Die Frau im blutigen Chanelkostüm

Natalie Portman brilliert im Kino als Jackie Kennedy – vor, während und nach dem Attentat auf ihren Präsidentengatten.

Als müsse sie das Schreckliche immer wieder erleben: Jackie Kennedy (Natalie Portman) nach dem Attentat. Foto: PD

Als müsse sie das Schreckliche immer wieder erleben: Jackie Kennedy (Natalie Portman) nach dem Attentat. Foto: PD

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Dann fragt er sie direkt: «Haben Sie die Kugel gehört?» Sie schaut ihn an, fassungslos. Er schaut zurück, unbeeindruckt. Die Gastgeberin ist Jackie Kennedy, Witwe des ermordeten John F. Kennedy, die traurigste Berühmtheit der Welt. Der Besucher heisst Theodor White, arbeitet als Reporter für das «Life»-­Magazin, ein schmaler Mann mit schlecht gebundener Krawatte, Pulitzer-Preisträger, erfahrener politischer Reporter. Er hat schon über John F. Kennedys Kampagne geschrieben, seine Zeitschrift brachte das Paar auf der Titelseite. Jetzt redet er mit Kennedys Witwe über Kennedys Ermordung.

Denn das ist die Geschichte, die Amerika hören möchte: Wie Jackie Kennedy das Attentat erlebt und die Tage danach überlebt hat. Wie das war für sie, im Auto durch Dallas zu fahren, als die Schüsse fielen und ihr Mann auf ihren Schoss sank. Ob sie die Kugeln gehört hatte, die sich in sein Genick bohrten, die seine Schläfe zertrümmerten. Wie das war, seinen blutenden Kopf in ihren weissen Handschuhen zu halten. Was sie dabei dachte, fühlte, fürchtete. Wie es ihr seither gegangen ist, während die ganze Welt zusah.

Unterschiedliche Ziele

Es ist der 29. November 1963 in Hyannis Port, dem Herrschaftshaus der Kennedy-Familie in Massachusetts, ein sonniger Wintertag an der Ostküste, eine Woche nach dem Attentat. Der Reporter und die First Lady reden stundenlang, aber sie können es nicht miteinander. Man merkt es vom Moment an, als sie ihm die Tür aufmacht.

Die beiden haben inkompatible Motive. Theodor White will die Wahrheit hören, Jackie Kennedy den Mythos sichern. Den eigenen und den ihres Mannes. So kämpfen beide um die Themenherrschaft, keiner will nachgeben. White tut es mit einer Kombination aus Forschheit, Herablassung und kühler Höflichkeit, Kennedy massregelt ihn, zeigt ihren Zorn und ihre Ungeduld. «Ich werde wohl nichts von dem schreiben dürfen, was Sie erzählen», sagt White einmal. «Ich werde es gar nicht gesagt haben», gibt sie zurück. Wenig später bricht sie in Tränen aus.

«Jackie», Trailer. Quelle: Youtube

Das Gespräch zwischen White und Kennedy, historisch verbürgt, liefert dem chilenischen Regisseur Pablo Larraín den Boden, auf dem er die Handlung von «Jackie» ablaufen lässt. Er braucht dieses Gespräch als Struktur, weil der Film in seinen Rückblenden heftig und häufig zwischen den Zeiten zuckt. Dadurch entsteht der Eindruck einer permanenten Gegenwart – als seien die Beteiligten in einer Zeitschlaufe gefangen und müssten das Schreckliche immer wieder erleben.

Der Film umkreist das Attentat mit Rückblenden auf die Jahre und Minuten vor Kennedys Ermordung und auf Jackie Kennedys Erleben in den Sekunden und Tagen danach. Larraín erzählt nicht chronologisch, sondern elliptisch.

Die Männer belehren

Auch das Attentat zeigt er im Lauf des Filmes mehrfach. Jackie Kennedy steht in der Air Force One vor dem Spiegel, betrachtet sich in ihrem rosa Chanel­kostüm und übt eine spanische Anrede. Sie steigt mit ihrem Mann aus dem Flugzeug, wird von der Menge umringt, lächelt angestrengt.

Dann steigen die beiden in die Präsidentenlimousine, fahren im offenen Verdeck durch Dallas. Schüsse reissen den blauen Novemberhimmel auf, der Präsident sackt zusammen und fällt zur Seite, das Auto rast mit dem Toten über leere Strassen ins Spital.

