorgeholt – zweimal A-Kunst aus den Niederungen der B-Movies. Jacques Tourneur verkörpert das exemplarisch: das Genie des Handwerkers, den Einfallsreichtum des Kinosoldaten.

Tourneur erinnert uns wieder daran, weshalb wir uns Filme ansehen.

Er war ein Angestellter der Hollywoodstudios und gilt heute als klassischer Meister der Fantastik. Martin Scorsese schrieb, aus Tourneur-Filmen schöpfe er neuen Enthusiasmus fürs Kino. Und es könnte sein, dass sich die Locarno-Besucher auch irgendwann fragen werden, was sie das Jahr über eigentlich so gemacht haben. Denn Tourneur erinnert uns auch wieder daran, weshalb wir uns Filme ansehen.

Jacques Tourneur wurde 1904 in Paris geboren. Sein Vater, der Stummfilmregisseur Maurice Tourneur, war ein begabter, aber offenbar etwas kaltherziger Mann. Er liess seinen Sohn einige seiner eigenen Filme schneiden, ohne ihn in den Credits zu erwähnen. Wenn sich der Sohn nicht benahm, schickten die Eltern das Zimmermädchen in den Kleiderschrank und liessen es mit einem Bowlerhut klappern. «Das ist der Donnermann», sagten sie dann.

Ein bisschen ein Gespür für den unsichtbaren Schrecken muss Tourneur der Jüngere dabei mitgenommen haben. Die Familie zog bald in die USA, der Vater hatte dort grosse Erfolge, der Sohn arbeitete mit, aber dann gings wieder zurück nach Frankreich. 1934 aber entschied sich Jacques Tourneur, allein nach Hollywood zurückzukehren. Sein Vater gab ihm 100 Dollar. Tourneur stieg mit kleinen Jobs ein, wurde Second-unit-Regisseur für MGM, realisierte zahlreiche Kurzfilme. Der Produzent Val Lewton, der ein wichtiger Gefährte werden sollte, holte ihn als Regisseur für sein Einstandsprojekt beim Studio RKO. Das war ein Film namens «Cat People».

Der Schatten des Ohrensessels

Darin glaubt Irena, dass sie sich gemäss der Legende ihres serbischen Heimatdorfes in einen Panther verwandeln wird, sobald sie in Erregung gerät. Ihr Verehrer hält das für dummes Märchenzeug. Klang wohl schon damals bescheuert, Tourneur aber machte daraus ein unheimliches Meisterstück über ungezähmte Fantasien und die Furcht vor der Lust als etwas Bösem. Dunkelheit und Geräusche suggerieren raubkatzenhafte Gefahr, der Schatten eines Ohrensessels wirft Öhrchen an die Wand. «Cat People» wurde zum Hit.

«Night of the Demon» (1957). Video: YouTube

Nastassja Kinski, die Katzenfrau in Paul Schraders «Cat People»-Remake von 1982, ist gestern Abend auf der Piazza Grande geehrt worden. Am nächsten Donnerstag läuft dort auch «I Walked With a Zombie» (1943), eine weitere RKO-Produktion und neben «The Leopard Man» (1943) einer von Tourneurs beängstigendsten Filmen: Eine Krankenpflegerin soll auf den Westindischen Inseln zu einer Frau schauen, die sich nach einem Fieberschub wie eine Schlafwandlerin bewegt. Eine hypnotische Geschichte um Voodoo-Rituale entfaltet sich. Und die Frau, die neben einem Zombie ihre Wegstrecke zurücklegt, ist wie der Mann, der vor der Wolke flüchtet: Sie kommen in Kontakt mit ihren Angstbildern.

Wenn ein Star Allüren zu kriegen begann, konnte er laut werden.

Tourneurs oft nur 70 Minuten lange Gebrauchsfilme wirken so unerhört modern wegen ihres raffinierten Stils: ein effektvoller Flow, der die Effekte nie strapaziert. Aber auch, weil bei ihm eine gruselige Szene in Komik kippen konnte. Und nicht zuletzt wegen Tourneurs Umgang mit Schauspielern. Oft forderte er von ihnen, ihre Sätze halb so laut zu sprechen, damit sie eine andere Intensität bekommen. Gern versammelte er sie zur Probe um eine Gaslaterne, während ringsum Dunkelheit herrschte. Seinen Kameramännern sagte er: «Genau so hätte ich gern die Beleuchtung.» Auf dem Set muss er einer der untyrannischsten Regisseure der Filmgeschichte gewesen sein: zurückhaltend, entspannt, witzig, ein genussfreudiger Europäer im amerikanischen Studiosystem. Nur wenn ein Star Allüren zu kriegen begann, konnte er laut werden.

Jacques Tourneur blieb Regisseur auf Auftrag, wobei er aus richtig schlechten Büchern auch nicht immer etwas herausholen konnte. 1947 gelang ihm mit «Out of the Past» aber ein epochal verdorbener Film noir. Ein paar Jahre später zeigte er in «Night of the Demon» das Ungeheuer auf explizierte Art, aus heutiger Sicht wirkt der züngelnde Belal aber ein bisschen läppisch.

Gross bleibt Tourneurs Werk, weil es von der fiebrigen Fantasieproduktion handelt, die das Grauen sucht, das in der Erfahrung der Angst selbst steckt. «The deep shadows that light can cast», wie es einmal heisst: Am Ende sind es die rationalen Warner, die im Schattenreich gefangen bleiben. Die Katzenfrauen und Wolkenmänner sind da längst aufgebrochen in ein fremdes, weit seltsameres Land.

Das Filmpodium Zürich zeigt im Oktober Teile der Retrospektive.

Erstellt: 04.08.2017, 09:14 Uhr

Artikel zum Thema

Läuft alles super

Heute beginnt das 70. Filmfestival in Locarno. Die Zürcher Dominik Locher und Cyril Schäublin sind die einzigen Schweizer, die ihre Filme im Wettbewerb zeigen können. Mehr...

Die Erfindung des Kino-Salons unter freiem Himmel

Empörte Kritiker, immer wieder neue Handschriften: eine Chronik von 70 Jahren Locarno anhand seiner Direktoren (und seiner Direktorin). Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...