Der seltsame Boom der Filmfestivals

Wenn am Donnerstag das 13. Zurich Film Festival beginnt, wird wieder der Kinobesuch glamourisiert. Aber warum eigentlich, wo es doch heute fast jeden Film fürs Tablet gibt?

Glamourfaktor am 12. Zurich Film Festival: Schauspieler Hugh Grant wurde letztes Jahr für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Glamourfaktor am 12. Zurich Film Festival: Schauspieler Hugh Grant wurde letztes Jahr für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Es ist die Geschichte von zwei Welten. Die erste heisst Kino, da gibt es ältere Menschen in Matineevorstellungen oder Kinder in Multiplex-Hallen. Die zweite Welt findet man bei den Leuten im Wohn- zimmer, sie besteht aus 4K-Fernsehern, auf denen Netflix oder ein «Game of Thrones»-Stream dubioser Herkunft läuft. Zwischen diesen zwei Welten gibt es durchaus Verkehr, etwa dann, wenn wieder ein «James Bond» anläuft. Viel weiter reicht der Austausch aber nicht. Die geübtesten Fileräuber schauen schon lange nicht mehr nach, was im Kinoprogramm läuft, meistens haben sie die Filme ohnehin schon heruntergeladen. Kinogänger steigen dafür nicht durch, wenn es um den neusten Kram geht, der im Netz gerade zirkuliert: «Broad City»? Das Louis-C.K.-Special? Nie gehört.

Nur an Festivals rücken die zwei Welten wieder näher zusammen. So wird es auch sein, wenn am Donnerstag das 13. Zurich Film Festival (ZFF) beginnt. Filmfestivals in der Schweiz werden gemäss dem Bundesamt für Statistik am häufigsten von der Gruppe der 15- bis 29-Jährigen besucht, mit zunehmendem Alter nimmt das Interesse stetig ab (vielleicht liegts am ganzen Wirbel). Ausserdem gibt es unter den Leuten, die mindestens ein- oder zweimal ein Schweizer Filmfestival besuchen, mehr Menschen anderer Nationalitäten als Schweizer. Das Publikum an Festivals ist deshalb deutlich durchmischter als jenes an einem typischen Kinoabend.

Dass es immer mehr Festivals gibt, ist nicht nur eine gefühlte Realität. Unklar bleibt aber, wie viele Filmfestivals weltweit jährlich stattfinden. Ein Journalist kam 2013 auf die Zahl 2954. Drei Viertel der Festivals, die er damals zählte, seien zwischen 2003 und 2013 gegründet worden. Allein im Raum Zürich werden pro Jahr rund 20 grosse und kleine Filmfeste durchgeführt: Zurich Film Festival, Kurzfilmtage Winterthur, International Arab Film Festival, Human Rights Watch Film Festival, Iranian Film Festival, Japanese Film Festival, Tibet Film Festival, International Smartphone Film Festival, Schweizer Jugendfilmtage, Filme für die Erde, Nebenrolle-Natur-Filmfestival, Global Eco Film Festival, Pink Apple, Porny Days, Fantoche, Videoex.

Woran liegt es, dass heute anscheinend jeder Kulturhipster nach Feierabend noch ein wenig sein Filmfestival kuratiert? Und weshalb steigt ausgerechnet in dem Moment die Zahl der Festivals an, in dem die grosse Migrationswelle der Filme eingesetzt hat, die das Kino hinter sich lassen und zu uns auf die Screens und Handys flüchten – von der ersten in die zweite Welt?

Privatisierung des Raums

Skype-Anruf bei Lars Henrik Gass. Er muss es wissen, denn er hat das Buch zur Stunde geschrieben. Es heisst «Film und Kunst nach dem Kino». Die erste Auflage war rasch ausverkauft, nun ist eine aktualisierte Version erschienen (Strzelecki Books, 20 Franken). Gass leitet seit 20 Jahren die Kurzfilmtage Oberhausen. Für ihn ist klar, dass das Kino verschwindet: «Schaut man die Zahlen an, wird deutlich, dass die kommerzielle Auswertung des Films das Kino nicht mehr benötigt.»Für Gass ist das weder Grabrede noch Kultur­pessimismus.

Als Festivalleiter sichtet er selber praktisch alle Filme, die er sehen muss, übers Netz. Mit dem Niedergang des Kinos geht für ihn aber eine kulturelle Praxis verloren, die sich schlecht ersetzen lässt. «Kino zeichnet sich durch einen Zwang zur Wahrnehmung aus. Für eine bestimmte Dauer wird man einer fremdartigen Realität ausgesetzt – jenseits der eigenen Wahrnehmungsmuster.»

