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Steve Bannons apokalyptische Weltsicht

Der wichtigste Berater von Donald Trump hat seine Sicht auf die Welt in neun Dokumentarfilmen ausgebreitet. Für ihn verläuft die US-Geschichte in «Jahreszeiten». Die härteste stehe bevor.

Unheimliche Wolken: Szene aus Bannons Film «Generation Zero». Screenshot: TA
Unheimliche Wolken: Szene aus Bannons Film «Generation Zero». Screenshot: TA

Er ist der «Manipulator», der «Stratege» und «Einflüsterer» des Präsidenten. Aber niemand wurde so deutlich wie ein Journalist des politischen Magazins «The Atlantic», als er Steve Bannon der ­Öffentlichkeit als starken Mann hinter Donald Trump vorstellte: «Trump ist für ihn nicht einfach das, was er sich unter einem guten Präsidenten vorstellt. Trump ist Bannons Guillotine.» Die Metapher dürfte dem 63-Jährigen sogar gefallen. Denn der wichtigste Berater des neuen US-Präsidenten mag es martialisch. Und schliesslich hat er Trump in der «Vanity Fair» ja selber als «grobes Werkzeug» bezeichnet.

Wer wissen will, wie der Mann mit der Hand an der Guillotine denkt, kann das Archiv von Breitbart News durchforsten. Der rechte Blog, den Bannon leitete, bis Trump ihn letzten Sommer in sein Wahlkampfteam holte, zeigt das Panorama seines Denkens. Schneller auf den Punkt kommt «Generation Zero», der wichtigste der neun Dokumentarfilme, die Bannon seit 2004 entworfen und inszeniert hat. Er stammt von 2009, verhandelt die Ursachen und Folgen der Finanzkrise und gibt einen tiefen Einblick in das Weltbild des Mannes, der nicht nur, so Beobachter, die Aufmerksamkeit und das «vollkommene Vertrauen» von Trump geniesst, sondern der nun auch einen festen Platz hat im Nationalen Sicherheitsrat der USA.

Ein gar schönes Abziehbild

In anderen Filmen hat Stephen Bannon die Linien zwischen Freund und Feind geklärt, in Porträts über Ronald Reagan, Sarah Palin, die religiöse Rechte oder, auf der anderen Seite, die Clintons. «Clinton Cash», an dem Bannon mitschrieb, basierte auf der gleichnamigen Buchrecherche über die Stiftung des Politikerpaars und wurde letztes Jahr am Filmfestival von Cannes gezeigt. Wenig überraschend kommen die Clintons auch in «Generation Zero» vor – ein gar schönes Abziehbild geben sie her für die Verfilzung von Washington und Wallstreet, die Bannon als eine der Hauptursachen der Finanzkrise ortet.

Die vorhersehbare Kritik an den Clintons ist aber nicht das, was den Film sehenswert macht. Erhellender ist er in seinem Blick auf die Geschichte der USA; bereitet er seine Zuschauer doch auf eine grosse «Krise» vor. «History is seasonal, and winter is coming», so lautet nach 90 Minuten der letzte Satz: Die Geschichte wiederholt sich wie die Jahreszeiten, und was jetzt kommt, das ist der Winter. Dass Bannon dabei an einen grossen Krieg denkt, machte er 2014 in einer Rede klar, die er via Skype an eine Konferenz konservativer Katholiken in den Vatikan schickte. Er sagte: «Wir stehen am Anfang eines sehr brutalen und blutigen Konflikts.»

«Generation Zero» basiert auf der Arbeit zweier amerikanischer Hobby­historiker. Neil Howe und der inzwischen verstorbene William Strauss beschrie­ben in «Generations» (1991) die Geschichte der USA als wiederkehrende Folge vier unterschiedlich charakterisierter, archetypischer «Generationen». Das Buch wurde von Historikern als ­anregend gelobt und vor allem von Zukunfts- und Marketingforschern gerne zitiert. Al Gore, demokratischer Vizepräsident unter Bill Clinton, mochte es so sehr, dass er jedem Mitglied des ­Kongresses ein Exemplar schenkte.

Neustart alle 80 Jahre

Für Steve Bannon entscheidender war das nächste Buch von Howe und Strauss. «The Fourth Turning» (1997) ­beschrieb die US-amerikanische Geschichte als eine Folge von rund 80-jährigen, aus vier Generationen bestehenden Zyklen. Jedes Saeculum, wie die Auto­­ren diese Zyklen nennen, begann demnach mit einer grossen Krise. Sie brachte aber eine selbstbewusste Gesellschaft hervor, in der die Institutionen stark und der Individualismus schwach gewesen seien. Darauf folgte eine privilegierte Generation, welche die Werte und Institutionen infrage stellte und schwächte, was zu einer Phase des Egoismus und schliesslich in die nächste Krise führte.

