«Der Westen muss unterscheiden lernen»

Die Poetin Hissa Hilal aus Saudiarabien klagte am TV die religiösen Herrscher an. Am Dienstag kommt sie ans Filmfestival in Locarno. Ihren Gesichtsschleier wird sie dort ablegen.

Der Nikab schützt nicht nur Hissa Hilal, sondern auch ihre Verwandten. Foto: Stefanie Brockhaus, Andreas Wolff (aus «The Poetess»)

Der Nikab schützt nicht nur Hissa Hilal, sondern auch ihre Verwandten. Foto: Stefanie Brockhaus, Andreas Wolff (aus «The Poetess»)

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Die Lyriker kommen über den Laufsteg. Rundherum blinken Lichter, die Kamera fliegt über die Fake-Fassade eines Palasts. «Million’s Poet» auf Abu Dhabi TV ist eine hoch faszinierende Show, so etwas wie «Arabia’s Got Talent», nur, dass in der Castingshow keine Sänger gesucht werden, sondern die besten Poeten der arabischen Sprache. Sie setzen sich auf einen Sessel und rezitieren vor Studiopublikum und einer Jury ihre Gedichte. Es sind selbstverständlich alles Männer.

Bis auf Hissa Hilal. 2010 zog sie als erste Frau in den Final von «Million’s Poet» ein. Sie schaffte es auf Platz drei. Doch berühmt gemacht hat sie etwas anderes. In ihrem Gedicht «The Chaos of Fatwas» benannte sie die Monster, die das fundamentalistische Denken in ihrem Land entfesselt hatten: die Gewalt und die Glaubenstyrannei, die damals einige saudische Religionsgelehrte besonders vehement vertreten hatten – konkret im Hinblick auf die «Interaktion» der Geschlechter, in diesem Zusammenhang wurde auch schon mit der Todesstrafe gedroht.

Hilas Gedicht war aber nicht nur gegen die eigenen Muftis gerichtet, wobei das schon gewagt genug war. Es richtete sich allgemein gegen die extremistische Auslegung des Islam und all die, die den «Tod als von einem Gürtel umschlossenes Kleid» tragen. Nachdem sie ihre Zeilen im Reality-TV vor Millionen Zuschauern vorgetragen hatte, wurde es lange Sekunden still. Dann lobte sie die Jury für ihren Mut. Nach einer Woche kamen die ersten Todesdrohungen. Dann die Schlagzeilen: «Saudi Woman Poet Lashes Out at Clerics.»

Bitte keine Fotos

Öffentlich Kritik zu üben, erklärt Hilal am Telefon, sei für Männer in Saudiarabien im Grunde okay. Für Frauen aber nicht. Um ihre Verwandten – allesamt Unterstützer ihrer Lyrik – vor Anfeindungen zu schützen, trat Hilal im Fernsehstudio im Nikab auf, dem Schleier, der das Gesicht, nicht aber die Augen verdeckt. Wenn sie morgen am Festival in Locarno ankommt, wo «The Poetess», der Dokumentarfilm über sie, in der Reihe «Semaine de la Critique» vorgeführt wird, wird sie lediglich ihr Haar bedecken. Schliesslich reist sie ins Tessin, wo das öffentliche Tragen von Gesichtsschleiern seit 2016 verboten ist. Hilal bittet einfach darum, von ihrem Auftritt keine Fotos zu schiessen, das würde sie im eigenen Land in Bedrängnis bringen.

Die Dichterin kommt zum ersten Mal nach Europa. Und man könnte jetzt denken, dass das alles ganz wunderbar sei, denn da verlasse ja eine engagierte Frau ihr Land der Finsternis, um sich in westlicher Freiheit endlich aus ihrem Stoffgefängnis zu befreien. Wer so denkt, hat allerdings nicht viel begriffen. Denn es wäre ja noch schöner, wenn sich Hissa Hilal, Kämpferin für fortschrittliche Frauenrechte und arabische Lyrik, angesichts eines kantonalen Burkaverbots befreit fühlen würde, das aus denselben Gründen entstanden ist, gegen die sie ihr Gedicht für «Million’s Poet» ursprünglich geschrieben hat. Weil es nämlich überall Formen von ideologischem Extremismus gibt, befeuert von Leuten, die ihre Gesellschaften so umgestalten wollen, dass sie jene auszuschliessen beginnen, die angeblich nicht dazugehören.

Die Alten sind gemässigter

«Der Gesichtsschleier wird zu einem Symbol für Politiker, die eine bestimmte Vorstellung davon haben, wie ihr Land aussehen soll», sagt Hilal. Ein Burkaverbot werde so zur «Message», genauso wie es andererseits zur Botschaft an die Welt werde, wenn Islamisten ihre Frauen unter Schleier zwängen. Den Umgang mit Symbolen beherrsche man nämlich auf arabischer wie auf westlicher Seite. Dem Kampf der europäischen Feministinnen fühle sie sich zwar verbunden, denn für die Idee, dass Frauen tragen dürfen, was sie wollen, setze sie sich auch ein. Aber man müsse im Westen auch einmal lernen, zwischen den Gründen zu unterscheiden, weshalb eine Frau verschleiert ist. Zwingt sie eine patriarchale Macht dazu? Oder ist sie sich ein einfaches Leben gewohnt, als Beduinin in der Wüste? Dort habe die Verhüllung ihren Ursprung: als Schutz vor der Sonne und den Übeltätern der anderen Stämme.

«Es handelt sich um Erwachsene, denen man Respekt entgegenbringen darf.» Hilal redet auch in «The Poetess» über das harsche Leben in der Wüste, das sie als Kind selbst kannte. Heute aber hätten es viele in Saudiarabien hinter sich gelassen, man hat sich auch dort an die urbane Modernität akklimatisiert. Den «echten arabischen Geist» aber, den sie auch als Dichterin suche, die Kultur der Grosszügigkeit – das finde sie heute nur noch bei den Alten. Sie seien viel demütiger und weit weniger aggressiv als die nächste Generation, die Leute, die anderes glauben oder auf dem Körper tragen, nicht akzeptieren wollen. «Selbst in der Wüste trägt man nicht immer den Nikab. Und gekämpft hat man nur, wenn es wirklich ans Eingemachte ging.»

«The Poetess» von Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff: Dienstag, 11 Uhr, Kursaal, Locarno. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2017, 21:53 Uhr

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