«Die Leute haben keine Lust mehr zu diskutieren»

Lili Hinstin ist die neue Festivalchefin in Locarno. Ihre Pläne.

«Die Leute haben keine Lust zu diskutieren»: Lili Hinstin in Locarno.

«Die Leute haben keine Lust zu diskutieren»: Lili Hinstin in Locarno. Bild: Claudio Bader

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Was ist von Lili Hinstin zu erwarten? Eine Festivalchefin, die selber am meisten erwartet. Eine Viertelstunde lang mutet sie sich das Französisch des Berichterstatters zu, dann fragt sie freundlich, ob man die Fragen nicht vielleicht auf Englisch stellen möchte. Die Aufmunterung scheint nicht ihre Sache zu sein. Ihre Kompetenz und ihre Klugheit sind beeindruckend, ihr Humor ist von der intellektuellen Sorte. Wenn sie etwas nicht in der Zeitung zitiert haben will, und das kommt einige Male vor, sagt sie: «Öff the record.»

Lili Hinstin hat gerade ihr erstes Locarno-Programm abgeschlossen und sitzt ruhig in ihrem Büro im 2017 eröffneten Palacinema. Nicht nervös? «Wir sind zufrieden.» Es ist ihr ja aber auch gelungen, Quentin Tarantinos «Once Upon a Time … in Hollywood» auf die Piazza Grande zu holen – keine kleine Leistung, wenn man bedenkt, wer da alles mitredet. Und die 42-jährige Pariserin präsentiert ein Wettbewerbsprogramm, das sich der Kontinuität des Progressiven verpflichtet zeigt und auf den ersten Blick sehr gut zu Locarno passt. Schliesslich sind auf der Piazza ein Haufen Namen vorgesehen, die einem wenig sagen, und in den Wettbewerben viele, die einem gar nichts sagen.

Kenner wissen natürlich, dass Ben Rivers oder Pedro Costa nicht zum ersten Mal nach Locarno kommen. Aber so ein Filmfestival ist ja für alle gedacht. Lili Hinstin sieht das als Auftrag: Locarno sei ein «verrückter» Ort, weil sich hier nicht nur Experten, sondern ganz normale Zuschauer in die Säle setzen würden. Ein «demokratisches Projekt», wo alles bereit stehe und jeder Zugang finde.

Die wichtigsten Gäste in Locarno Hilary Swank
Die amerikanische Schauspielerin («Million Dollar Baby») erhält den Leopard Club Award
John Waters
Der Pardo d’onore geht dieses Jahr an den US-Regisseur («Pink Flamingos») und Künstler, der mit seinen wilden Filmen immer wieder provoziert hat
Fredi M. Murer
Der Schweizer Regisseur von «Höhenfeuer» erhält den Preis fürs Lebenswerk
Song Kang-ho
Der südkoreanische Schauspieler ist der erste Asiate, der mit dem Excellence Award ausgezeichnet wird

Für sie selbst war Locarno Teil der Ausbildung. Filme, die sie hier entdeckte, lud sie oft nach Belfort ans Entrevues-Festival, das sie seit 2013 leitete. Davor war Hinstin für die Filmaktivitäten der Französischen Akademie in Rom zuständig und war stellvertretende künstlerische Leiterin des Dokumentarfilmfestivals Cinéma du Réel in Paris. Mit «Le zombie» hat die Literatur- und Kulturwissenschafterin auch einen eigenen Dokumentarfilm gedreht. Er handelt von ihrem Grossvater Charles Hinstin, der ein bewegtes Leben führte und unter anderem als Goldsucher nach Kamerun reiste.

Eine Partie Locarno-Bingo

Berufskollegen beschreiben Lili Hinstin als Superprofi, der die Filmästhetiken kennt und so leidenschaftlich wie stur argumentieren kann. Ein Kollege sagt, sie wirke vielleicht weniger umgänglich als ihr Vorgänger Carlo Chatrian. An der Locarno-Party während der letzten Berlinale hat man sie allerdings auch dabei beobachten können, wie sie zusammen mit dem DJ die Menge anfeuerte. Was insofern einiges mit Locarno zu tun hat, weil die Besucher dort immer wieder sagen, sie hätten sich eigentlich gern mehr Filme angeschaut, wenn sie nicht so oft essen und schwimmen gegangen wären. «Ist doch gut», sagt Hinstin. «Das ist das Leben, und das Leben ist ja immer noch wichtiger als Kino.»

