Der Streitbare

Abgewählt und ausgezählt? Einer wie Samir wird sich von der jüngsten Niederlage nicht unterkriegen lassen.

Gab dem Kulturhaus Kosmos ein Gesicht: Samir Jamal Aldin. (Foto: Keystone)

Gab dem Kulturhaus Kosmos ein Gesicht: Samir Jamal Aldin. (Foto: Keystone)

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Er zerstritt sich mit seinem Partner Bruno Deckert, dann wurde Samir aus dem Verwaltungsrat des Kosmos-Kulturhauses in Zürich abgewählt. Über das Wie und Warum wurde viel spekuliert; ob sich die beiden Gründer wieder zusammenraufen, erscheint fraglich. Um zu verstehen, wie Samir tickt, empfiehlt sich ein Blick zurück.

Prägend war zweifellos die Jugendbewegung der Achtzigerjahre. Obwohl Samir Jamal Aldin, wie er mit vollem Namen heisst, das damalige Videoformat nicht mochte («Aber alles, was ich hasse, muss ich erkunden»), konnte er als Regisseur erste Erfolge verbuchen. Zum Beispiel mit dem Experimentalwerk «Morlove», das vom Kunsthaus Zürich für die Videosammlung angekauft wurde. Zusammen mit seiner Partnerin Pipilotti Rist repräsentierte er damals so etwas wie das alternative Dream-Team.

In den Neunzigern gründete er mit dem Dokumentarfilmer Werner Schweizer die Filmproduktion Dschoint Ventschr. Die Firma erspielte sich innert kurzer Zeit den Ruf, eine Talentschmiede für junge Filmerinnen und Filmer zu sein. Sabine Boss, die später «Der Goalie bin ig» drehen und Studienleiterin Film an der ZHDK wird, oder zuletzt Anja Kofmel («Chris the Swiss») haben bei Dschoint Ventschr ihre ersten Filme gemacht.

«Das hat mit Samirs Selbstverständnis als Citoyen zu tun, der Politik als Intervention seiner Bürger begreift.»/p>

Dschoint Ventschr wird zum wichtigen Player, die Filme werden an grössere Festivals eingeladen, es gibt Auszeichnungen – auch für Samir und seine Ehefrau, die Regisseurin Stina Werenfels («Nachbeben»). Und dann sind da noch die Erinnerungen an früher. In «Forget Baghdad» reflektiert der Regisseur anhand von irakischen Juden im israelischen Exil über deren Leben zwischen den Kulturen. Er selbst, 1955 in Bagdad geboren, kam mit seinen Eltern 1961 in die Schweiz. «Iraqi Odyssey», sein bislang letzter Dokumentarfilm, handelt von seinen über die ganze Welt verstreuten Familienmitgliedern. Es sind Werke über Entfremdung und Identität, Filme auch, die in gesellschaftspolitischer wie in formaler Hinsicht (Splitscreens, 3-D-Technik) auffallen wollen.

Dieses Wirken als Regisseur und Produzent geht oft vergessen, wenn man von oder mit Samir spricht und bald bei der Kulturpolitik landet. Das hat mit seinem Selbstverständnis als Citoyen zu tun, der Politik als Intervention seiner Bürger begreift. Dann sind Schlagworte schnell zur Hand: impulsiv, avantgardistisch, rebellisch, gut vernetzt, eigensinnig, wirblig, streitbar. Man könnte einen Artikel über Samir auch gut mit Adjektiven bestreiten.

Samir gab dem Kosmos eine Verortung

Der 63-Jährige weiss, wie man ins Gespräch kommt und wie er im Gespräch bleibt, er weiss aber auch, wie man sich für Kollegen einsetzt. Vor den letzten Solothurner Filmtagen weibelte er mit einer Petition für eine breitere Werkschau und den vom Festival abgelehnten Essayfilm «Passion». Mit solchen Aktionen hat er sich ein Renommee erstritten.

Was das mit dem Kosmos zu tun hat? Samir gab dem Kulturhaus eine Verortung, eine Verpflichtung auch, an der renditeorientierten Europaallee kulturellen Mehrwert anzubieten. Er hat dem Ort ein Gesicht und eine Prise avantgardistischen Glanz verliehen. Wie es weitergeht, ist offen.

Erstellt: 05.07.2019, 21:25 Uhr

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