Die Glückssucher von Berlin

Schweizer Schaulaufen an der Berlinale: Jan Gassmann reiste in «Europe, She Loves» durch den kaputten Kontinent, und Tobias Nölle suchte die Liebe für seinen «Aloys».

Der Zürcher Jan Gassmann zeigt die Tristesse junger 500-Euro-Job-Menschen, die gut ausgebildet sind und zukunftslos. Foto: PD

Der Zürcher Jan Gassmann zeigt die Tristesse junger 500-Euro-Job-Menschen, die gut ausgebildet sind und zukunftslos. Foto: PD

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Jetzt kommen sie alle hierher! Junge Männer und ganze Familien, sie fordern Zugang zum Fantasieland und einen Ausweg aus der Misere. Schon bilden sie Schlangen, es ist ein Bild des Elends. Wir stehen vor dem Ticketcounter, denn das offizielle Motto der 66. Internationalen Filmfestspiele in Berlin lautet tatsächlich «Recht auf Glück». Entsprechend meldeten so manche ihren Anspruch auf eine Platzkarte an. Dabei hatte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick etwas ganz anderes gemeint: die berechtigte Hoffnung auf ein besseres Leben für alle, die dem Horror entkommen sind.

So eine gewissenhafte Idee von Kino hat man bei der Berlinale: Solange ein Wettbewerbsfilm die desolate Aktualität spiegelt, verwechselt man hier Sozial­reportage mit Kino. Handelt etwas von Politik, ist es politisch – eine Logik, bei der einzig schade ist, dass sie nicht stimmt. Das erste Beispiel war «Fuocoammare», Gianfranco Rosis erschreckend unüberlegt zusammengeschnittene Beobachtungen auf Lampedusa. Hier Seenot, dort Spaghettiessen beim Fischerjungen – die Tragödie lag vor ­allem in der dokumentarethischen Entscheidung, aber der Applaus war frenetisch. Dringendes Thema, richtige Sache, und man konnte im guten Glauben gehen, dass es jemand anders übernommen hatte. Wie wärs mit dem Motto «Zwang zum Unglück», gerichtet an alle Wohlsitzenden? Da käme man weniger leicht davon. Und müsste stattdessen hinschauen, bis es wehtut.

Alle Regler auf Style gestellt

Jan Gassmann schaute hin: «Europe, She Loves» wurde die Ehre zuteil, die Sektion «Panorama Dokumente» zu eröffnen, im rappelvollen Saal. Man hielt auch diesen Dokumentarfilm des 32-jährigen Zürchers für politisches Kino – allerdings war ers auch: Nicht wegen der Newsfetzen übers Kriseneuropa, die sich immer wieder aus dem Tonrauschen lösten. Nein, vielmehr wegen der Intimitätspraxis von vier jungen Paaren auf dem gebeutelten Kontinent. Drei Monate waren Gassmann («Off Beat») und Kameramann Ramòn Giger in pragma­tischer Naivität unterwegs – von Sevilla über Dublin bis Tallinn und Thessaloniki. In diesen Städten begleiteten sie je ein Paar, von morgens bis abends, bei Streitereien und beim Nichtstun, bei Jobsuche und Sauftour, beim Duschen und beim unsimulierten Sex.

Die gesammelten Beziehungsbanalitäten aus Europas vier Ecken? Stellenweise bot «Europe, She Loves» einen erstaunlich privaten Einblick in den Alltag einer prekären Generation: gut ausgebildet und zukunftslos, zugedröhnt und energisch, junge Menschen in der Warteschleife, die viele Selbstgedrehte rauchen und ihre Körper wie ihre Vorstellungen ausser in der Liebesbeziehung kaum mehr einbringen können. Das darf man sehr wohl «Dokument einer praktischen Politik» nennen: Momentaufnahmen vom Feststecken und von Fluchtfantasien, vom Zusammenbleiben trotz ansteigendem Hass und von der Hoffnung auf eine Veränderung in einem Alltag, der wirkt, als habe jemand die desolate Gegenwart endlos ausgedehnt.

Der Spuk einer Zeit, die ihre Zukunft verloren hat, war da zu spüren. Die Absicht der Crew, wenig unversucht zu lassen, um an die kostbaren Augenblicke von Trostlosigkeit zu kommen, allerdings auch. Die Paare schienen die Kamera manchmal vergessen zu haben, dennoch blieben sie Laiendarsteller ihrer selbst: Sie mochten uns ihr privates Recht auf Glück auch mal vorspielen, doch war einem das immer noch lieber als die Szenen von realer Würdelosigkeit. Zwischen den Ruinenlandschaften Europas und den thematisch geordneten Kapiteln einer kontinentalen Befindlichkeitsstudie entstand da der Eindruck von Stagnation und Enttäuschung im ­Leben junger 500-Euro-Job-Menschen, die höchstens noch an ihrem intimen Friedensprojekt herumwerkeln – wenn sie sich nicht gerade abschiessen mit weicherem und härterem Stoff.

Es war aber doch auch ein Zürcher Produkt, sprich: Aus Material wurde bald Design. Zu den Dramoletten über die verlorenen Kinder Europas spielte Julia Kent ihr Cello für Bescheidwisser, und auch wenn etwas gar nichts brachte, war es noch in allen Feinheiten gestaltet. Ein Finetuning des Grobgedachten: Der Jungfilmer von heute findet seine Vision, indem er alle Regler auf Style stellt. Da stösst man bald auf einen Trend: Die Promotionsagentur Swiss Films rief an der Berlinale gar die «Generation Heimatland» aus. Neben Gassmann zeigte noch ein weiterer Episodenmacher des Kollektivprojekts «Heimatland» seinen Film: «Aloys», das in der Panorama-Sektion programmierte Debüt des 1976 geborenen Zürchers Tobias Nölle.

Dieser Film wollte aber gar nicht so viel. Er veranstaltete ein Verwirrspiel um den einsamen Privatdetektiv Aloys (Georg Friedrich), Menschenfeind und Tierliebhaber, der eines Tages vom Beobachter zum Beobachteten wird. Darauf hängt er einer suizidalen Zoowärterin an der Strippe, bis die Wand zum Irrealen durchbricht. Ein Stück Fantastik von durchkomponierter Biedermann-Lakonie, oder: Philip Marlowe via Roy Andersson. Es spielte sehr konzentriert an der Kontaktstelle von Traum und Wirklichkeit. Und am Schluss liess Nölle dem Helden die Hoffnung auf eine reale, greifbare Liebe. Insofern wollte «Aloys» doch einiges: die Imaginationsmaschine Kino beim Wort nehmen nämlich. Da stand man bald nicht mehr auf sicherem Boden: «Aloys» war nicht nur fein eingestellt. Sondern auch fein gedacht.

«Aloys» startet im März in den Kinos, «Europe, She Loves» später im Jahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2016, 17:37 Uhr

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