Die Schatzsucherin

Die französische Filmregisseurin Agnès Varda nutzte die Freiheiten der Aussenseiterin. Nun ist sie mit 90 Jahren gestorben.

Die Pagenfrisur war ihr Markenzeichen. Mit ihrem filmischen Werk hat sich die Französin ein Denkmal gesetzt.

Die Pagenfrisur war ihr Markenzeichen. Mit ihrem filmischen Werk hat sich die Französin ein Denkmal gesetzt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Meine Arbeiten haben viel weniger Zuschauer als die Filme, die hier üblicherweise ausgezeichnet werden», sagte Agnès Varda, als ihr 2001 der César für ihr Lebenswerk verliehen wurde. Mit dem Überlebensstolz der altgedienten Avantgardistin fügte sie hinzu: «Aber es gibt sie doch.»

Agnès Varda führte im Kino ein vergnügtes und gar nicht trotziges Nischendasein. Ihre Filme fanden ein treues Publikum, das im Lauf der Jahre nicht kleiner wurde. Sie war sich des Platzes bewusst, den sie im Filmgeschäft einnahm (und insgeheim vielleicht auch ihres Rangs in der Filmgeschichte). Ihre Aussenseiterposition erlaubte es ihr, sich Freiheiten zu nehmen und dadurch eine ungekannte Nähe zum Publikum zu gewinnen. «Manchmal hinterlassen Zuschauer», bemerkte sie einmal stolz, «ihre Briefe direkt in meinen Kasten in Paris.»

Ihrer Schaulust und Neugierde mochte die 1928 in Brüssel geborene Regisseurin nie Grenzen setzen. Als Fotografin hatte sie nach dem Krieg angefangen und die Auftritte Gérard Philipes, Jeanne Moreaus und Philippe Noirets im Théâtre Nationale Populaire von Jean Vilar festgehalten. Ihre Filme verraten zwar einen nachdrücklich weiblichen Blick – «L’une chante, l’autre pas» von 1977 zeigt ihr brennendes Interesse an unterschiedlichen Frauenbiografien –, aber als Galionsfigur des Feminismus liess sie sich nie vereinnahmen; allzu hingebungsvoll erkundet sie Entwürfe familiären Glücks.

Dank ihres Regiedebüts «La pointe courte» (1954) gilt sie als Wegbereiterin der Nouvelle Vague, gehörte aber nie ganz zum Kreis um Godard, Rohmer und Truffaut. «Anders als meine Kollegen von der Nouvelle Vague bin ich nicht vom Kino beeinflusst, sondern von der Malerei und den anderen Künsten», betonte sie. «Bei meinem ersten Film habe ich vor allem an William Faulkner gedacht.» Varda stand der Schule der Rive gauche näher, dem Zirkel von Chris Marker, Alain Resnais und ihrem Mann Jacques Demy.

Es hat eine schöne Triftigkeit, dass die Eheleute in jene Strasse in Montparnasse zogen, die nach dem Erfinder der Fotografie benannt ist: die Rue Daguerre, von der es in ihrer Dokumentation von 1976, «Daguérrotypes», heisst, hier rieche das Pflaster noch nach Provinz. Das Paar verband ein Gleichklang der Vorlieben; seine Filme ergänzen sich als Kommentar und Widerspruch. Mit ihrer pastoralen Dreiecksidylle «Le bonheur» setzte sich Varda 1964 beherzt dem gleichen Kitschvorwurf aus, der ein Jahr zuvor Demys «Les parapluies de Cherbourg» traf.

Sie wollte überrascht werden

Vardas Werk besitzt indes eine grössere Formenvielfalt. In Spielfilmen, Dokumentationen und anspielungsreichen Essayfilmen betrieb sie Feldforschung in einer zeichenhaften Welt. In «Les glaneurs et la glaneuse» (2000) barg sie aus den Überresten der Konsumgesellschaft Schätze, die kein anderer entdeckt hätte. Vardas Schaulust war zielgerichtet. Aber sie erwartete nicht, etwas bestätigt zu finden, sondern überrascht zu werden. Als Spurensucherin an den Randzonen der bürgerlichen Gesellschaft zeigte sie sich schon 1985 in «Sans toit ni loi», wo sie die letzten Wochen einer Obdachlosen (Sandrine Bonnaire) rekonstruiert.

