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Die Filmemacherin mit dem behutsamen Blick

Seit dem Erfolg der Komödie «Toni Erdmann» gibt die Produktionsfirma Komplizen-Film im deutschen Kino den Ton an. Jetzt folgt der nächste Wurf: «Western» von Valeska Grisebach.

«Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht schreiben», sagt Valeska Grisebach über ihren neuen Film «Western». Foto: Oliver Wolff
«Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht schreiben», sagt Valeska Grisebach über ihren neuen Film «Western». Foto: Oliver Wolff

Manchmal ist auch Berlin-Mitte nur ein Dorf. Zum Beispiel beim Cafe Ribo an der Ackerstrasse. Da ist es gerade wie am Dorffest, an einem langen Tisch im Freien sitzt das Team aus Bulgarien, mit dem Valeska Grisebach ihren «Western» gedreht hat – der spielt nämlich im Osten, genauer in der bulgarischen Provinz. Ihre Tochter hüpft auch gerade hinzu und fragt etwas, von der Wohnung hierher ist es nicht weit. Auf einmal erscheint der Hauptdarsteller Meinhard Neumann, er trägt Stiefel und einen gewaltigen Hut wie ein Cowboy aus dem Kino. Ein ziemlicher Auftritt, es folgt ein grosses Hallo und ein herzliches Drücken. Der Cowboy hat zwei Kollegen bei sich, die mit ihren Kleidern nicht so ganz nach Berlin passen wollen. Einer von ihnen sagt, er sei schuld am Ganzen, er habe nämlich damals den Meinhard zum Pferdemarkt in Havelberg gekarrt. Dort hat ihn Valeska Grisebach für ein Casting angesprochen, darauf habe er die Rolle in «Western» bekommen. So war das, und am Abend ist jetzt die Premiere in Berlin. Deshalb sind alle hier.

Was es fürs Verständnis braucht

Man könnte sagen, davon handle auch «Western», der berückende Film von Valeska Grisebach. Dass man sich an einen Tisch setzt, trotz sprachlichen und kulturellen Hürden. Aber es geht natürlich um weit mehr. In «Western» fährt ein deutscher Bauarbeitertrupp nach Bulgarien, in eine Landschaft unweit der griechischen Grenze. Die Männer schrauben schwere Maschinen zusammen, um ein Wasserwerk zu bauen. Als sie sich einmal mit Bierdosen im Fluss abkühlen, erscheinen am anderen Ufer ein paar Bulgarinnen. Vincent, einer der Arbeiter, erlaubt sich mit ihnen einen dieser männerbündischen Spässe, die nicht sehr lustig sind. Anders der schweigsame Meinhard, der in der Folge auf sanftere Art auf die Bewohner des nahen Dorfs zugeht. Besonders mit dem ebenfalls wortkargen Adrian freundet er sich an. Sie verstehen sich nicht, aber sie nähern sich an. Das ist ja auch das Material des Kinos: Gesichter, aus denen die Kamera herausspürt, was es fürs Verständnis braucht. Zu denen man hinkommt, wenn man sich Zeit lässt.

Es hat ja auch eine Weile gedauert, bis die 49-jährige Valeska Grisebach ihren Film drehen konnte. Es gab Verschiebungen, weil Geld gefehlt hat. Produziert hat ihn Komplizen-Film, die Produktionsfirma von Maren Ade, Janine Jackowski und Jonas Dornbach in Berlin. Ihr grösster Erfolg wurde die Komödie «Toni Erdmann» von Maren Ade, die am vorletzten Cannes-Festival Lachschockwellen ausgelöst hat. Valeska Grisebach war dieses Jahr mit «Western» in Cannes. Mit Maren Ade verbindet sie auch, dass viel Zeit vergangen ist seit ihrem letzten Film; beide haben andere Jobs, beide haben Kinder bekommen. Bei Grisebach hiess der Film «Sehnsucht», ein leise kräftiges Drama ums Fremdgehen, angesiedelt unter Feuerwehrleuten in der deutschen Provinz. Und wie Ade ist auch Grisebach für den Dreh ihres neuen Film nach Osteuropa gefahren. Aber die Figuren, das sind ihre eigenen.

