Die Superfrau

In «Captain Marvel» stellen die Marvel Studios erstmals eine weibliche Superheldin ins Zentrum. Sie kämpft gegen Aliens und gegen Internet-Trolle.

Brie Larson im Film «Captain Marvel».

Brie Larson im Film «Captain Marvel». Bild: zvg

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Eine Frau taumelt, auf einem Trümmerfeld fliesst blaues Blut aus ihrer Nase. Was ist passiert? Und warum blaues Blut?

«Captain Marvel», der 21. Film im Marvel Cinematic Universum, beginnt rätselhaft, zappt erst mal im halben Weltraum herum und fährt einen ruppigen Mix aus Action und Pathos auf: Carol Danvers (Brie Larson), einst eine hoffnungsvolle Militärfliegerin, wird beim Combattraining mit ihrem ausserirdischen Mentor Yon-Rogg (Jude Law) zurechtgewiesen, dann greift sie in den Kampf zwischen zwei Alienrassen ein, den intelligenten Krees und den anpassungsfähigen Skrulls. Sie wird gefangen, gefoltert, wir sehen Erinnerungsflashes, und irgendwann folgt ein Gespräch mit einer künstlichen Intelligenz (Annette Bening).

Nach der ersten halben Stunde von «Captain Marvel» fühlt man sich wie im Mixer. So konfus begann kaum je ein Superheldenfilm, und vielleicht ist es kein Zufall, dass in diesem Genre neu eingeführte Figuren anfangs keine Superkräfte haben sollten. So bleibt man als Zuschauer auf Augenhöhe mit den Figuren.

Hier ist das anders: Geballte Power und Überambition gehen im Film von Anna Boden und Ryan Fleck Hand in Hand. Und man spürt fast in jedem Bild, dass Marvel hier auf Biegen und Brechen eine Antwort auf den Kassenerfolg «Wonder Woman» (2017) der Konkurrenz DC erzwingen wollte. Nicht zufällig hat man nun bei der Disney-Tochter Marvel erstmals eine Frau ins Zentrum des Geschehens gerückt, fürs Drehbuch sind überwiegend Autorinnen verantwortlich, der Film gelangt am Internationalen Frauentag in die US-Kinos.

Zurück in die 90er-Jahre

Der Fahrplan stimmt also, aber auf welchem Gleis kommt die Fracht an? Als Carol alias Vers zur Erde stürzt und dabei das Dach eines Videoladens durchschlägt, nehmen die Geschichte und die Zeitachse endlich Konturen an. Wir sind in den Neunzigerjahren, als die Heldin von Detektiv Fury (einem digital verjüngten Samuel Jackson) kritisch beäugt wird. Fury ist in den Filmen des Marvel Cinematic Universe bereits als Chef eines Agententeams eingeführt. Hier wird seine Vorgeschichte erzählt.

Trailer zum Film «Captain Marvel». Quelle: TMDb.pro

Zusammen sitzt das Duo nun vor steinzeitlichen Computern und wartet, bis ein Programm geladen ist, während auf der Tonspur Garbage, Elastica und R.E.M. laufen. Carol/Vers trägt zwischenzeitlich ein Nine-Inch-Nails-T-Shirt. Und eine Figurenentwicklung gibts auch: Beim Zusammentreffen mit einer früheren Air-Force-Kollegin (Lashana Lynch) schimmert Carols Verunsicherung durch. Schliesslich galt sie sechs Jahre lang als verschollen. Carol versteht die Sprachlosigkeit ihrer Kollegin, das grösste Rätsel ist sich die Heldin selbst.

Im Lauf des Films werden dann verschiedene Lebensphasen zusammengeschnitten und verdichtet: Carol als Kind, Carol als Jugendliche, Carol als Erwachsene. Immer strauchelt sie, immer fällt sie in den Staub, immer wird sie ausgelacht oder hört Kritik. Aber dann steht sie auf, macht weiter, nimmt die nächst grössere Herausforderung an. Es ist der Moment, der punkto weiblichem Selbstwertgefühl einer Katharsis gleichkommt, wenn auch einer leicht plakativen Katharsis. Ob das fürs kollektive Aha-Erlebnis im Kino reicht?