Diese Krisen waren Kriege: Nach dem Unabhängigkeitskrieg (1775–1783), dem Bürgerkrieg (1861–1865) und der Grossen Depression, die in den Zweiten Weltkrieg (1939–1945) führte, so jedenfalls sagten es Neil Howe und William Strauss voraus, sei die nächste «Krise» also nach 2010 zu erwarten. Wenig überraschend fand die Prophezeiung unter Historikern nur noch wenig Anklang: Das Buch und sein deterministisches Geschichtsbild wurden mehrheitlich als vage und pseudo-wissenschaftlich abgelehnt. Und trotzdem tritt in «Generation Zero» mit David Kaiser auch ein ernst zu nehmender Historiker auf, der in Harvard gelehrt hat. An Howe und Strauss habe ihn damals die Idee interessiert, dass «der Tod einer alten politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Ordnung eine grosse Chance bedeutet für eine zielstrebige Bewegung oder Führerfigur».

Apokalyptisches Denken

Das schrieb Kaiser letzten November in einem Gastbeitrag für «Time History», nachdem Steve Bannon eine solche Führerfigur ins Weisse Haus orchestriert hatte. Der Historiker distanzierte sich nicht von seinem Auftritt, der Film bilde seine Aussagen fair ab. Kaiser erzählte aber, wie Bannon während dem Interview mehrmals betont habe, dass jede «Krise» auch einen Krieg mit sich gebracht habe, und dass die Kriege in jedem «Saeculum» noch grössere Verheerungen angerichtet hätten als im vorangegangenen. «Bannon erwartete einen neuen und noch grösseren Krieg», schrieb Kaiser. Und: «Er schien darüber nicht beunruhigt. Er wollte, dass ich vor der Kamera einen solchen Krieg voraussagen würde – was ich ablehnte.»

Den Bericht über seine Begegnung mit Bannon schloss David Kaiser mit dem Satz: «In jeder Krise blühen das apokalyptische Denken und die apokalyptische Rhetorik, und das ist womöglich die grösste Gefahr, die von Trumps Präsidentschaft ausgeht.» Tatsächlich dramatisieren Bilder von feuerfarbenen Wolken, Atomblitzen und tickenden Uhren die Thesen von «Generation Zero». Die Geschichtszyklen – und mit ihnen die Krisen und Kriege – kommen in diesem Film wie eine Naturgewalt über Land und Leute. Tornados, Lawinenniedergänge und Panzer rollen durch den Film. Es heisst: «Egal, wie dunkel es wird: Spätere Generationen werden zurückschauen auf unsere Zeit, als eine neue Welt entstand.»

«Egal, wie dunkel es wird. Neue Generationen werden zurückschauen auf unsere Zeit, als eine neue Welt entstand.»

Zitat aus «Generation Zero»

Der Film spricht es nicht aus, macht es in seinem Geschichtsverständnis und in seinen Bildern aber deutlich genug: Die USA brauchen einen neuen Krieg, um das «Böse» zu überwinden, das sich in Washington festgesetzt hat, und um die gesunden Werte der Fünfzigerjahre wieder ins Recht zu setzen – Familie, Religion, Nation, Antikommunismus, privates Unternehmertum und den weissen Lattenzaun. Natürlich, «Generation Zero» ist ein Propagandafilm und kein Regierungsprogramm. Er wurde gemacht, um die Fronten der Tea Party zu schliessen, und nicht, um den Kongress von einer neuen Politik gegenüber China oder dem Iran zu überzeugen. Und doch ist es nicht gerade beruhigend, den Film mit der notorischen Twitter-Politik aus dem Weissen Haus abzugleichen.

Mit Bannon ist ein Mann in den Nationalen Sicherheitsrat eingezogen, über dessen Kriegsfimmel immer wieder Leute berichteten, die mit ihm, dem ehemaligen Offizier, Investmentbanker und Blogschreiber, zusammengearbeitet haben. Sie erzählen vom kriegerischen Wortschatz, den Bannon gern auch laut benutzt, und von den Schlachtenbüchern und Militaria, in die er sich vertieft. Dazu pflegt er einen Spleen für den Honigdachs, einen Räuber, der Bienenstöcke plündert und Kobras verzehrt, ohne dass ihm die Stiche und Bisse etwas ausmachen würden. «Der Honigdachs gibt einen Scheiss drauf»: Bannon machte diesen Satz aus einem Tierfilm zum Motto für Breitbart News – mittlerweile dürfte er allerdings auch Trumps Pressesprechern helfen, durch den Tag zu kommen.

Schmerzlos geht auch Steve Bannon durch die Kriegs- und Naturgewitter seiner Filme. Wie er erklärte, hat ihn Michael Moore beeinflusst, der linke Agitprop-Filmer. Das mag gelten für seinen schnellen Collagenstil aus Dok- und Realitysequenzen, aus Trickfilm und historischem Footage. Was im Vergleich zu Moore aber fehlt, das sind Empathie und Humor. Was womöglich am zweiten wichtigen Einfluss liegt, den Bannon auf seine Regiekunst genannt hat: Sergei Eisenstein, den bekannten Stummfilmautor in der frühen Sowjetunion.

