Die McGregorisierung

Ewan McGregor, Schauspieler aus Schottland, hat sein Debüt als Regisseur gedreht: «American Pastoral» nach dem Roman von Philip Roth. Am Zurich Film Festival stellte er es vor.

Der Sinn für die schauspielerische Wirkung bestimmt seine Regie: Ewan McGregor in Zürich. Foto: Doris Fanconi

Der Sinn für die schauspielerische Wirkung bestimmt seine Regie: Ewan McGregor in Zürich. Foto: Doris Fanconi

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Ewan McGregor ist ein liebenswürdiger Mensch – einmal abgesehen davon, dass er ein grossartiger Schauspieler ist. Man dachte das bei der ZFF-Pressekonferenz und nach der persönlichen Begegnung. Sie war kurz, aber entspannt wegen seiner professionellen Freundlichkeit. Es schien einem auch lange, «American Pastoral», McGregors Verfilmung des gleichnamigen Romans von Philip Roth, sei ein freundlicher Film, ein fast zu freundlicher. In Roths Buch richten idyllische amerikanische Lebensentwürfe Katastrophen unter Menschen an, die ­älter werden – das Altwerden beginnt spätestens mit zweiundsechzig, für Frauen früher, da kennt der Autor kein Erbarmen –, Krebs bekommen und ungeratene Kinder haben trotz aller Mühe, sie geraten zu machen. Bei Roth wirken die Katastrophen endgültig und massakerhaft. Aber die Endgültigkeit und das Massaker sind nicht wirklich Ewan McGregors Sache.

Ein blauäugiger Wikinger

Man denkt beim Regisseur McGregor sogar, die Katastrophen seien zu überleben: Aus Kindern, die in seinem Film (wie im Buch) aus dem bürgerlichen ­Ruder gelaufen sind, würden möglicherweise wieder vernünftige Leute. Und die hätten ihrerseits wieder Kinder und würden milde wie die Hauptfigur von «American Pastoral», Seymour Levov, Handschuhfabrikant, den sie alle «den Schweden» nennen, seit er ein Sportheld war in den 40er- und 50er-Jahren. Jüdisch zwar, aber blond und blauäugig wie ein Wikinger und dann, lebenslang, ein heroischer Erfüller amerikanischer Erwartungen in Newark, New Jersey.

Es ist, als ob da McGregor die abgründige Trauer des Romans in eine nicht ganz so dunkle Schwermut überführte. Oder ein unaushaltbares Unglück in ein aushaltbares. Eine Art tröstliche Zartheit dämpft die sarkastische Verzweiflung, die bei Roth herrscht.

Nicht, dass McGregor das Buch so weichlich angehen würde, dass alles in Erlösung endete. Zuvorderst das existenzielle Desaster, das über den Schweden (McGregor spielt ihn selbst) kommt, weil seine geliebte, unperfekte, stotternde Tochter (Dakota Fanning) eine revolutionäre Bombenlegerin wird in den vom Vietnamkrieg vergifteten Sechzigern. Nein, die Menschenwelt bleibt durchaus unerlöst und wahnsinnig. Andererseits traut man dem Film die Weichlichkeit, sie heilen zu wollen, eben zu lange zu. Und so wirkt dramaturgisch der Zeitfaktor: Irgendwann ist es zu spät für die Tragik, und aus Rührung wird keine hoffnungslose Erschütterung mehr (das geheimnistuerische Ende des Films ist da auch nicht gerade hilfreich).

«Ich fands interessanter»

Ewan McGregor will dem Eindruck von künstlerischer Freundlichkeit im Gespräch gar nicht widersprechen. Man ist allerdings aufgefordert, sie nicht mit flüchtiger Nettigkeit zu verwechseln. ­Darauf besteht er als einer, der Herz und Zeit so lang an diese Geschichte gehängt hat: «Ich fand darin mich selbst, meinen Vater und eine unerhört spannende Epoche der zerbrechenden Illusionen in der amerikanischen Geschichte.» Er sei mit seinen Figuren vielleicht freundlicher als Philip Roth, weil er Menschen verstehen wolle.

«American Pastoral» - der Trailer. Quelle: Youtube

Deshalb bekomme eine Tochter, die auf die Flächenbombardements in Vietnam mit eigenen Bomben reagiere, bei ihm nicht bloss den Anstrich von Verrücktheit, der ihm im Roman etwas grell scheine, sondern auch ein vernünftiges Motiv. Und deshalb serviere er eine Mutter und ehemalige Miss New Jersey ­(Jennifer Connelly), der es vor der Tochter graust, auch nicht als die «bitch» ab, die sie im Buch sei. Sondern suche im Versuch, ein zerbrochenes Leben wieder aufzubauen durch den schönheitschirurgischen Neubau eines Gesichts, den hilflosen Ausdruck von Rationalität. «Ich fands interessanter», sagt Ewan McGregor einfach. Und das ist ja wahr, dramatisch und schauspielerisch gesehen. Schon weil es dem Schweden, also der fast unmenschlich gütigen Selbstkasteiung der eigenen Figur, Kontrast gibt.

Wir wollen es doch nicht vergessen: Ewan McGregors Nase fürs Dramatische ist vor allem eine Schauspielernase. Der Sinn für die schauspielerische Wirkung bestimmt seine Regie. Zwanzig Jahre filmische Erfahrung, angefangen mit «Trainspotting» (1996), sind prägend.

Der Respekt vor dem «Verfügungsrecht der Schauspieler über ihre Rollen» ist unerschütterlich. Sein Ensemble in «American Pastoral» erklärte ihm – auch am Festival – mehrfach seine Liebe, das ist üblich, aber vielleicht war es sogar ehrlich gemeint. Wie soll man einen nicht lieben, der sagt, ein Regisseur sei höchstens der Geburtshelfer einer konzertierten Schauspielerei, niemals wirklich der Gebärer von Charakteren? Regietyrannen würden da gewiss widersprechen. Aber dem grossen, bescheidenen Robert Altman, der gern von sich sagte, seine Aufgabe sei es nur, aufzupassen, dass Schauspieler nicht an Möbel stossen, hätte das gefallen.

Was den erfahrenen Ewan McGregor betrifft, so sei er, wie er sagt, mit dem Regiedebütanten McGregor prächtig ausgekommen. Umgekehrt wars nicht anders, «weil ich das nie als zwei verschiedene Hüte gesehen habe, sondern die Regie als Erweiterung des Spiels».

Ein komplexes Talent

Er war gerne Regisseur und würde es gern wieder sein. Weil er es, man merkt das, ernst meint. Es hat etwas mit dem künstlerischen Bedürfnis nach Erwachsenheit zu tun. Nach komplexen Aufgaben für ein komplexes Talent. Und das ist doch sehr verständlich für einen 45-jährigen Künstler, der gar niemandem mehr etwas beweisen muss – den sich aber manche immer noch vorstellen mit dem Laserschwert des Obi-Wan Kenobi.

«American Pastoral»: ab 17. 11. im Kino.

Erstellt: 28.09.2016, 22:47 Uhr

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