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«Der Wolf arbeitet nur, wenn er hungrig ist»

Mit Lilith Stangenberg sprach Andreas Tobler

Sie haben einmal von Momenten des Grössenwahns erzählt. Hatten Sie die auch beim Dreh von «Wild»?

Ich habe vielleicht ein Stück angeborenen Grössenwahn. Und der war bestimmt auch hilfreich für die Begegnung mit dem Wolf. Als ich das Tier vor dem Dreh erstmals traf, wusste ich ungefähr, was auf mich zukommt. Ich war irgendwie bereit, alles auf eine Karte zu setzen und dem Tier ohne Angst zu begegnen.

Sie waren angstfrei?

Meistens. Wölfe sind scheu, sie wollen nicht mit Menschen zusammen sein. Aber dieser Wolf war an Menschen gewöhnt. Zähmen kann man ihn trotzdem nicht. Auch aus dem Rudel nehmen kann man ihn nicht. Sonst nimmt ein anderes Tier seinen Platz ein. Deshalb ist unser Wolf auch immer mit seinem Rudel angereist, damit ich mit ihm spielen konnte.

Man kann mit dem Wolf spielen?

In gewissem Sinne schon. Man muss ihn verführen, sein Vertrauen gewinnen. Ich musste mich dem Tier hingeben und die Kontrolle abgeben. Ziemlich radikal. Und trotzdem immer hoch konzentriert sein, um in der starken Emotion meiner Figur auf das Tier reagieren zu können. Dafür musste ich das Vertrauen des Wolfs gewinnen, dass er keine Angst vor mir hat. Das war das Schwierigste.

Gab es keinen Computerwolf?

Nein, wir waren immer zusammen am Set. Aber wenn man will, dass der Wolf seine Zähne zeigt, muss man das provozieren. Dafür muss man dem Wolf eine Beute hinwerfen, die er nicht erreichen kann. Für eine Szene war das etwa eine halbe Kuh. Der Wolf arbeitet nur, wenn er hungrig ist. Trotzdem kann ich mir nun keinen besseren Spielpartner mehr vorstellen als einen Wolf.

Warum?

Sobald ich angespannt war, hat der Wolf angefangen, mir zu misstrauen. Der hat das gerochen. Das zwang mich dazu, wahrhaftig und ohne Hintergedanken zu spielen. Mir kam es denn auch immer so vor, als wüsste der Wolf etwas von mir, was ich selbst nicht weiss. Wenn er mich mit seinen gelben Augen anschaute.

Was erfährt man denn, wenn man dem Wolf in die Augen blickt?

Wir sind in unserer Gesellschaft ständig damit beschäftigt, alles zu kontrollieren und zu planen. Vielleicht geschieht dies aus Angst vor Unbekanntem. Alle arbeiten ja an einem gesunden Leben. Ich kann die Sehnsucht meiner Figur verstehen, auszubrechen und sich in einen lebensbedrohlichen Zustand zu begeben, indem sie ein Raubtier in die eigene Wohnung holt. Auch wenn ich selbst nicht die Radikalität der Figur habe.

Einmal verschwindet der Wolf mit seiner Schnauze zwischen Ihren Schenkeln. Das Raubtier als Chiffre für unsere verdrängten Triebe?

Das ist nur ein Aspekt. Ich finde, man schwächt den Film, wenn man ihn auf die Sexualität reduziert. Er geht weiter, er spricht von einem sehr grossen Gefühl, das wir alle kennen, das aber eher verstummt ist. Von der Sehnsucht nach dem Ausbruch. Der Film soll anstiften, dem Wilden mehr Platz zu geben. Leben fängt da an, wo wir aufhören zu funktionieren, hab ich kürzlich irgendwo gelesen.

Und dieses Gefühl lässt sich nur in der Grenzüberschreitung erfahren?

Nein, das ist ein Vorschlag. Man kann dieses Gefühl mit Sicherheit auch in der Liebe haben, in der Musik, der Kunst oder an der Börse. Ich etwa hole mir sehr viel aus meinem Beruf als Schauspielerin, was ja ein sehr verschwenderisches Metier ist. Das ist etwas, das ich am Theater gelernt habe. Man muss das schon ganz machen. Sonst werden die Arbeiten beliebig.

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