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«Die Schweiz trägt eine Maske»

In «Letters to S.» versendet eine syrische Filmemacherin Botschaften aus Winterthur in ihre Heimat, in denen sie einer Freundin die Eigenheiten der Schweizer und ihrer Politik näherbringt.

«Mit Kindern, Karren und Haustieren»: Ausschnitt aus «Letters to S». Video: Langfilm / Layla Abyad

Layla Abyad staunte nicht schlecht, als der von Balthasar Glättli angeführte Demonstrationszug gemütlich vor sich hin schlendernd um die Ecke bog. Keine Hektik, kein Chaos – und für die syrische Filmemacherin besonders erstaunenswert: keine Gewalt. Abyad war aus ihrem Heimatland anderes gewohnt. Kurz bevor die 35-Jährige im Herbst 2015 im Rahmen des Filmprojekts 5x5x5 der Produktionsfirma Langfilm in Winterthur eine Kurzdoku zum Thema Exil drehen wollte, wurde ihre beste Freundin Sama während einer Demonstration in Damaskus verhaftet. Die Situation machte ihr zu schaffen, weshalb ihr Kurzfilm «Letters to S.» eine Videobotschaft an die inhaftierte Freundin geworden ist, die zugleich die politische Lage in der Schweiz reflektiert.

Obwohl Sama im Gefängnis kein Internet hat, schaltet ihr Skype-Account immer wieder auf online. Wie war das möglich?

Wenn einer deiner inhaftierten Freunde online ist, bedeutet das, dass er gerade verhört wird. Die Vernehmer versuchen dann, über die sozialen Netzwerke Informationen zu gewinnen, mit denen sie die Gefangenen einschüchtern können. Oder sie versuchen, die Kontakte anzuschreiben und ihnen so eine Falle zu stellen. Es war alles ziemlich aufwühlend. Ich musste meinen Drang, die Vernehmer einfach anzurufen und zu beleidigen, sehr stark unterdrücken.

Was hätten Sie ihnen sagen wollen?

(überlegt lange) Die Gefangenen sind Wochen, Monate oder auch Jahre im Gefängnis, aber die Wärter und Vernehmer müssen ihr ganzes Berufsleben in diesen Kerkern verbringen. Das hätte ich ihnen wohl gesagt, dass sie niemals frei sein werden. Aber geholfen hätte das Sama in ihrer Situation nicht. Ich sass also in meinem Zimmer in Winterthur am Computer, um das politische System der Schweiz zu büffeln, und dauernd erklingt dieser Jingle, der signalisiert, dass Sama online ist. Wie du dir vorstellen kannst, hat mich das sehr stark abgelenkt.

Den inneren Drang unterdrücken: Abyad sitzt vor ihrem Laptop. Screenshot: Langfilm / Layla Abyad
Den inneren Drang unterdrücken: Abyad sitzt vor ihrem Laptop. Screenshot: Langfilm / Layla Abyad

Und so ist die Idee zu Ihrem Film entstanden?

Genau, erst hatte ich keine Ahnung, worüber ich einen Film drehen soll, und hatte wegen dieser Geschichte mit Sama meinen Kopf nicht bei der Sache gehabt. Als wir dann eine kleine Stadtführung durch Winterthur unternommen hatten, erfuhren wir mehr über die Geschichte der Stadt und des Landes. Ich war fasziniert von eurem politischen System. Dass ihr sieben Präsidenten habt und selbst Gesetze initiieren könnt. Ironischerweise Ideen, für die Sama im Gefängnis landete.

Wie sind Sie mit dieser Ironie umgegangen?

Mit Humor. Zum Glück ist es fast schon amüsant, wie die Schweizer ihre Politik betreiben. Beispielsweise die Demonstrationen, die scheinen mir fast schon familienfreundlich und verlaufen sehr geordnet. Das konnte man filmisch gut umsetzen.

Sind Ihnen am politischen System auch Defizite aufgefallen?

Besonders im Austausch mit jungen Leuten habe ich bemerkt, dass sich viele politisch nicht wirklich ermächtigt fühlen. Trotz der direkten Demokratie scheinen die grossen Mehrheitsparteien nicht alle Interessen der Bürger zu vertreten. Und viele wirkten auch einfach gleichgültig, die sagten, es komme sowieso nicht drauf an, ob sie wählen würden. Die Politiker würden sowieso machen, was sie wollen. Das widerspiegelt sich ja auch in der sehr tiefen Wahlbeteiligung. Trotzdem würden sie aber nicht mit Deutschland oder Frankreich tauschen wollen. In der Theorie scheint alles so perfekt, aber die Realität sieht anders aus. Diese Frage hätte ich im Film gerne noch tiefer behandelt, aber dafür reichte leider die Zeit nicht. Die Frage beschäftigt mich noch heute.

Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Ich denke, viele Defizite rühren daher, dass das politische und das ökonomische System nicht mehr wirklich auseinandergehalten werden können. Viele Fragen, die den Alltag der Schweizer tangieren, werden nicht mehr im Parlament, sondern in Konzernen entschieden. Ich kann dieses Argument nachvollziehen, kann mir aber nicht erklären, wie es so weit kommen konnte. Einige sagten mir auch, die Wirtschaft hätte das Parlament schon lange unterwandert.

