Der Star, der keine Schwächen zeigen darf

So nah wie nie: Der Dokumentarfilm «Diego Maradona» erzählt vom Aufstieg und Fall des Fussballgottes.

Diego Maradona, als er die SSC Napoli 1987 erstmals zum Meistertitel führte. Foto: Meazza Sambucetti (AP/Shutterstock/DCM)

Diego Maradona, als er die SSC Napoli 1987 erstmals zum Meistertitel führte. Foto: Meazza Sambucetti (AP/Shutterstock/DCM)

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Verhasst bei den Fans, süchtig nach Kokain, verfolgt von der Justiz und nach positivem Dopingtest zu einer einjährigen Spielsperre verurteilt: Es war der 17. März 1991, als Diego Maradonas Karriere zu einem abrupten Stillstand kam. Der argentinische Ausnahmefussballer war damals 30 Jahre alt, verheiratet, zwei Töchter, ein verleugneter Sohn. Doch weder die Führungsetage der SSC Napoli, die er zu zwei Meistertiteln geführt hatte, noch die Camorra, mit denen er Kontakte unterhielt, wollten ihr Aushängeschild noch stützen. 80’000 Menschen hatten Maradona bei seiner Ankunft 1984 im Stadio San Paolo zugejubelt. Als er sieben Jahre später wieder abreiste, war er allein.

Die Zeit dazwischen, in welcher der damals teuerste Spieler der Welt für Neapel kickte, ist jetzt im Dokumentarfilm «Diego Maradona» von zentraler Bedeutung. Regisseur Asif Kapadia zeigt, wie der beim spanischen Topclub FC Barcelona zuvor glücklose und nach einem brutalen Foul lange verletzte Argentinier ausgerechnet in der «Kloake Italiens» (gegnerisches Fan-Transparent) ein Wunder vollbrachte, indem er aus der Verlierertruppe SSC Napoli fast im Alleingang ein Siegerteam formte. Mehr noch interessiert den britischen Regisseur allerdings, wie Maradona diesen Erfolg verarbeitete und warum er letztlich daran zerbrach.

Maradona bei seiner Ankunft 1984 im Stadio San Paolo in Neapel. Video: DCM

Asif Kapadia ist ein Filmemacher, der sich auf Legendenporträts spezialisiert hat, einer, der Bild und Ton so zu manipulieren versteht, dass im Kino ein spielfilmähnliches Mass an Spannung resultiert. Das hat recht gut funktioniert: In «Senna» (2010) beleuchtete er die Formel-1-Karriere des Brasilianers Ayrton Senna, mit «Amy» (2015) errichtete der britischen Sängerin Amy Winehouse ein postumes Denkmal, der Film wurde mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. «Diego Maradona», der dritte Teil dieser Trilogie, ist nun insofern anders, als das Objekt von Kapadias Interesse noch lebt.

Gleich geblieben ist jedoch die Methode des Filmemachers. Diese besteht darin, Unmengen an unveröffentlichtem Archivmaterial aus Privatbesitz aufzutreiben (zum Beispiel Aufnahmen aus dem Armenviertel Villa Fiorito in Buenos Aires, wo Maradona als viertes von acht Kindern aufwuchs) und diese Bilder dann zu einer klassischen «Aufstieg und Fall»-Story zu verweben.

Von Medien und Fans belagert: Maradona bei seinem ersten Auftritt in Neapel. Foto: Alfredo Capozzi (DCM)

Dabei war es zweifellos kein Leichtes, Maradona selbst, dessen Ex-Frau Claudia Villafañe und die Ex-Freundin Cristiana Sinagra zu Aussagen über die damalige Zeit zu bewegen. Sinagra hatte 1986 einen Sohn namens Diego Armando zur Welt gebracht, der von seinem Vater nicht akzeptiert wurde. Das war kurz nach der Fussball-WM in Mexiko, wo Maradona Argentinien zum Sieg geführt hatte.

