Die Entfremdung von der Natur 

Peter Mettler, Regisseur mit Schweizer Wurzeln, zeigt in «Becoming Animal», wie der Mensch den Bezug zur Biosphäre verliert.

Der amerikanische Philosoph David Abram in einer nicht ganz unberührten Landschaft im Grand Teton National Park in Wyoming. Foto: Premiere Pro

Der amerikanische Philosoph David Abram in einer nicht ganz unberührten Landschaft im Grand Teton National Park in Wyoming. Foto: Premiere Pro

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Beinahe bewegungslos hält die Kamera zwei bis drei Minuten auf einen äsenden Elch. Das Tier dreht langsam den Kopf zur Seite, steht auf und wankt aus dem Bild. Ein anderer Elch betritt die Szene, senkt sein Hinterteil und pisst auf den Waldboden. Dieses Geräusch übertönt das Rauschen eines Baches, das Summen von Insekten und das Zwitschern von Vögeln.

Diese wortlose Anfangssequenz von «Becoming Animal» gibt das gemächliche Tempo vor, mit dem Peter Mettler und Co-Regisseurin Emma Davie ihren neuen Filmessay erzählen. Wer sich auf diese kontemplative Stimmung einlässt, wird 80 Minuten betörendes Kino erleben. Der kanadisch-schweizerische Regisseur, bekannt für seinen poetischen Dokumentarismus, hat die Naturschönheiten im Grand Teton National Park in Wyoming in erhabenen Bildern eingefangen: Herbstblätter, die der aufkommende Wind bunt durcheinanderwirbelt; Bäche, die tosend die Stille der Wälder durchbrechen; Schnecken, deren Fühler behutsam die Steine abtasten.

Alles ist beseelt

Begleitet werden diese Impressionen von den Ausführungen des Philosophen David Abram, der dem Animismus, der Lehre von der Beseeltheit der Natur, neues Leben einhaucht. Er führt die beiden Filmemacher in die wilde Natur, posiert vor imposanten Landschaftskulissen und erklärt in leicht verständlichen, mitunter etwas raunenden Worten seine Gedankenwelt. Sein Buch «Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt» von 1996 war ein Bestseller; nach seiner 2010 erschienenen Studie «Becoming Animal. An Earthly Cosmology» ist nun der Film benannt.

Für David Abram ist die Wahrnehmung eine körperliche und nicht bloss eine mentale Erfahrung. Wenn wir die Welt mit all ihren Dingen wahrnehmen, setzen wir stets die sinnliche Vorstellungskraft ein, und zwar lange bevor sich der Verstand daran macht, mit seinen Kategorien ordnend einzugreifen. «Wenn wir uns auf diese Art von Fühlen einlassen, scheinen die Grenzen unserer Körper offen und veränderbar zu sein.»

Nicht nur wir nehmen Bäume und Pflanzen wahr, auch diese nehmen uns wahr – genauso wie sie auf Licht und Temperatur reagieren. Es geht Abram um die Wechselseitigkeit der sinnlichen Anschauung, um das reziproke Verhältnis von Subjekt und Objekt. Das, was wahrgenommen wird, nimmt nicht nur (wahr), es gibt auch (zurück). Wenn er mit seiner Hand etwa eine Birke berühre (was er im Film dann auch macht), so spüre er zugleich, wie der Baum ihn berühre: «Die Sinneswahrnehmung ist von Natur aus animistisch.»

Wechselseitige Beziehung

Dieses archaische Wissen ist uns laut Abram heute ebenso versperrt wie die Einsicht, dass es eine «mehr-als-menschliche Sphäre» gibt. Weil sich der Homo sapiens als ein der Natur entgegengesetztes oder gar gegensätzliches Wesen versteht, verliert er Pflanzen und Steine, aber auch Elemente wie Wind und Wasser immer mehr aus dem Blick und dem Bewusstsein. «Es geht uns nur noch um uns selbst», erklärt David Abram mit ruhiger, getragener Stimme – dabei braucht er den Klimawandel nicht einmal zu erwähnen, der exemplarisch zeigt, wie gefährlich diese Selbstbezüglichkeit ist. «We are human only in contact with what is not human», heisst es im Abspann des Films.

