Der Stier steht im Schaum

Gibt es Fremdenhass gegen Tiere? Ein Besuch an den Kurzfilmtagen in Winterthur.

Der Stier findets wahrscheinlich eher lästig: Ausschnitt aus «Tourneur».

Der Stier findets wahrscheinlich eher lästig: Ausschnitt aus «Tourneur». Bild: PD

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Der Kurzfilm ist eine tückische Kunst: eine, in der Filmemacher bald einmal über ihr dramatisches Vermögen gelebt haben vor lauter erzählerischem Ehrgeiz und szenischen Fantasien. Ehe man sichs versieht, ist ja so ein Film in der Mitte noch ganz am Anfang, und zwischen Beginn und Ende hat ein unzureichend gestauchtes Stück Leben nicht genug Entwicklungszeit noch Atem, um einsichtig zu werden.

Es kommt recht oft vor. Es kommt, natürlich, auch vor im internationalen und im Schweizer Wettbewerb der 22. Kurzfilmtage Winterthur. Deshalb womöglich hat der Moderator eines Schweizer Filmblocks gleich am Anfang vom «Mut zur Lücke» gesprochen, der gute Kunst erzeuge und gute Moderationen.

Xenophobie gegen den Wels

Man sah dann sehr zärtlich gestaltete Beispiele von Lückenhaftigkeit. Poetische Kargheit könnte mans nennen. In «Le baiser du silure» (internationaler Wettbewerb) der Französin June Balthazard gewiss, dieser realistisch durchfröstelten, leicht mythischen, dokumentarischen Geschichte eines Fisches, der eigentlich nicht in französische Flüsse gehört. Vom Wels handelte das, welcher aus den Brackwassern des Schwarzen Meeres stammt, Silurus glanis, importiert zum Vergnügen der Sportfischer und zum Ärger der Jäger, die auf das fremde Monster schiessen, weil so ein opportunistischer Raubfisch auch junge Enten frisst. Sodass wir in einer konzentrierten Viertelstunde Film unter anderem erfuhren, wie eine kuriose Xenophobie sich gegen ein Tier richtet, das nichts für seine Natur kann.

Kurt Tucholskys alte Frage: Was tun Birkenblätter? Sirren, flirren, flimmern?

Die Haltung einer ökonomischen Poesie fand sich auch anderswo. Geheimnisvolle Skizzen. Oder glitzernde Naturlyrik wie in der schweizerisch-spanischen Produktion «Huile sur vent» (Schweizer Wettbewerb) von Alejandro Pérez. Da waren: eine umflutete Insel und ein alter Mann, der auf ihr Oliven erntete. Und es waren Wind in den Olivenbäumen und rauschender Regen über dem Wasser oder Sonne und Gesang; und wieder Wind in den Bäumen und, wenn man sie quasi analogisch hören wollte, Kurt Tucholskys alte Frage: Was tun Birkenblätter? Sirren, flirren, flimmern? Das alles hatte Ruhe und einfache Schönheit, obwohl die Bilderinszenierung in ihren Spiegelungen und Überblendungen ein wenig der Überfeinerung zuneigte. Das Kunsthandwerk war doch noch eng genug verwandt mit der Kunst.

Der Stier im Schaumhaufen

Eigentümlich, nebenbei gesagt, wie Filme sich in Filmen absichtslos spiegelten. Das Flirren und Sirren von Blättern auf einer Oliveninsel hatte seine Entsprechung in weissem Schaum, worin das Licht sich flimmernd und ständig sich verändernd brach. Im deutschen Beitrag «Tourneur» (internationaler Wettbewerb) war das, die Regisseurin Yalda Afsah liess dort einen jungen Stier in einen Riesenschaumhaufen treiben, der Wind blies Schaumfetzen zu skurrilen Formen, junge Leute jagten das verwirrte Tier in einer Art Blinde-Kuh-Spiel, und im Grunde sahs recht kindisch und etwas lästig für den Stier aus. Aber manchmal schien das Bild stillzustehen, dann wirkte es wie ein archaisches Tableau aus Mensch und Stier und Schaumlabyrinth, und derart halfen auch Zuschauerassoziationen ein klein wenig mit, aus einer pubertären Schaumparty Kunst zu machen.

Man kann in Winterthur zwischen Extremen flanieren, auch das. Von jener thailändischen Virtualität, in der Automaten von Meerblick, mafiöser Tourismuspolitik und Affen träumten (in «A Room with a Coconut View» von Tulapop Saenjaroen). Zum lakonisch konzentrierten Drama aus Nepal, in dem eine aufmüpfige junge Witwe unter die Gesetze einer traditionellen Gemeinschaft gezwungen wurde («The Moon Is Bright Tonight» von Abinash Bikram Shah). Feuerrituale gingen dort vor Zivilrecht. Und so zeigte sich in Winterthur Realität in kleinen Fragmenten. Aber manchmal erschien in Bruchstücken eine ganze Welt.

Bis 11. November. kurzfilmtage.ch

Erstellt: 10.11.2018, 09:03 Uhr

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