Der Occupy-Widerspruch

Für «Oktober» (1928) griff Eisenstein auf die Aufnahmen eines monumentalen Theaterspektakels zurück, das Nikolai Evreinov ein paar Jahre zuvor inszeniert hatte: Der hatte den Sturm auf den Winter­palast in St. Petersburg, diesen Putsch einer kleinen Elite, mit 100'000 Statisten als Massenereignis neu erfunden. Eisenstein übernahm die Szene für seinen Revolutionsfilm – und überlieferte damit eine «Wahrheit», auf die sich mangels anderer Bilder bald auch die Historiker beriefen.

In solch lichte Höhen alternativer Faktenproduktion schafft es Steve Bannon nicht. Aber an Eisenstein erinnert sehr wohl, wie er in «Occupy Unmasked» (2012) den Protest der Menschen fast durchwegs als gewalttätige Randale vermummter Anarchisten zeigt. Es gibt in seinem Film keine Bilder der endlosen, endlos langweiligen Debatten, die im Zentrum der Bewegung standen und diese schliesslich zermürbten, und auch nicht der rührigen Trommelkreise und anderer Protestfolklore. Auch in diesem Film ist Bannon vorab an Schlachtenbildern interessiert. Sie sollen das Bild einer Sturmtruppe zeichnen, die nicht etwa gegen die surrealen Spekulationen der Finanzindustrie protestiert, die vielmehr «die Freiheit hasst» und «die USA zerstören» will.

Es gibt Kurzschlüsse und Widersprüche in diesem Film: Warum etwa versandete Occupy sang- und klanglos, wenn die Bewegung doch von knallharten Kommunisten gesteuert war? Oder waren es doch, wie Bannon an anderer Stelle behauptet, die Hacker von Anonymous oder eine Journalistin der «New York Times», welche die Demos anzettelten? Dass die Propaganda nicht kohärent ist, ist aber nicht der Punkt.

Interessanter ist, was Bannon über die angebliche Taktik von Occupy sagt: «Sie wollen das Chaos erschaffen», heisst es im Film, «weil sie aus dem Chaos heraus Macht erlangen können.» Oder: «Das Thema, über das protestiert wird, ist nie das Thema. Gib deine Ziele nie bekannt. Das Thema ist immer die Revolution.» Man kann die Sätze genauso gut auf die Arbeit anwenden, die Bannon im disruptiven Wahlkampf für Trump geleistet hat – und die er nun in Washington macht.

Die Wurzel allen Übels

Umso merkwürdiger ist, wie wenig Verständnis und wie viel Hass dieser Film der Occupy-Bewegung entgegenbringt. Figurieren die «Haie» der Wallstreet – gern durch heranschwimmende Rückenflossen veranschaulicht – in «Generation Zero» doch in ganz ähnlicher Weise als Bannons eigenes und wichtigstes Feindbild. Und doch sieht er in den Studenten und Angestellten, die an der Wallstreet protestierten, nur Mitläufer und Dummköpfe, die sich versammelt haben, um Party zu machen und Sex zu haben. Als Anstifter im Hintergrund ­ortet er alte, diktatorisch organisierte Gewerkschafter. Es sind die politischen Gegner von Bannons Generation.

Es ist nicht beruhigend, Bannons Filme mit der aktuellen Twitter-Politik aus dem Weissen Haus zu vergleichen.

Und so löst sich der Widerspruch auf: Denn wie «Generation Zero» zeigen will, begann der amerikanische Abstieg in unserem Saeculum mit der revolutionären Linken der Sechzigerjahre – mit den «Children of Plenty», den Profiteuren des Wirtschaftswunders. Der Bonusnehmer von der Wallstreet ist bei Bannon nur die erwachsene Variante des hedonistischen Hippies, und die Schuld an der Subprime-Krise von 2008 trägt die afroamerikanische Bürgerrechts­bewegung: Sie habe dem weissen Amerika ein Schuldgefühl eingeimpft, das es den Banken dann nicht mehr erlaubte, schwarzen Antragsstellern den Hypothekarkredit zu verweigern.

Die Filme zeigen: Der wichtigste ­Berater des US-Präsidenten pflegt ein Geschichtsbild, in dem sich jede Krise der letzten drei Jahrzehnte auf die ­Verwöhntheit, den Egoismus und die Popkultur der Nachkriegsgeneration zurückführen lässt. Es ist ein Geschichtsbild, mit dem sich gegen die Geschichte argumentieren lässt: Wo die Zyklen des Auf- und des Abstiegs vorbestimmt sind, werden Finanzkrisen und Kriege geschichtslos wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter. «Jede Jahreszeit hat ihre Funktion», heisst es in «Generation Zero». Es ist ein Dokumentarfilm gegen die Aufklärung. Es ist ein Film auf der Suche nach einer Guillotine.

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