Die freundliche Wärme der Illusionen

Mit «Shoplifters» gewann der Japaner Hirokazu Kore-eda dieses Jahr die Goldene Palme in Cannes. Eine zarte, hinterlistige Familiengeschichte.

Fein gesponnene realistische Poesie: «Shoplifters» von Hirokazu Kore-eda. Foto: PD

Fein gesponnene realistische Poesie: «Shoplifters» von Hirokazu Kore-eda. Foto: PD

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«Shoplifters», der Spielfilm des Japaners Hirokazu Kore-eda, handelt – ja, wovon eigentlich? Von Kälte und knurrenden Mägen. Von Wärme und Nudel­suppe. Von notdürftig begrabener Schuld. Von der Liebe und dem Hunger danach und der Frage, ob Liebe auch ist, wenn sie etwas kostet. 

Der Mensch in dieser unterkühlten, teuren Welt möchte es gern warm haben, und er muss sich kleiden und essen und sich waschen, in Japan möchte und muss er es genauso wie anderswo. Hier wie dort glimmt bei manchen das innere «Gefühlsöfelchen» noch, und es reicht, um sich aneinander zu wärmen. Andernfalls, und das kommt öfter vor, trifft Kälte auf Kälte. Eine Frost gewordene Wurstigkeit auf die andere. Oder, bestenfalls, eine Simulation von menschlicher Wärme auf eine andere. 

Talentierte Ladendiebe

Da ist nun diese Familie (nennen wir sie so, denn nach Familie sieht es aus): Grossmutter, Vater, Mutter, ein Sohn, scheint es, und eine Tante. Man nährt sich kümmerlich von Mundraub und eigentümlichen Rollenspielen. Aber die Stallwärme ist angenehm, und das Hungertuch, an dem man nagt, sättigt ausreichend.

Insbesondere sind Vater und Sohn – wenn sie es sind, denn seltsame Indizien von Fremdheit irritieren – sehr talentierte Ladendiebe, die auch beim gestohlenen Shampoo auf die richtige Marke achten. Und so lebt man dahin, mehr recht als schlecht, in kleinkrimineller Zivilisiertheit. Und im Innern ist die Herzenstemperatur noch so, dass die zwei Diebe nicht wegsehen, als sie in nächtlicher Kälte über ein kläglich vor sich hin frierendes kleines Mädchen stolpern, das seine Eltern, so scheint es, ausgesperrt haben.

Sie sehen nicht weg, sie nehmen es mit in die Wärme ihrer Ärmlichkeit, das Kind will gar nicht mehr weg, und in den folgenden Monaten entsteht etwas, das aussieht wie sanfte, familiäre Lebensharmonie.

Allerdings: Was da wirkt wie handfeste Melodramatik, ist ein Drama von brüchigen Existenzen. Immer «wirkt» es «wie» in dieser Erzählung, scheint es, sieht es aus, als sei etwas – bevor es dann ganz anders ist.

Heizmaterial der Gefühle

Das aber macht den Zauber und das Geheimnis von Hirokazus Film aus. Die Spannung eines Kriminalfalls auch, der im dramatischen Hinter- und Untergrund modert. Und sozusagen: eine fein gesponnene realistische Poesie, die erwägt, ob es nicht doch ein richtiges Leben im falschen gibt. Ob es nämlich, wenn man sich an der Prosa der Realität die Seele abfriert, nicht besser wäre, man dürfte sich an die Illusionen halten. Etwa an jene von der Entstehung der Liebe aus dem Geist des Eigennutzes.

Die Illusion, die vielleicht nur aussieht wie eine Wirklichkeit, wäre dann das Heizmaterial der Gefühle. Wenn man es abbrennt, wäre es zwar immer noch kalt, wahrscheinlich, aber man vergässe womöglich eine Zeit lang das Frieren.

In Zürich in den Kinos Arthouse Alba und Riffraff.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.12.2018, 18:04 Uhr

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