Die Scheinheilige

Sie machte mit Selbstironie Karriere. Nun verrät Amy Schumer ihre eigenen Grundsätze – und opfert sich in «I Feel Pretty» gängigen Konventionen.

Plötzlich schön: Renée (Amy Schumer) hält sich nach einem Unfall im Fitnessstudio für ein Supermodel.


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Könnte man diese Amy Schumer nicht endlich einmal ins Herz schliessen? Man könnte, natürlich, wenn da nicht dieses Trampelhafte wäre, das an der 36-jährigen Amerikanerin so oft irritiert. Aber eins nach dem andern.

Dass die Frau komödiantisches Talent hat, steht ausser Frage. Ihre Show «Inside Amy Schumer» ist in den USA Kult, ihre Überdrehtheiten in eigener Sache unnachahmlich. Aber manchmal, da beäugt man Schumers Tun dennoch mit einer gewissen Skepsis oder zumindest mit gemischten Gefühlen. Zum Beispiel, als sie vor wenigen Tagen in London ihren Film «I Feel Pretty» promoten sollte. Der Anlass fiel dann jedoch ins Wasser, und den Grund postete Amy Schumer gleich selbst auf Instagram – in Form von Fotos, auf denen sie aussieht wie ein aussätziges Radieschen mit gesteckten Infusionen. Die ärztliche Diagnose: Niereninfektion. Schumers Kommentar aus dem Spitalbett: «Ich wollte das mit euch teilen, weil es so unglaublich sexy ist.»

Here’s what I’ve been up to this week. I was hospitalized for 5 days with a horrible kidney infection. I want to give a big thank you to the doctors, the bad ass nurses also my husband who’s name is, i want to say, Chris? and my sisters Kimby and mol who have been by my side the whole time. I wanted to share this with you because this is sexy as hell but mostly because I was meant to go to London for the opening of I Feel Pretty and my doctors have told me that’s a no go. I’m really disappointed selfishly to miss this trip because I love London and Europe in general and all the great people (food) there. But I need to put my health first. I am so grateful for all the support the movie is getting. I hope people check it out in England and everywhere else in the world. It’s sweet and fun and you will walk out feeling better. Which is something I hope to feel soon too.

Ein von @ amyschumer geteilter Beitrag am

Klar, da spricht die Humor-ist-wenn-man-trotzdem-lacht-Patientin. Es spricht aber auch die Vermarkterin in eigener Sache, welche ihre Komik ganz bewusst aus miesen Momenten und anderen Unzulänglich­keiten zieht. Schumer ist sozusagen der Lautsprecher für weibliches Not-so-­great-Sein, was eine ordentliche Portion Mut erfordert, wenn man Mängel unablässig und öffentlich an sich selbst demonstriert.

Galliges Gegenstück

Schumers Kunst besteht darin, dass sie ihren Körper traumwandlerisch sicher durch einen Parcours des Selbst­bashings und der Anzüglichkeiten manövriert, während sie am Abgrund der Lächerlichkeit entlangbalanciert. In dieser Hinsicht ist die Komödiantin einzigartig. Sie hat es nicht nur fertig gebracht, sich als galliges Gegenstück zu überperfekten Laufsteg-Gazellen und Influencer-Beautys zu positionieren. Sie hat sich auch eine Karriere erarbeitet, indem sie mit Inbrunst über Fettpölsterchen, den Zustand ihrer Unterhose oder One-Night-Stands herzieht. Einziger Makel: Mit ihren Live- und TV-Shows ist die Komödiantin vor allem ein amerikanisches Phänomen geblieben.

Dies änderte sich 2015, als Schumer beschloss, auch in Hollywood Fuss zu fassen. Ihr filmischer Einstand hiess «Trainwreck», und das Drehbuch dazu schrieb sie gleich selbst. Die Komödie handelt von einer lebenslustigen, aber bindungs­unfähigen Journalistin (Schumer), die einen Artikel über einen Sportarzt schreiben soll, sich aber prompt in diesen verliebt und darauf ihrem promisken Lebenswandel abschwört. Der von Zotenkönig Judd Apatow inszenierte Film war in den USA ein voller Erfolg. In Europa jedoch – wo Schumers Werk am Filmfestival Locarno Premiere feierte – mochte man sich für diese reichlich verlogene Romantic Comedy nicht zu erwärmen. Der Kritikpunkt: Die Heldin muss ihren eigenen Grundsätzen untreu werden, damit die Regeln des Genres bestehen bleiben.

Amy Schumer ist eine Art Lautsprecher für das weibliche
Not-so-great-Sein, was einiges an Mut erfordert.