«Die Geheimnisse der Jackie Kennedy», Dokumentation. Quelle: Youtube

So genau hat wohl kein Film gezeigt, wie sich diese Sekunden und Tage für ­ Jackie Kennedy angefühlt haben müssen. Denn es geht dem Regisseur nur um sie. Alle anderen Figuren verschwimmen in der Kulisse, auch der neue Präsident Lyndon Johnson (John Carroll Lynch) und selbst Kennedys Schwager Bobby (Peter Sarsgaard), der ihr zu helfen versucht. Die Kamera lässt die Hauptfigur nicht aus den Augen. Sie folgt Jackie in die Einsamkeit ihrer Gemächer, wo sie das blutige Chanelkostüm auszieht, umkreist sie vor dem Spiegel, zeigt ihr verheultes Gesicht in Grossaufnahme, ihre bleiche, von ihrem dichten schwarzen Haar gerahmte Verlorenheit – und sie schaut auch zu, wie sie ihren Kindern erklärt, dass ihr Vater nicht mehr zurückkehren wird.

Jackie Kennedy wirkt immer alleine, auch wenn sie von Männern umgeben ist, denn die meisten wollen sie weg­haben, weichen ihr aus, wehren sie ab, belehren sie. Sie soll aus der Geschichte herausgeschrieben werden, es braucht sie nicht mehr.

Sie will den Ruhm verwalten

Als ihr das bewusst wird, begehrt sie auf. Sie mischt sich in die Vorbereitung der Trauerfeiern ein, legt sich mit Mitarbeitern von Lyndon Johnson an, provoziert die Leute vom Geheimdienst. Selbst bei der Autopsie ihres Mannes will sie dabei sein. Von diesem Wunsch nach Definitionsmacht handelt Pablo Larraíns Film. Er porträtiert die Witwe als Frau, die sich zum Ziel setzt, das Erbe des toten Präsidenten zu verwalten: seinen Ruhm.

Als er Präsident war, verglich der reale John F. Kennedy sein Weisses Haus gerne mit Camelot, dem sagenhaften Hof von König Artus. Im Film tut Königin Jackie alles, damit ihr Mann königlich in Erinnerung bleibt. Was die First Lady im Gespräch mit dem «Life»-Journalisten versucht, unternimmt auch dieses Kinoporträt: Er nutzt die Darstellung der Ereignisse jener Tage, um den Mythos seiner Figur wiederzubeleben.

Mythenbildung ist ein heikler Vorgang, gerade bei einer historischen Figur, die schon zu Lebzeiten mythische Züge trug. Denn die Mythologisierung schafft Verunklarung, sie überdeckt, was zu deuten wäre.

Natalie Portman spielt Jackie Kennedy mit einer obsessiven Brillanz, die in jeder Szene nach dem Oscar ruft.

Dass Larraíns Film trotzdem dermassen gelingt, hat mehrere Gründe. Der wichtigste liegt darin, wie eindringlich er das Drama seiner Hauptfigur nacherzählt. Dadurch wird sie lebendig, weit über den Mythos hinaus. Dazu kommt Larraíns hohe, durch die heftigen Sprünge und Auslassungen geschürte Intensität, sie ist cineastisch überwältigend. Auch die Rückblenden sind virtuos montiert, die Spannungen um das Attentat und das Chaos danach. Selbst der Soundtrack von Mica Levi kommt dem dramatischen Stil des Filmes zu Hilfe, kommentiert ihn mit kahlen Streichern, die wie eine Sirene klingen und dann wie ein Grablied.

Vor allem kann sich der Regisseur auf seine Protagonistin konzentrieren, weil er sich auf sie verlassen kann. Natalie Portman spielt Jackie Kennedy mit einer obsessiven Brillanz, die in jeder Szene nach dem Oscar ruft, für den sie eben – völlig zu Recht – nominiert worden ist. Zugleich spielt sie ihre Figur in ihrer ganzen, komplexen Widersprüchlichkeit: als eine schüchterne, aber ehrgeizige Frau, die Kunstgeschichte und Französisch studiert hatte, die bei Auftritten aber unsicher wirken konnte, geradezu naiv. Die bald verloren herumstand und dann wieder dominant fordernd auftrat. Die schon zu Lebzeiten in der Bevölkerung beliebter war als alle anderen Präsidentenfrauen vor ihr, obwohl sie einen mondänen, teuren Lebensstil pflegte. Die ihre Nebenrolle als Präsidentengattin akzeptierte, bei seinen Auftritten und Staatsbesuchen aber dermassen präsent war, dass Kennedy seine Beliebtheit auch ihr zu verdanken hatte.

Jackie Kennedy half mit, dass ihr Mann nicht vergessen ging. Natalie Portman hilft mit, dass wir uns an sie erinnern.


Pablo Larraín: «Jackie». USA 2016, 100 Minuten.
Ab heute in den Kinos.

Erstellt: 25.01.2017, 23:39 Uhr

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