Die gerettete Ehre von Papas Kino

Das Filmfestival Locarno und das Zürcher Filmpodium widmen dem westdeutschen Film zwischen 1949 und 1963 eine weitgefächerte Retrospektive.

Es stinkt ganz gewaltig aus Gräbern und Mooren: Szene aus dem Film «Kirmes» von 1960. Foto: PD

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Das hätte manch einem Deutschen so gepasst nach dem verlorenen Krieg: Dass ein paar Jahre der Scham ins Land gehen würden, aber dann wäre es doch genug, und die Toten wären beweint und begraben, und die Schuld, an der man ja selber gar nicht schuld sei, wäre bezahlt, denn einmal müsse man doch vergeben und vergessen können und wieder miteinander auskommen, Herrgott noch mal.

Waren das nicht Ton und Geist, als 1949 die Bundesrepublik Deutschland aus Ruinen erstand? Aus dem Kino jener Republik, das eine kurze Phase der sogenannten Trümmerfilme, in denen tapfer Ordnung gemacht wurde, fast schon hinter sich hatte, begann es jetzt, wirtschaftswunderbar fortschrittswillig und vor allem harmlos zu tönen. Heinz Rühmann war wieder da und ganz der Alte – als kleiner, jetzt halt republikanisch gewordener Mann, der nichts anderes sein wollte als klein, und «La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu» wurde sein Lied in «Wenn der Vater mit dem Sohne» (1955). Das war, was die Oberhausener Manifestanten – Alexander Kluge, Edgar Reitz und andere – 1962 Opas und Papas vernichtungswürdiges Kino nannten. Und was die Begründer eines neuen deutschen Films grässlich mit Verachtung abstraften.

Sie hatten ja recht, wie die Retrospektive in Locarno zum Kino der jungen Bundesrepublik belegt (weniger im Filmprogramm als in einem umfang- und überhaupt reichen Katalog): Ein Kino, das die Zeit hätte prägen sollen, foutierte sich um die Zeit und weckte sein Publikum ein in süsslicher Geschichtslosigkeit, knorzigem Humor und züchtigem Herzschmerz. Man konnte froh sein, wenn die komödiantischen Ingredienzien so frisch wirkten wie in Kurt Hoffmanns «Ich denke oft an Piroschka» (1955), wo die reizende Liselotte Pulver alle Klebrigkeit wegcharmierte.

«Wir Wunderkinder»

Andererseits hatten die Oberhausener eben auch unrecht, und darum gehts nun wirklich in dieser Retrospektive. Um das, was sie übersehen haben in der Ungeduld ihres Vernichtungswillens: die Originalitäten, die auch in der Konvention und sogar in der Konfektion möglich waren; die ästhetisch flirrenden Mischungen aus Vorkriegsexpressionismus und melancholischer Nachkriegssachlichkeit; die faszinierenden Kombinationen von alter Theatralität und neuer unheldischer Coolness in der Schauspielerei. Und insgesamt ein Reservoir von technischem Können, dramatischem Stil und darstellerischen Melodien, das man wirklich nicht hätte austrocknen lassen sollen im rebellischen Übermut.

Und es mussten ja nicht erst die Jungen kommen, um Väter wie Helmut Käutner oder Wolfgang Staudte Zeitgeschichte zu lehren und Verantwortungsbewusstsein für die braunen Flecken auf der Weste. Heimgekehrte Emigranten wie Fritz Kortner, Robert Siodmak oder Peter Lorre hatten solche Lektionen schon gar nicht nötig. Sie alle stellten sich auf ihre individuelle Art den zwölf Jahren «Tausendjähriges Reich», der Katastrophe Krieg und dem Zukunftsprojekt Demokratie. Sogar der wirklich sehr braun befleckte Wolfgang Liebeneiner, unter anderem seinerzeit Präsidialratsmitglied der Reichstheaterkammer, hat irgendwie Busse getan durch die Radikalität seiner Verkitschung in «Die Trapp-Familie in Amerika» von 1958.

Grossartig und irritierend

Man darf sagen: Die Retrospektive von Locarno rettet dem frühen bundesrepublikanischen Kino ein Stück Ehre und Würde. Es sind grossartige, irritierende Sachen darunter, Klassiker und Nischenproduktionen des westdeutschen Nachkriegsfilms in seiner bewussten und unbewussten Widersprüchlichkeit. Die Widersprüche allerdings müssen ausgehalten werden, sie waren Teil der filmischen Psyche, wenns zum «Dritten Reich» kam. Das ständige dramatische Lavieren zwischen Schuldbewusstsein und der Entschuldigung, eigentlich seien die anderen schuld gewesen, die Nazis, die den anständigen Deutschen betrogen hätten – das ist nicht immer leicht zu ertragen.