Der Ursprung des Niedergangs

Kapadia versucht in der Folge, diese Verleugnung zum Ursprung von Maradonas Niedergang zu stilisieren. Gleichzeitig nimmt er den Fussballer in Schutz, indem er behauptet, dass Maradona von niemandem in seinem Umfeld Hilfe bekommen hätte. Tatsächlich ist im Film zu sehen, wie der Argentinier permanent von Fans und Medien belagert und oft bis zu seiner Haustür verfolgt wird. «Ich möchte wenigstens daheim meine Ruhe haben», sagt Maradona einmal – und bekommt zu hören: «Dann musst du die Polizei rufen. Anders geht es nicht.»

Diego Maradona und sein damaliger Fitnesstrainer Fernando Signorini. Foto: Italo Cuomo (DCM)

Fraglich bleibt in dieser konventionell erzählten Heldenbiografie allerdings, wie nützlich der psychoanalytische Ansatz ist: Fussend auf einer Bemerkung des früheren Fitnesstrainers Fernando Signorini, wird im Film immer wieder zwischen Diego und Maradona unterschieden. Diego, so heisst es, sei der sympathische, scheue Junge, Maradona dagegen der kampfbereite, konfliktgeplagte Star, der keine Schwäche zeigen dürfe. «Mit Diego gehe ich bis ans Ende der Welt», sagt Signorini. «Aber mit Maradona mache ich keinen Schritt.»

«Mit Diego gehe ich bis ans Ende der Welt, aber mit Maradona mache ich keinen Schritt.»Fitnesstrainer Fernando Signorini

Das sind Erklärungsversuche, die aufgesetzt wirken und die es nicht gebraucht hätte, weil sie von der eigentlichen Kraft dieses Films ablenken. Statt zahlreiche «talking heads» zu bemühen, wie es in Dokumentationen üblich ist, erleben wir hier einen 130-minütigen Rausch der Unmittelbarkeit. Ja, man ist als Zuschauer so nah dran an Maradona, dass man ihn fast riechen kann – seis zu Hause, im Training, beim Spiel, am Fernsehen, an Partys.

Auf dem Höhepunkt: Maradona gewinnt 1986 mit Argentinien die Fussball-WM. Foto: Bob Thomas (Getty Images/DCM)

Der Grund für diese Bilderfülle: Der damalige Agent Jorge Cyterszpiler hatte zu Beginn der Achtzigerjahre zwei Kameramänner angeheuert mit dem Ziel, Maradonas Leben zu verfilmen. Kapadia profitiert nun insofern, als er bei Fussballspielen nicht auf die bekannten Fernsehbilder zurückgreifen muss, sondern immer wieder Aufnahmen von der Seitenlinie einschieben kann. Viel näher an Maradona kann man nicht kommen.

Die ergreifendste Szene des Films ist dann aber nicht etwa Maradonas Jahrhundertgoal am WM-Halbfinale 1986, als Argentinien gegen England gewinnt, sondern eine Weihnachtsfeier der SSC Napoli 1990. Einige Monate zuvor hatte Argentinien Italien im WM-Halbfinale geschlagen (die Partie fand ausgerechnet in Neapel statt), und jetzt zeigte sich: Maradona, der mit Drogeneskapaden und Verbindungen zur Camorra schon viel Kredit verspielt hatte, war jetzt eine landesweite Hassfigur, galt als der Teufel schlechthin.

Am Tiefpunkt: Maradona verlässt 1991 das Gerichtsgebäude in Neapel. Foto: Mario Siano (New Foto Sud/DCM)

Beim Weihnachtsessen hört man im Hintergrund die Spieler feiern. Die Kamera jedoch ist auf einen Mann gerichtet, der mit unbeweglicher Miene ins Nichts starrt, eine gefühlte Ewigkeit lang. Es ist Diego Maradona, der zu ahnen scheint, dass seine Karriere nicht mehr zu retten ist und ein beispielloser Absturz bevorsteht.

Trailer zum Film «Diego Maradona». Video: DCM

Erstellt: 05.09.2019, 12:22 Uhr

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