Der Schrecken danach

Vor einem Jahr stürmten zwei Islamisten die Redaktion von «Charlie Hebdo» und töteten elf Personen. Überlebende berichten nun im Film «Je suis Charlie» vom Attentat.

Der Film teilt das überhöhte Pathos nach dem Anschlag nur stellenweise. Foto: PD

Der Film teilt das überhöhte Pathos nach dem Anschlag nur stellenweise. Foto: PD

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Ergreifend sind die Passagen, in denen die Karikaturistin Coco (bürgerlicher Name: Corinne Rey) erzählt, wie sie die Redaktion von «Charlie Hebdo» etwas früher verlässt, um ihre Tochter in der nahe gelegenen Kinderkrippe abzuholen. Vorher will sie aber noch mit einer Sekretärin eine Zigarette rauchen. Als die Frauen vor dem Redaktionsgebäude stehen, tauchen plötzlich zwei Männer mit Kalaschnikows auf. Sie fordern Coco auf, an der Eingangstüre den Code einzugeben. «Wir wollen Charb!», schreien sie. Die Zeichnerin, das Gewehr am Rücken, tippt die Geheimzahl ein, und als Coco dies erzählt, kommen ihr die Tränen. Die islamistischen Terroristen richten ein Blutbad an. Zum ersten Mal habe sie gehört, wie es töne, wenn Schüsse abgefeuert werden: Es sei ein trockenes «Tak, Tak, Tak».

Der Film «Je suis Charlie» (Original: «L’humour à mort») lässt Karikaturisten und Verleger, Anwälte und Controller ausführlich zu Wort kommen. Sie haben das Attentat überlebt, weil sie zufällig ausser Haus oder in einem anderen Raum waren. Während Coco Gefühle zulässt, berichten die Männer meist mit schockstarrer Miene von dem Vorfall, der auch ihrem Leben ein brutales Ende hätte bereiten können. Die Regisseure Daniel und Emmanuel Leconte, Vater und Sohn, lassen diese Berichte auf die Zuschauer einwirken, ohne sie mit Zusatzinformationen anzureichern oder mit Interpretationen zu überhöhen. Auf diese zurückhaltende Weise wird der Schrecken bedrohlicher, und man glaubt geradezu zu sehen, wie die Worte ihre kathartische Wirkung entfalten.

Trailer zu «Je suis Charlie» (deutsch). Quelle: Youtube

Anhand von Archivmaterial blendet der Film auch in die kämpferische, aber glückliche Vergangenheit der für ihren Antiklerikalismus bekannten Zeitschrift zurück: hitzige Sitzungen, angeheiterte Redaktionsfeiern und Gerichtstermine, bei denen die Zeichner der Blasphemie angeklagt und mit Hinweis auf die Pressefreiheit freigesprochen werden. Wir begegnen in diesen Aufnahmen den Ermordeten, die für ihre Überzeugung, dass die Religion mehr Unheil stifte als Heil, lebten und arbeiteten. Für die Vordenker der Karikaturenzeitschrift, die eine Auflage von 60 000 Exemplaren erreichte (die Ausgabe nach den Morden wurde millionenfach gedruckt), war der Atheismus ein Bindeglied innerhalb der Redaktion: Er einte die Jungen und Alten in ihrem aufklärerischen Denken.

«Je suis Charlie» ist ein besonnener, ruhiger Film, der nur an wenigen Stellen das überhöhte Pathos teilt, das die Demonstrationen am 11. Januar befeuerte. Geeignet ist er für Zuschauer, die sich mit «Charlie Hebdo» bereits beschäftigt haben und mehr wissen wollen über den Hergang des Attentats. Da es Talking Heads sind, die konventionell ins Bild gerückt werden, muss man ihn nicht im Kino sehen. Geht man dennoch hin, wird man es allerdings nicht bereuen.

In Zürich ab Donnerstag im Kino Houdini.

Erstellt: 04.01.2016, 18:42 Uhr

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