Es sollte noch schlimmer kommen. 2017 war Schumer in «Snatched» neben Goldie Hawn zu sehen, die viele Jahre in der Versenkung verschwunden war. Die Wiedersehensfreude war dann allerdings von kurzer Dauer, denn der Film entpuppte sich als billig zusammengeschraubte Mutter-Tochter-Urlaubs-Entführungskomödie, die selbst Schumers amerikanischer Fangemeinde sauer aufstiess. Dass das Drehbuch nicht von ihr stammte, war da bloss ein schwacher Trost.

Unerträgliches Spiegelbild

Und jetzt also «I Feel Pretty». Der Film bringt Schumer zurück zu ihrem Kerngeschäft, so scheint es jedenfalls. Das vom Romantic-Comedy-Duo Abby Kohn und Marc Silverstein geschriebene und inszenierte Werk handelt vom mangelhaften Körper einer Mittdreissigerin, was aus Sicht von Renée (Schumer) eine glatte Untertreibung ist. Ihr eigenes Spiegelbild treibt ihr Tränen in die Augen, und damit nicht genug: Die Kosmetikfirma, für die sie arbeitet, hat sie zusammen mit einem übergewichtigen Kollegen (Adrian Martinez) in ein Kellergewölbe verbannt, auf dass die Edelbelegschaft dieses Duo nie zu Gesicht bekäme.

Aber dann fasst sich Renée ein Herz und geht ins Gym, wo sie sich einer Armada von superschlanken weiblichen Sportskanonen gegenübersieht und so heftig in die Pedale steigt, bis sie vom Rad fällt. Dabei schlägt sie sich den Kopf blutig, worauf ihre Selbstwahrnehmung ausfällt und sich stattdessen ihr sehnlichster Wunsch erfüllt: Renée erblickt sich im Spiegel als Supermodel mit Traummassen. Zwar bleibt die Heldin mit dieser Illusion alleine, aber es dauert nicht lange, bis sie maximales Selbstvertrauen und Selbstvermarkungstalent entwickelt, um schliesslich am Ziel ihrer bescheidenen Träume anzukommen: Sie wird Empfangsdame bei ihrer Kosmetikfirma.

Als Zuschauer reibt man sich da ungläubig die Augen. Sollte Renée nicht stutzig werden, dass ihre alte Garderobe auf den neuen Superkörper passt? Nichts gegen eine Komödie über Body-shaming, verkörpert von der mit allen Wasabis gewaschenen Expertin des Metiers. Aber wenn Amy Schumer in Interviews betont, wie sehr sie das Spiel mit den eigenen Unzulänglichkeiten liebe, ist das in Bezug auf diesen Film eine glatte Lüge. «I Feel Pretty» erzählt eben gerade nicht, wie man als Frau Selbstvertrauen tankt, indem man auf makelloses Aussehen pfeift; sondern er erzählt davon, wie sich Menschen über eine Frau lustig machen, die nur wegen ihres Dachschadens glaubt, eine Schönheit zu sein – und die sich nur deshalb emanzipiert, weil sie sich selbst nicht erkennen kann.

Drei Optionen für die Zukunft

Das wäre beschämend genug, aber es ist nicht alles. Amy Schumer, die als Komödiantin für forsches Auftreten in eigener Sache steht, beschädigt mit diesem Film ihren Ruf. Die Amerikanerin galt gerade wegen ihres unerschrockenen Körpereinsatzes als ehrliche Haut und wurde zur Heiligen der modernen Durchschnittsfrau stilisiert. Doch jetzt ist sie bloss noch eine Scheinheilige. Und es ist nicht leichter geworden, sie zu mögen.

Was nun? Schumer verfügt im Prinzip über drei Optionen. Sie kann sich erstens aus dem Filmgeschäft zurückziehen und weiterhin das tun, was sie am besten beherrscht: offensive Stand-up-Comedy. Oder sie kann sich zweitens eine Filmkomödie auf den Leib schreiben, in der sie sich nicht den Konventionen opfert, sondern sich darauf besinnt, was sie unverwechselbar macht - mit überraschenden, zotenfreudigen Selbstbeobachtungen.

Und dann gibt es noch Option drei. Das ist jener Weg, den schon viele amerikanische Comedians vor ihr gegangen sind, zum Beispiel Jim Carrey oder Steve Carell. Es ist der Weg zum unterhaltsamen Drama. Dies scheint nicht nur die beste, sondern effektiv auch die nächste Option von Schumer zu sein. In Rebecca Millers Lovestory «She Came to Me» wird sie an der Seite von Nicole Kidman und Steve Carell zu sehen sein. Und damit bleibt die Hoffnung, die amerikanische Komödiantin vielleicht doch ins Herz schliessen zu können.

Der Film läuft in Zürich in den Kinos Abaton, Arena und Corso.

Erstellt: 11.05.2018, 08:27 Uhr

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