Für Abyad ein zu selten genutztes Privileg: Ein Bürger stimmt ab. Screenshot: Langfilm / Layla Abyad
Für Abyad ein zu selten genutztes Privileg: Ein Bürger stimmt ab. Screenshot: Langfilm / Layla Abyad

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihr Fazit im Film richtig interpretiert hatte. Einerseits scheinen Sie die Freiheiten und Rechte der Schweiz zu schätzen, andererseits ist zwischen den Zeilen auch Enttäuschung darüber zu hören, wie die Schweizer mit ihren Privilegien umgehen.

Ich kann nicht über die Schweizer urteilen, vielleicht würde ich mich an ihrer Stelle ähnlich verhalten. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass die Leute hier mehr politische Möglichkeiten hätten, als sie effektiv auch nutzen. Vielleicht, weil sie tatsächlich zufrieden sind. Vielleicht haben die Unzufriedenen aber auch den Eindruck, dass ihnen die politischen Instrumente gar nicht helfen. Die Unzufriedenen scheinen aber nicht wirklich zu versuchen, das System zu verbessern. Ich persönlich habe den Eindruck, dass das politische System einst intakt war, in der globalisierten Welt mittlerweile aber etwas überholt ist.

Was haben Sie rückblickend über die Schweiz gelernt?

Die Schweiz trägt eine Maske, die vermuten lässt, dass alle hier in einer Blase leben. Aber wenn du erst einmal mit den Leuten sprichst und sie sich dir gegenüber öffnen, dann merkst du ziemlich schnell, dass sie überhaupt nicht in dieser Blase gefangen sind. Die Leute, mit denen ich gearbeitet hatte, die Professoren, Kuratoren etc., waren alle sehr aufgeschlossen, gut informiert und offen. Auch wenn sie nicht die ultimativen Antworten bereit hatten, so waren sie alle doch sehr reich – und damit beziehe ich mich nicht auf materiellen Reichtum.

Wie hat sich Ihr Bild von der Schweiz durch Ihren Aufenthalt in Winterthur verändert?

Bevor ich hier ankam, dachte ich, die Schweiz wäre viel grösser. Ich hätte nie gedacht, dass ganz Genf nur etwa so gross ist wie meine Nachbarschaft in Damaskus. Zudem dachte ich, dass alle Schweizer alle vier Landessprachen sprechen würden.

Und welche Annahmen wurden im Zuge des Aufenthalts bestätigt?

Mir wurde gesagt, dass sich die Schweiz – obwohl sie an Deutschland, Frankreich und Italien grenzt – politisch von ihren Nachbarn abschottet. Eine europäische Insel ohne Küste. Dieser Widerspruch hatte mich schon vor meiner Abreise fasziniert und tut es noch heute.

Bilder: Die Revolution vor dem Bürgerkrieg

Syrer demonstrieren gegen das seit 48 Jahren in Kraft stehende Ausnahmegesetz: Sicherheitskräfte verhaften zahlreiche Demonstranten.
Syrer demonstrieren gegen das seit 48 Jahren in Kraft stehende Ausnahmegesetz: Sicherheitskräfte verhaften zahlreiche Demonstranten.
AFP
Syriens Premierminister Naji al-Otari und sein Parlament treten zurück. Die Proteste waren aber eher gegen Präsident Bashar al-Assad gerichtet.
Syriens Premierminister Naji al-Otari und sein Parlament treten zurück. Die Proteste waren aber eher gegen Präsident Bashar al-Assad gerichtet.
AFP
Eine Autobombe explodierte zwischen zwei Häusern: Der Ort des Anschlages in Aleppo wird inspiziert. (18. März 2012)
Eine Autobombe explodierte zwischen zwei Häusern: Der Ort des Anschlages in Aleppo wird inspiziert. (18. März 2012)
Keystone
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Woran arbeiten Sie zurzeit?

An meinem ersten langen Dokumentarfilm. Ich arbeite schon seit 2012 daran. Er handelt von Frauen wie Sama und ihren Erfahrungen, die sie als Frauen in der Revolution in Damaskus gemacht hatten, bevor die Revolte zum Bürgerkrieg mutierte.

Für mich als Aussenstehender scheint die Situation in Syrien ziemlich festgefahren und der Frieden in weiter Ferne zu liegen. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Landes?

Das Problem ist, dass aus der Revolution eine Kriegsindustrie wurde. Es geht den involvierten Parteien gar nicht darum, den Krieg zu beenden oder zu gewinnen, sondern, den Krieg am Laufen zu halten und weiterhin Profite zu machen. Ich erwarte in den nächsten zehn Jahren kein Ende der Gewalt. Die Lösung für Syrien liegt mittlerweile ausserhalb des Landes.

Der Autor hat sich den Film im November am internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam (IDFA) angesehen und Frau Abyad im Anschluss dazu interviewt. Der Film ist in Schweizer Kinos nicht mehr zu sehen, kann aber unter diesem Link bei der Produktionsfirma Langfilm als DVD bestellt werden.

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