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Der Zorn der Ungerechten

Martin McDonaghs Film «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» ist der Aufreger der Oscar-Saison – aus genau den richtigen Gründen.

Mildred Hayes (Frances McDormand) wird von Polizist Bill Willoughby (Woody Harrelson) befragt. Foto: Twentieth Century Fox
Mildred Hayes (Frances McDormand) wird von Polizist Bill Willoughby (Woody Harrelson) befragt. Foto: Twentieth Century Fox

Eines Tages, siebzehn Jahre ist es jetzt her, fuhr der englisch-irische Filmemacher Martin McDonagh in einem Fernbus durch den tiefen Süden der USA. Irgendwo an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Florida, Georgia und Alabama sah er plötzlich Plakatwände am Rand des Highways, die in Riesenbuchstaben an ein Verbrechen erinnerten und zugleich die Polizei beschimpften – wegen Untätigkeit. Details habe er vergessen, sagt McDonagh, nicht aber «das unmittelbare Gefühl der Wut, das mir da entgegenschlug».

«Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» ist der Film zu diesem Gefühl. McDonagh hat die flüchtige Impression von damals in die fiktive Geschichte einer Mutter verwandelt, deren etwa sechzehnjährige Tochter vergewaltigt, angezündet und grauenvoll ermordet wird. Als sich sieben Monate später immer noch kein Hinweis auf den Täter gefunden hat, mietet die Frau drei Billboards am Ortsrand, klagt darauf die Polizei an und nennt den lokalen Polizeichef Willoughby sogar beim Namen. Das unmittelbare Gefühl ihrer Wut überträgt sich schon in den ersten Minuten. Man glaubt dieser Mildred Hayes, dass die örtlichen Polizisten lieber schwarze Verdächtige foltern und Donuts mampfen, als wirkliche Verbrechen aufzuklären.

Den trägen Männern einheizen

Mildred Hayes ist eine einfache Frau, die knallharte Dinge mit Witz sagen kann, ohne dabei den Blick zu senken. Sie wird von Frances McDormand gespielt, für deren Raubeinqualitäten schon einige Paraderollen geschrieben worden sind – nicht zuletzt von ihrem Ehemann Joel Coen. Diese hier aber gehört zu den besten – es fällt einem schlicht niemand ein, der einem phlegmatisch-selbstzufriedenen Männertrupp mit vergleichbarer Entschlossenheit einheizen könnte. Einen Golden Globe hat sie dafür schon bekommen, ein Oscar dürfte folgen.

Was dann aber doch überrascht, besonders angesichts des grauenhaften Mordes im Hintergrund, ist die untergründige Komik, die sich von Anfang an in die Szenen einschleicht. Liegt es an den Dumpfbackenqualitäten des Hilfspolizisten Jason Dixon (Sam Rockwell), dessen Eskapaden grossen Raum einnehmen? Oder ist es eher ein nervöses ­Lachen, weil McDormand all die leidenden Mutterfiguren der Kunst- und Filmgeschichte auf den Kopf stellt? Eine Frau, die ihren ganzen Schmerz für sich behält, ihren ganzen Zorn aber ungefiltert auf die Welt loslässt – das wirkt over the top und gerade deshalb sehr befreiend.

Eine echte Komödie ist «Three Billboards» allerdings nicht. Das wird spätestens bei der ersten grossen Konfrontation klar. Polizeichef Willoughby, verkörpert von dem ebenfalls grossartigen Woody Harrelson, ist sich nämlich nicht zu schade, seine Anklägerin in ihrem Holzhaus am Rand des Orts zu besuchen. So stehen sie sich dann gegenüber, er in seinem makellosem weissen Sheriffhemd, sie in einem schmutzigblauen Overall, den sie nie auszuziehen scheint.

Mildred Hayes setzt sich trotzig auf eine Kinderschaukel. Er aber erläutert recht überzeugend noch einmal, dass die DNA-Spuren vom Tatort nun mal mit keiner Datenbank übereinstimmen, dass die Vorschriften es ihm nicht erlauben, jeden Mann im Umkreis zum Speicheltest zu zwingen. «Viel mehr können wir nicht tun», sagt Willoughby und wirkt auf einmal mindestens so glaubwürdig wie seine Gegnerin. Die aber starrt nur unversöhnlich in die Ferne. Da sieht Willoughby die Zeit gekommen, seine letzte Karte zu spielen: Er sei schwer krank, Bauchspeicheldrüsenkrebs, bald werde er sterben. Das wisse doch jeder hier, antwortet sie. Und als er dann wirklich die Fassung verliert und fragt, warum sie seine Blossstellung trotzdem durchgezogen habe, meint sie: «Wenn Sie erst mal krepiert sind, wären diese Billboards ja wohl weniger effektiv.»

Spätestens an dieser Stelle kommt man um die Erkenntnis nicht mehr herum, dass diese Mildred Hayes schwer gestört ist – der Verlust ihrer Tochter hat sie zu einer Art Monster gemacht. Und ihr Hauptgegner wird dann auch nicht mehr der Sheriff sein, sondern sein Helfer Dixon, der noch gestörter ist als sie. Er ist der Rassist, der schwarze Verdächtige gefoltert haben soll.

Letzte Hoffnung ist der Rassist

Das Ziel von Martin McDonagh ist eine dramatische Ironie, die so hart ist, dass es wehtut. Ginge es nur darum, das ­Unerträgliche auszuschlachten, könnte einem dieser Erzähler nun pervers vorkommen. Da er aber die konventionelle Klaviatur der Gefühle gar nicht bedient, was will der dann? Vielleicht geht es ihm um den Respekt vor den Grausamkeiten des Lebens selbst. Denn Mildred Hayes muss schliesslich erfahren, dass Dixon – dieses rassistische Muttersöhnchen – ihre letzte Hoffnung sein könnte, den Mord an ihrer Tochter noch zu sühnen.

Ironien wie diese gibt es. Sie sind brutal und sinnlos, sie tragen weder zu moralischer Klarheit noch zum Fortschreiten des Weltgeists bei. Einigen amerikanischen Kritikern war das dann aber zu viel. Wie könne man eine Figur wie ­Dixon ins Zentrum rücken, seine Opfer, die Schwarzen in Ebbing, aber zu Randfiguren degradieren? Diese Debatte wird sich bis zu den Oscars noch verschärfen. Für Martin McDonagh spricht, dass sein erzählerischer Fokus nicht nur die schwarzen Charaktere an den Rand drängt. Die krasseste Randfigur ist die ermordete Tochter, der – ausser ihrer schrecklichen letzten Szene – keine einzige positive Erinnerung gewidmet ist.

«Three Billboards» liest man am besten als einen Metafilm. Als einen cleveren Essay über die Tendenz unserer Zeit, schnelle Urteile zu fällen, harte Lager zu bilden und sich gleich sicher zu sein, wie absolut verkommen die Gegenseite ist. Worum es McDonagh geht, ist die Wut seiner Zuschauer, ihre Gefühle, die er verwirrt, erschütternden Umkehrungen unterwirft und mit riesigen ­Fragezeichen entlässt. Dass deshalb nun eine Debatte läuft, die ihn aus allen ­Oscar-Empfehlungen ausschliessen will, beweist nur die Klarsicht seines Films – und die Richtigkeit seiner Analyse.

Ab morgen in den Kinos.

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