Gespielt werden sie alle von Laiendarstellern. Leuten also, denen man mehr oder weniger dabei zusieht, wie sie sich selbst sind. Meinhard wird verkörpert von Meinhard Neumann, der eigentlich Trödelhändler ist. Sein Kontrahent Vincent spielt der Ostberliner Reinhard Wetrek, von dem man denkt, man habe ihn schon in einigen deutschen Filmen gesehen. In Wahrheit haben ihn die Castingleute entdeckt, als er in Berlin die U-Bahn einrüstete. «Für mich sind die Darsteller sehr perfekt», sagt Valeska Grisebach im Gespräch. «Sicher gibt es Dinge, die man unperfekt nennen könnte. Aber so eine Virtuosität der Schauspielkunst, die hätte ich für die Geschichte falsch gefunden. Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht schreiben. Dinge, die mit dem Körper zu tun haben, die Pose auf dem Bau.» Die Posen, die Gesten, mit denen Meinhard Zigaretten ansteckt, «Western» lässt das alles wirken. Es ist ein Film für eine unheroische Zeit. Eine Zeit, in der sich die Menschen misstrauen. Der Fremde, der im Dorf ankommt, ist nur ein Motiv, das Grisebach dem Genre entlehnt. Ein Schimmel spielt eine Rolle, und statt dass ein Siedlertreck im Bach stecken bleibt, ist es ein Bagger. Und wenn Meinhard von der Verkaufsbude auf die Dorfstrasse hinaustritt, fehlt eigentlich nur die Pferdetränke.

Zentral für Grisebach ist dann das Duell zwischen Meinhard und Vincent. Sie ist mit Westernfilmen am Fernsehen aufgewachsen: «Ich wollte den männlichen einsamen Helden ins Zeitgenössische übertragen.» Es wirkt jetzt, als habe sich Claire Denis an einem Clint-Eastwood-Stoff versucht. «Western» ist ein Drama von ruhiger Intensität, fast archaisch, aber höchst modern und geschmeidig erzählt. Und es ist voll von den Resten der Realität. «Es geht darum, etwas herzustellen, was naturalistisch wirkt, zum Teil aber sehr künstlich hergestellt ist. Der Moment, wo das so knirscht.» Grisebach hat vor dem Dreh sehr viel Recherchematerial gesammelt, fürs Casting hat man sich fast 600 Leute angeschaut.

Filme vom Hier und Jetzt

Einmal lobt ein Bulgare gegenüber Meinhard, wie elegant damals die Uniformen der Deutschen ausgesehen hätten. Die Geschichte ist Teil von «Western», genauso wie die Fantasien von nationaler (und männlicher) Überlegenheit und die Bilder des Fremden, die in den Köpfen kleben und dazu führen, dass man sich in einem Verhältnis zum anderen sieht, bevor man ihn kennen gelernt hat. Und dann die Momente, in denen all das überwunden scheint. In denen sich einer wie Meinhard gegenüber der Welt öffnet, weil diese Welt noch etwas für ihn bereithalten könnte.

Mit «Toni Erdmann» und «Western» macht Komplizen-Film das derzeit spannendste deutsche Kino. Einige Regisseure rund um die Produktionsfirma entstammen dem, was man Berliner Schule genannt hat. Ein Kino, das ­konzeptionell gedacht war und rigoros gestaltet. Intellektuell aufregend, aber was Valeska Grisebach und Maren Ade für Komplizen-Film drehen, wirkt befreiter. Erzählerischer, figurenzentrierter, aber deshalb nicht weniger gegenwärtig. Deutsches Konfektkino mit ­Nazi-Statisten dagegen wirds von Komplizen-Film kaum geben. Historische Stoffe interessierten sie weniger, sagt Grisebachs Produzent Jonas Dornbach, der auch dabeisitzt. Komplizen-Filme sollen vom Hier und Jetzt handeln. Und vor Plots scheuen sie sich auch nicht, denn «Western» läuft auf einen ­Western-Showdown zu. Er spielt sich dann einfach etwas anders ab, als man denkt.

«Western» lebt von Valeska Grisebachs behutsamem Blick, vor dem sich die Dinge nicht aufspielen müssen. Als man sie darauf anspricht, wirkt sie auf einmal sehr gerührt. Das mag aber auch daran liegen, dass die Seele sowieso gerade aufgeraut ist, weil alle, die an «Western» mitgemacht haben, jetzt hier sind, aus Bulgarien und aus Deutschland. Und was das Kino angeht, die angeblichen Unterschiede von Unterhaltung und Nische: Diese Diskussion mache sie nur müde. «Es ist viel interessanter, sich füreinander zu interessieren.»

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