Die männliche Ignoranz, die Frauen im Bett erleben

Tag 6: Ein Schweizer Dokumentarfilm erklärt im «Fokus»-Wettbewerb den weiblichen Orgasmus.

Zwischen Wärmeschauer und Explosion: Der Trailer zu «La petite mort».


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Reden wir von den Schweizern, die sich im Wettbewerb «Fokus Schweiz Deutschland Österreich» am Zurich Film Festival ganz gut machen, auch wenn sie vielleicht nichts gewinnen werden. Denn das ist eine Sektion, in der Kuriosität und Tragik gern kollidieren und Dramen in die Komik gleiten (nicht unbedingt in die freiwillige). Da wird aus dem Boden der Normalitäten das Minenfeld der Neurosen.

Dass sich einem Motiv und Dringlichkeit des filmischen Erzählens erhellen, ist nicht garantiert; es kommt einem sogar vor, als könnten die Haare, an denen einer seine Geschichte herbeizieht, gar nicht lang genug sein. Aber manchmal herrscht in solchen Filmen die schönste Freiheit der Wirrnis und eine fantasievolle Künstlichkeit – wie in «Cronofobia», dem Debüt des Tessiners Francesco Rizzi.

Ein Mann und eine Frau, sie sind in eine kalte Welt geworfen, und sie zeigen einem von Anfang an mit jeder Geste, wie kalt sies haben und wie gern sies auch einmal wieder warm hätten. Man weiss gar nicht, warum man es so lang mit den beiden aushält: Mit dieser Anna (Sabine Timoteo) in ihrem einsamen Haus und draussen mit ihren einsamen Ritualen, so unerklärlich und unerklärt schlaflos und moros. Mit diesem Michael (Vinicio Marchioni), einem Detektiv und Ehrlichkeitstester, wie man mal erfährt, einem Maskenspieler, der sich in Annas Leben schleicht und in dieses Leben gelassen wird, wer weiss warum. Es sind kalte, grämliche Figuren.

Komödien des Ungeschicks

Die Spannung von «Cronofobia« aber ist eben gerade die Wirkung des Unerklärten: Francesco Rizzis strenge, frostfarbige Gestaltung einer psychologisch nicht zu erlösenden Verzweiflung. Es schmerzt einen sozusagen unmittelbar, wie zwei, die sich im Begehren wärmen wollen, ganz für sich allein vereisen. Viel hintergründige Seelenkunde ist da gar nicht vonnöten.

Die Temperatur des Begehrens hat sich im «Fokus» schweizerischerseits übrigens beträchtlich erhöht in «La petite mort», einem kleinen Dokumentarfilm von Annie Gisler. Er handelt vom weiblichen Orgasmus zwischen Wärmeschauer und Explosion. Man möchte ihn und seine sinnlichen Farbspiele und klugen Protagonistinnen sehr loben. Wir erfahren – lehrreich – von den Tragödien weiblicher Scham und männlicher Ignoranz. Von den Dramen der in Lustlosigkeit verschwendeten Lebenszeit. Von den Komödien des Ungeschicks, den Dramoletten der Selbstentdeckung und den Offenbarungen der in vulkanischen Ausbrüchen vollendeten Lust.

Man möchte das wirklich loben. Aber ehrlich gesagt, es unterliegt unter keinem Aspekt der kritischen Kompetenz eines männlichen Rezensenten.

Weitere Vorführungen siehe zff.com.

Erstellt: 03.10.2018, 14:36 Uhr

Artikel zum Thema

Im Tempel der Eitelkeiten

Tag 4: Vor 40 Jahren war das «Studio 54» der ultimative Nightclub. Jetzt zeigt ein Dokfilm, was der Erfolg mit seinen Gründern gemacht hat. Mehr...

Wer wagt es, das arterienrote Kleid zu tragen?

Tag 3: Weirdness-Wochenende am Zurich Film Festival: Schreiende Babys im All, und ein Kleid, das tötet. Mehr...

Der ZFF-Wettbewerb ist gut im Holz

Tag 5: «Leave No Trace» aus den USA und der Schweizer Experimentalfilm «Walden» steigen ins Dickicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...