«Wird als Nächstes Goethes ‹Faust› verboten?»

James Bond wird im Zuge von #MeToo an den Pranger gestellt. 007-Kenner Michael Marti sagt, weshalb Figuren wie Bond wichtig sind.

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Die Debatte über James Bonds misogynes Verhalten wird wieder lauter. Wird Agent 007 zu Recht an den Pranger gestellt?
Ich war komplett verdattert, ja besorgt, als ich von dieser Debatte erfahren habe, in der eine fiktionale Figur an den Pranger gestellt wird. Wird als Nächstes Goethes «Faust» verboten, weil er sich an Gretchen vergriff? Es ist durchaus richtig, dass reale Figuren daran gemessen werden, ob sie sexistisch sind, und falls dies zutrifft, sie zur Verantwortung gezogen werden. Die Debatte muss aber vor fiktionalen Figuren haltmachen.

Ist James Bond denn sexistisch?
Ja, zwar unterschiedlich stark ausgeprägt, aber schon Bonds Erschaffer Ian Fleming sagte über seinen Protagonisten, dass er nicht wirklich zu den Guten gehört und ein sexistischer, sadistischer Killer ist. Im Laufe der Jahre hat sich Bond gewandelt. In seiner Entstehungsphase war er ein ausgeprägter Macho und damit eine Provokation für die damals vorherrschende Spiesserkultur. In den 80er- und 90er-Jahren ist Bond softer geworden und in den Filmen wurde bewusst damit gespielt. Das Zitat der MI-6-Chefin «M», gespielt von Judi Dench in «Golden Eye», ist ein toller Beweis dafür: «Ich halte Sie für einen sexistischen, frauenfeindlichen Dinosaurier.» Nun muss jedoch unterschieden werden zwischen dem ausgeprägten Macho, der Bond zweifellos ist, und dem Bond-Universum, das nicht sexistisch ist. Sicherlich gibt es dekorative Damen, aber die Mehrheit der Frauen in Bond-Filmen ist stark und emanzipiert.

Nicht nur James-Bond-Filme werden kritisiert. Sie sprechen von Goethes «Faust», aber auch gegen Märchen wie «Dornröschen» wird aufgrund unangemessenen Verhaltens gewettert. Sind wir heute übersensibilisiert?
Die #MeToo-Debatte ist legitim und bringt viel Positives. Aber wie in anderen Debatten auch verlegt sie sich von der Realität ins Fiktionale. Nur: Es ist aber falsch, dass Kunst, Literatur oder Filmgeschichte diesem Anspruch genügen müssen. Es gibt viele Fälle, in denen Werke der populären Kultur retrospektiv kriminalisiert wurden und die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität nicht gemacht wird. Deshalb ist es wichtig, dass es Figuren wie Bond gibt, an welchen man sich reiben kann und ein Diskurs entsteht. Die politische Korrektheit – wie im Falle von «Dornröschen» oder hier James Bond – ist übereifrig.

Soll man James-Bond-Filme mit dem Auge der jeweiligen Zeit schauen oder sollen auch die alten Filme aus gegenwärtigem Blickwinkel betrachtet werden?
Die Filme sollten mit dem Auge für die jeweilige Zeit geschaut werden – die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Wertevorstellungen sagen etwas über die heutige Zeit aus und man sieht, dass ein Klaps auf den Hintern damals für weniger Aufregung gesorgt hat als heutzutage. Ob es damals richtig war? Weiss ich nicht. Aber es zeigt den gesellschaftlichen Wandel. Und das ist ja gerade der Wert der populären Kulturen, dass sie etwas über die jeweilige Zeit verraten und indirekt dann auch über unsere.

Die Filme basieren auf den Romanen und Kurzgeschichten von Ian Fleming. Seit «Golden Eye» mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle wurden mit Ausnahme von «Casino Royale» alle Geschichten von Drehbuchautoren ohne Vorlage geschrieben. Hätte man da nicht ein bisschen mehr Sensibilität erwarten dürfen?
Bond ist nicht da, um der #MeToo-Debatte zu genügen. Bond ist da, um an der Kasse viel Geld zu machen. Dass mittlerweile Schauspieler aus Filmen entfernt werden, wie es kürzlich bei Kevin Spacey der Fall war, wurde auch nicht aus feministischen Gründen gemacht, sondern aus Angst vor Zuschauerreaktionen und ist reiner Opportunismus. Die Drehbuchautoren von Bond-Filmen reagieren notabene auf den Zeitgeist und haben Bond weniger sexistisch dargestellt als auch schon.

Wie muss sich James Bond weiterentwickeln?
James Bond ist dann gut, wenn er im Kern bei seiner Identität bleibt. Wenn er nicht zum Opportunisten wird. Wenn er seine Widersprüche hat – also der Agent bleibt, der die Welt rettet. Und ab und zu das Macker-Arschloch gibt.

Erstellt: 31.01.2018, 20:03 Uhr

Michael Marti ist bekennender James-Bond-Fan und veröffentlichte 2008 gemeinsam mit Peter Wälty das Buch «James Bond und die Schweiz» im Basler Echtzeit Verlag. Er ist Mitglied der Chefredaktion von Tamedia, die diese Zeitung herausgibt. (Bild: Rita Palanikumar)

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