Vielleicht muss man das heute Menschen nachsehen, die sich noch nicht lang daran gewöhnt hatten, wieder «Guten Tag» statt «Heil Hitler» zu sagen. Seltsam aber ist es doch, dass selbst Kurt Hoffmanns feine Satire «Wir Wunderkinder» (1958) auf den deutschen Anstand nichts kommen liess und die Nazis als folkloristische Karikaturen zeichnete, die man leider viel zu spät ernst nahm.

«Hunde, wollt ihr ewig leben»

Seltsamer noch, wie behutsam einige vertriebene und nun heimgekehrte Regisseure mit der Schuldfrage umgingen, auch wo sie wirklich ins Dunkel stiegen. Das Blockdenken der Zeit (in die ja auch die Wiederbewaffnung der BRD fiel) spielte gewiss eine Rolle in Frank Wisbars Stalingrad-Tragödie «Hunde, wollt ihr ewig leben» (1959), welche die Grenzen scharf zog: zwischen der Schuld der Naziführung, die die 6. Armee in den Dreck ritt, und den unglücklichen Wehrmachtssoldaten, deren einzige Sünde es war, geglaubt und gehorcht zu haben – zwischen gänzlich verrotteten und lernfähigen Charakteren, zwischen höheren Wehrmachtskadern, die aus militärischer Vernunft den Mund aufmachten, und den allerhöchsten, die ihn hielten. Ein paar revisionistische Akzente sind da nicht zu übersehen. Aber der schmutzig-kalte Realismus des Films ist eindrucksvoll und antiheroisch wirksam.

Einen Rest lichte Zivilisiertheit bewahrte auch Robert Siodmak im Düster seiner Geschichte vom Serienmörder Bruno Lüdke: «Nachts, wenn der Teufel kam» (1957). Das wenigstens musste scheints sein, obwohl es sonst ein sehr expliziter Film über die Schändung des Rechts ist: dass ein ehrenhafter Kriminalkommissar sich auch unter Nazis nicht mit der Gestapo gemeinmachte und nicht auf Opportunität schaute bei der Ermittlung. Es ist eine der versöhnlerischen Geschichtslügen der Adenauer-Zeit, man konnte das in den späten Fünfzigerjahren schon wissen. Der grandiosen, hoffnungslosen Dramatik hat das nicht geschadet, Mario Adorfs Spiel als fast kindliches Monster setzt sich teuflisch durch, und geradezu parabelhaft verkörpert der grosse Hannes Messemer als SS-Gruppenführer das rücksichtslose Herrenmenschenrecht.

Es wären nun auf diesem geschichtsbewussten Niveau auch andere Preziosen zu würdigen, «Kirmes» (1960) von Wolfgang Staudte oder «Rosen blühen auf dem Heidegrab» (1952), dem Liebes- und Vergewaltigungsmelodram des kuriosen Regisseurs Hans Heinz König: Die Miasmen der Vergangenheit stinken auch dort ganz gewaltig aus Gräbern und Mooren, in denen Täter und Opfer verwesen. Und es wäre ferner ein Auge zu werfen auf die wesentliche Rolle der Zigarette im westdeutschen Nachkriegsfilm.

Und es wäre endlich zu erinnern an den Schweizer Beitrag zur deutschen Kinokultur jener Zeit. An Bernhard Wicki («Das Wunder des Malachias», 1961), an Paul Hubschmid («Der Tiger von Eschnapur», 1959), an Liselotte Pulver selbstverständlich («Das Spukschloss im Spessart», 1960, weit unterschätzt in seiner Wirtschaftswunderironie). Oder an Lukas Ammann, der in «Nachts, wenn der Teufel kam» einen Anwalt von schneidender Gleichgültigkeit spielte und zeigte, was er auch noch gekonnt hätte, hätte ihn später der Graf Yoster nicht so in Beschlag genommen.

Bis 13. 8. in Locarno. Ab 14. 8. zeigt das Filmpodium in Zürich acht Filme aus der Retrospektive und einige zusätzliche Werke, etwa «Wir Wunderkinder»; im Kino Rex in Bern werden ab dem 1.9. 15 Filme gezeigt, die aus der Retrospektive übernommen wurden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2016, 20:01 Uhr

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