Einer ihrer schönsten Filme ist der kurze Trailer, den sie 2004 für die Viennale drehte. Darin montiert sie Bilder von Salz- und Weizenfeldern zu einem prekären Refugium der Verbundenheit mit der Natur und den eigenen Wurzeln. Wie tief die Resonanz ist, die sie zwischen den Orten und der Seelenlage ihrer Figuren herstellt, zeigen schon ihr Kurzfilm «L’ Opéra-Mouffe» (1958), wo sie den Markt in der Rue Mouffetard mit dem empfindsamen Blick einer Schwangeren betrachtet, und erst recht «Cléo de 5 à 7» (1961), der in Realzeit das bange Flanieren einer Sängerin protokolliert, die auf das Ergebnis einer Krebsuntersuchung wartet.

Ihr Projekt einer dokumentarischen wie fiktionalen Besitznahme der Welt kulminierte 2008 in «Les plages d’Agnès». Das Erzählprinzip knüpfte direkt an «Les glaneurs et la glaneuse» an – Strände sind schliesslich Orte, an denen wundersame Dinge angeschwemmt oder zurückgelassen werden. Die Wiederbesichtigung von Drehorten war ihrem Publikum vertraut aus den drei Filmen, die sie über ihren verstorbenen Mann drehte, sowie dem Bonusmaterial ihrer DVD-Editionen: als Frage, was die Arbeit an einem Film den Mitwirkenden und Zaungästen bedeutet. Oder genauer: als Versuch, sich das gemeinsam erlebte Glück zu vergegenwärtigen.

«Les plages d’Agnès» schillert zwischen den Genres. Souverän verfügte sie über sämtliche Stilmittel, die ihr zu Gebote standen, montierte Fotos, Filmausschnitte, Archivmaterial und Tableaux vivants. Die Worte und Bilder durften bei ihr stets ein inniges, vieldeutiges und rätselhaftes Bündnis eingehen.

Zwar zog der Film eine Summe ihres bisherigen Werks. Zugleich zeugte er vom Elan des Aufbruchs. Varda profitierte von den neuen Ausdrucksmöglichkeiten, die ihr das Fernsehen und die Digitalisierung boten. Im Auftrag der Modefirma Miu Miu realisierte sie 2015 den magischen Kurzfilm «Les 3 boutons», im Frühjahr 2016 drehte sie mit dem jungen Fotografen JR, dem Star unter den französischen Street-Art-Künstlern, «Visages villages», wo sie Menschen porträtieren, die ihnen auf den Strassen Frankreichs begegneten. Dieses Jahr zeigte sie ausser Konkurrenz an der Berlinale ihren letzten Film: «Varda par Agnès», ein Selbstporträt, in dem sie auf einer Theaterbühne Platz nimmt und so witzig und persönlich wie immer über ihre Filme redet.

Nun ist Agnès Varda mit 90 Jahren gestorben.

«Visages villages» war letztes Jahr für den Oscar in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert. Im Film gehen Agnès Varda und der Streetartkünstler JR auf eine Reise. Quelle: Youtube (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.03.2019, 12:04 Uhr

Artikel zum Thema

«Eine Frau zu sein, ist noch kein Wagnis»

Interview Agnès Varda, die 86-jährige Doyenne der Nouvelle Vague, steht vor ihrem dritten Leben als Künstlerin. Nun nahm sie am Filmfestival Locarno den Ehrenleoparden entgegen. Mehr...

Zwei Künstler machen Provinzler glücklich

Für den Dokumentarfilm «Visages Villages» machen die 90-jährige Regielegende Agnès Varda und der Street-Art-Künstler JR die französische Provinz unsicher. Mehr...

Ehrenleopard geht zum zweiten Mal an eine Frau

Als zweite Frau überhaupt ist die französische Regisseurin Agnès Varda am Filmfestival in Locarno mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnet worden. Mit einem kleinen Scherz sorgte sie für Gelächter auf der Piazza. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...