«Becoming Animal» macht uns mit Geduld erforderlichen Aufnahmen bewusst, wie fern und fremd uns die Natur geworden ist – trotz oder gerade wegen der romantischen Überhöhung und Idealisierung. Die technologische Entwicklung, insbesondere die weltweite Digitalisierung seit dem 21. Jahrhundert, hat die Abkoppelung von der Biosphäre massiv vorangetrieben. Zwischen die Menschen und die Erde hat sich die Technik geschoben, was uns, paradox genug, die Filmtechnologie eindrücklich vor Augen führt.

Gerade weil Letztere eine Distanz zur realen Welt impliziert, spricht Peter Mettler von einer «Hassliebe». Aber das Medium Film sei, so differenziert er im Gespräch, äusserst mächtig und geeignet, Empfindungen und Gefühle zu wecken. «In diesem Paradox stecken wir fest», sagt der 60-jährige Regisseur.

Mit den Mitteln, welche die Entfremdung herbeigeführt haben, müssten wir auch versuchen, diese wieder zu überwinden.

Peter Mettler, dessen philosophisch grundierte Filme zur Toronto New Wave gezählt werden (z.B. «Picture of Light»), weiss, dass es kein Zurück zu einem vermeintlichen Urzustand gibt. Jede Lösung muss dort ansetzen, wo der Fortschritt bereits angelangt ist; alles andere wäre naive Nostalgie und Flucht in eine Scheinwelt. «Auch das, was wir selber erschaffen, all die Dinge, die uns umgeben und das Leben einfacher machen, ist letztlich ein Teil der Natur», sagt der Sohn nach Kanada ausgewanderter Schweizer. Und er zeigt auf den Tisch, das Wasserglas und sein Handy. Einen Gegensatz zwischen «nature» und «culture» gebe es im Prinzip nicht, formuliert Peter Mettler auf Englisch, das ihm vertrauter ist als die Mundart.

Der Geist in der Luft

Mit den Mitteln, welche die Entfremdung herbeigeführt haben, müssten wir auch versuchen, diese wieder zu überwinden. An dieser Krux komme man nicht vorbei, allein schon der Begriff «Natur» zeige an, dass es einen Abstand zur realen Natur gebe – auch wenn man die Sprache selbst als Teil der Natur verstehen könne, wie David Abram im Film erklärt: Er führt die Herkunft der Begriffe «Geist» und «Spirit» auf «Luft» und «Wind» zurück. Wenn diese Rückbesinnung auf unsere Sinne nicht geschehe, drohe eine wirkliche Entkoppelung von der Biosphäre – mit der Folge, dass nicht die Natur als Ganze, aber wir als ein Teil von ihr dem Untergang geweiht seien.

Peter Mettler teilt die Einschätzung David Abrams, dass «die ökologische Krise auch eine Krise der Wahrnehmung ist». Trotzdem seien die Dreharbeiten, die sich über vier Jahre hinzogen, stets eine Gratwanderung gewesen: Denn hinter jeder Vereinfachung oder Repetition der animistischen Thesen lauerte der esoterische Kitsch. «Neben der Übersetzung in adäquate Bilder lag die grösste Herausforderung darin, nicht in diese Falle zu ­tappen. Humor und Selbstkritik waren Mittel dagegen.»

Einmal witzelt Co-Regisseurin Emma Davie über ein seltsames Brummen im Wald, das sie vernommen haben will, einmal hängt ein Mikrofon in das Bild einer unberührten Landschaft. Schliesslich machen die gefilmten Autofahrten klar, wie sich ein noch so ökologisch gesinnter Philosoph seinem Forschungsgegenstand nähert. Abrams Meinung, dass sich nicht nur Hunde und Halter gleichen, sondern auch Fahrer und Auto, passt nahtlos in sein Weltbild – denn auch hier zeitigt die reziproke Wahrnehmung offenkundig sichtbare Folgen.

Filmstart ab 25.10. in den Kinos.Premieren mit Peter Mettler:Zürich: 24.10., 21 Uhr im Riffraff.Bern: 25.10., 20.30 Uhr im Rex.Winterthur: 26.10., 20.15 Uhr im Cameo. Das Zürcher Xenix widmet demRegisseur im November eine Retrospektive. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2018, 18:12 Uhr

Peter Mettler

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