Unsichere Prognosen

Mit «Black Panther» hatte man bei Marvel punkto Zielpublikum alle Erwartungen übertroffen. Zuerst strömte das afroamerikanische Publikum in die Kinos, dann der Rest der Welt. Ob und wie nun ein prononciert weiblicher «Captain Marvel» an den Kinokassen funktioniert, bleibt abzuwarten. Will man den Analysten glauben, dann sollte der Film in den USA am Startwochenende gegen 100 Millionen Dollar einspielen. Das wäre ein ähnlicher Erfolg wie bei «Wonder Woman».

Allerdings steht «Captain Marvel» seit Wochen unter Beschuss von Internet-Trollen. Auf der Website «Rotten Tomatoes», wo Meinungen gesammelt werden und der Publikumsgusto vor Filmstarts erhoben wird, sank die Zahl der Interessierten zuletzt auf katastrophale 28 Prozent. Man nennt das «review bombing». Die Website hat darauf das entsprechende Messtool entfernt und gibt jetzt nur noch absolute Zahlen bekannt.

Wo war Carol bisher?

Was auch noch zu klären wäre: Wo war eigentlich Carol alias Captain Marvel, als ihre männlichen Kollegen Karriere machten? Iron Man, Spider-Man, Doctor Strange, Ant-Man – sie alle sind im Marvel Cinematic Universe in der Gegenwart verortet, kämpfen unermüdlich gegen das Böse, viele von ihnen wurden allerdings in «Avengers: Infinity War» (2018) von Superbösewicht Thanos ausgelöscht.

Und Carol? Die Figur mit den stärksten Kräften glänzte durch Abwesenheit. Allerdings wurde sie am Schluss des Films in den «end credits» von Fury um Hilfe gerufen, kurz bevor dieser zu Staub zerfiel. Was es damit auf sich hat und wie Captain Marvel ins männerdominierte Geschehen einzugreifen gedenkt: Wir werden es schon bald erfahren. «Avengers: Endgame» kommt im April 2019 in die Kinos.

Ab 7. März im Kino

Erstellt: 05.03.2019, 15:00 Uhr

So funktioniert das Marvel Cinematic Universe

Star Wars, James Bond, Harry Potter: Diese Filmreihen sind fast Zwerge im Vergleich zum Marvel Cinematic Universe. In nur 11 Jahren hat die Franchise von Disney weltweit über 17 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Und niemand zweifelt daran, dass es im grössten Stil weitergeht.


Kevin Feige, Chef der Marvel Studios. Foto: Kyle Grillot (Reuters)

Der Urheber dieser Erfolgsgeschichte heisst Kevin Feige. Aufgewachsen an der amerikanischen Ostküste, war er als junger Mann entschlossen, seinen Idolen Steven Spielberg und George Lucas nachzueifern, blitzte an der südkalifornischen Filmhochschule jedoch fünfmal ab – erst beim sechsten Mal wurde er aufgenommen. Danach begann Feige als Produktionsassistent unter Lauren Shuler Donner (der Frau von «Superman»-Regisseur Richard Donner), für die er unter anderem den Superheldenfilm «X-Men» (2000) betreute. Was folgte, war eine Blitzkarriere.

Viel riskiert mit «Iron Man»

2007 wurde Feige zum Chef der Marvel Studios ernannt. Die Produktionsfirma hatte ihre Comic-Lizenzen bis zu diesem Zeitpunkt an verschiedene Hollywoodstudios vergeben, damit aber nur beschränkt Erfolg gehabt. Nun kaufte Marvel die meisten Superhelden-Rechte zurück und produzierte ein 20 Jahre erfolglos herumgeisterndes Projekt auf eigene Kosten: «Iron Man» (2008). Das Risiko zahlte sich aus, der Film mit Robert Downey Jr. wurde ein Riesenerfolg. Produktionschef Feige widmete darauf weiteren Comicfiguren wie Hulk, Thor und Captain America Einzelfilme, bevor es in «The Avengers» (2012) erstmals zum Superhelden-Zusammenschluss kam. Das Marvel Cinematic Universe war geboren und bot in der Folge fast unerschöpfliche Querverbindungs- und Erweiterungsmöglichkeiten.

Der erst 45-jährige Feige streicht heute gerne den Independent-Spirit seiner Produktionen heraus. Nicht zu Unrecht, denn er holt sich die entsprechenden Arthouse-Regisseure: Ryan Coogler («Black Panther»), Anna Boden und Ryan Fleck («Captain Marvel») oder Cate Shortland (Black-Widow-Projekt) schafften einst alle mit unabhängig produzierten Filmen den Durchbruch. Feige konnte sie davon überzeugen, Filme mit dreistelligen Millionenbudgets zu stemmen. (zas)

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