Lili Hinstin sagt im Gespräch auch ein paar Sätze, die künstlerische Leiter immer sagen, man könnte sofort mit einer Partie Locarno-Bingo anfangen: keine Stars um der Stars willen; es kann sich auszahlen, wenn man herausgefordert wird; ich kämpfe gegen Filme voller Klischees und triviale Gefühle.



Das Programm der 72. Ausgabe

Tarantino, eine Schweizer Komödie ums Nicht-Kinderkriegen und die Retrospektive «Black Light» zum schwarzen Kino: Die Übersicht zum Programm finden Sie hier.


Wenn man sich die Kinobesucherstatistiken anschaut, dann weiss man allerdings, dass sehr viele Menschen überhaupt nichts gegen banale Gefühle auf der Leinwand haben. Genauso wie in einer stark parzellierten, aber weiterhin bilderverrückten Öffentlichkeit jene ästhetische Sphäre immer mehr aus dem Blick gerät, die man traditionell als den «Autorenfilm» bezeichnet. Das ist aber genau das, was auch Lili Hinstin offenbar für die Piazza Grande gebucht hat: Hardcore-Arthouse fast wie im Wettbewerb, einzig aufgelockert mit Genre-Angeboten im Rahmen von «Crazy Midnight». Auch Tarantino sei natürlich Autorenkino, sagt Hinstin.

Aber klar, sie gehe mit ihrem ersten Piazza-Programm Risiken ein, nur gebe es etwas, was sie gar nicht möge, nämlich den Satz «Das gefällt mir nicht, aber es ist was fürs Publikum». Das klinge fast verächtlich. Grosse Mühe hat sie auch mit dem Ausspruch «Es war zwar langweilig, aber es war gut». Wenn sie sich in einem Film langweile, wieso soll der dann gut sein?

Virginie Despentes findet sie auch gut: Lili Hinstin. Foto: Claudio Bader

Man darf Lili Hinstin zu den französischen Cinephilen zählen, sie redet von einem Kino der «mise en scène» und Ähnlichem. Aus Frankreich kommt ja aber auch die Schriftstellerin Virginie Despentes – «ah, j’adore!» –, die in ihrem Roman «Vernon Subutex» geschrieben hat: «Niemand ist mehr bereit, auch nur zehn Minuten darauf zu verschwenden, über eine Kamerafahrt zu diskutieren.» Das kann Hinstin unterstreichen, die Leute hätten sowieso keine Lust mehr zu diskutieren; sie seien davon gewaltig genervt und sie würden dadurch nur Zeit verlieren.

Heute sei es leider viel wichtiger, niemanden zu verletzen. Gerade in den progressivsten Milieus seien heute solche Inquisitionen weitverbreitet. Es sei wie eine Stellvertreterdiskussion: Über Kunstwerke mag niemand mehr streiten, dafür würden jetzt Verbote Identität stiften. «Es wird sicher auch diesmal wieder Leute geben, die fragen, wie viele Frauen es denn im Wettbewerb habe.» (Es sind fünf von 17).

Zum Auftakt ihrer Leitung vergibt Hinstin denn auch Preise an den gestandenen Provokateur John Waters und den alten weissen Fredi M. Murer aus der Schweiz. Mit den hiesigen Regisseuren und Filmverleihern übrigens ist Hinstin dem Vernehmen nach bei der Auswahl unzimperlich umgesprungen. Programmiert sind unter anderem Samirs neuer Spielfilm «Baghdad in My Shadow» und das Drama «O film do mundo» des Schweiz-Portugiesen Basil da Cunha im Wettbewerb. Ansonsten scheint sie einiges abgelehnt zu haben, wo die Branche doch normalerweise erwartet, dass sich irgendwie immer eine Lösung für eine Premiere in Locarno finden lässt. Aber wenn es um Erwartungen geht, dann hat Lili Hinstin ihre eigenen, und sie sind hoch.

Einziger Schweizer Beitrag im Wettbewerb: «O film do mundo» von Basil da Cunha. Video: PD

72. Locarno Festival: 7.–17. August.

Erstellt: 17.07.2019, 11:28 Uhr

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