Auf dem Sofa herrscht dagegen die Zwanglosigkeit des Unterbrechens und Kühlschrank-Scoutings. «Auch der Film wird zurzeit der allgemeinen Privatisierung des Raums unterworfen: So wie Menschen mit dem Kopfhörer durch den Bahnhof gehen, so kann man sich nun eigentlich zu jeder Zeit Filme anschauen, allein auf dem Smartphone.» Heute kommt denn auch kein Festivalchef ohne den Hinweis auf die Entschleunigung aus, die der Kinobesuch in schnelllebigen Zeiten ermögliche.

Ein Paradox: In der Zeit, in der sich das Kino ans Verschwinden macht, beginnen die Festivals, den Kinobesuch umso glamouröser zu reinszenieren. Festivals könnten so die kulturelle Praxis des Kinobesuchs noch einmal erlebbar machen: «Sie können vielleicht noch ein Gefühl auslösen, dass man heute irgendwo in einem Kinosaal nicht unbedingt mehr erlebt, aber an einem Festival vielleicht schon.» Allerdings würden schon die Kinos verschwinden, in denen Festivals stattfinden können. In Rotterdam etwa hatte das Festival Probleme, überhaupt noch Säle zu finden.

Nationalistische Projekte

Historisch waren Filmfestivals nationalistische Projekte wie das von Mussolini in Venedig gegründete. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte Cannes die westliche Welt in einem modernen Licht erscheinen lassen. In den 60er- und 70er-Jahren kam es zu vielen Festivalneugründungen, weil im Hinblick aufs Kino ein Autorenbegriff aufkam. Gass: «Die Art, wie die meisten Cinephilen Film wahrnehmen, ist stark geprägt davon, wie Festivals ihnen Filme präsentiert haben, nämlich genau unter diesem Autoren­begriff.» In den letzten 20 Jahren hat sich die Situation noch einmal verändert: «Festivals sind im Grunde Teil eines Standortmarketings geworden.»

Damit verbunden ist ein neuer Filmstil, den die Festivals selbst mitprägten. «Festivals erzeugen jetzt eine Durchschnittsästhetik, die besser anschluss­fähig ist für Sponsoren und für ein grosses Publikum, die Projektions- und Darstellungsflächen bietet.» Vor dem Kino herrscht analoge Aufregung um tatsächlich anwesende Stars, im Kino läuft der «Festivalfilm», ein mittleres Problemdrama, das keinem wehtut. «Festivals ziehen Filme ohne Verstörungspotenzial nicht nur an, sie helfen sie durchzusetzen.» Von vielen Beiträgen aus Cannes, Berlin oder Venedig werde man in ein paar Jahren nicht mehr reden.

Für Lars Henrik Gass ist der Boom der Festivals nichts anderes als ein Symp­tom des Niedergangs des Kinos: Im Hintergrund klappen die Kinosäle weg, im Vordergrund zersplittert auch noch die Öffentlichkeit, wie man sie einmal verstanden hat. Denn die neue Wirklichkeit ist jene der zweiten Welt. Sie äussert sich im eigensinnigen Medienkonsum und in der Zugänglichkeit zu so ziemlich allem. Überhaupt in einer neuen Art der Subjektivität: In der technologisierten Freizeitgesellschaft hat sich laut Gass der Zugriff auf Bilder, aber auch auf Meinungen stark individualisiert. Man kann heute nicht nur schauen, sondern auch behaupten, was man will.

Das Festivalparadox hat demnach eine logische Lösung: Auch die Programmmacher der Festivals leben ja in der zweiten Welt, haben Zugriff auf eine Riesenmenge Filme im Netz, gestalten daraus Reihen. Es ist nur schon technisch einfacher geworden, ein Festival zusammenzustellen. Man führt es einfach immer noch in den alten Kinosälen durch. Die Frage ist: Wie lange noch?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 18:36 Uhr

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Viele Stars und 160 Filme

Glenn Close, die Marquise de Merteuil aus «Dangerous Liaisons», erhält am Sonntag den Golden Icon Award des ZFF und stellt das Drama «The Wife» vor, worin sie die zu kurz gekommene Frau eines Literaturnobelpreisträgers spielt. Schon am Freitag geht Alicia Vikander, Oscar-gekrönter Superstar aus Schweden, über den grünen Teppich. In den nächsten Tagen folgen als Ehrengäste Regisseur Rob Reiner («This Is Spinal Tap»), Autor Aaron Sorkin und die US-Schauspieler Jake Gyllenhaal und Andrew Garfield; ausserdem kommt Emmanuelle Seigner mit dem neusten Erotikthriller von Polanski. Vom 28. 9. bis 8. 10. zeigt das ZFF 160 Filme. (blu)

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