Die Tragödie des abgespreizten Fingers

Im Dokumentarfilm «The Celluloid Closet» untersuchten Rob Epstein und Jeffrey Friedman das Bild von Schwulen und Lesben im amerikanischen Kino. Das Festival Pink Apple in Zürich ehrt die beiden mit einem Award.

Schwuler Schauspieler spielt heterosexuellen Mann, der einen auf schwul macht: Rock Hudson, Doris Day in «Pillow Talk». Foto: Getty

Schwuler Schauspieler spielt heterosexuellen Mann, der einen auf schwul macht: Rock Hudson, Doris Day in «Pillow Talk». Foto: Getty

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Wenns nach der Filmgeschichte geht, wie etwa aus dem quellen- und zitatenreichen Dokumentarfilm «The Celluloid Closet» (1995) von Rob Epstein und Jeffrey Friedman zu entnehmen ist, dann erkennt man den normalen Homosexuellen daran, dass er den kleinen Finger abspreizt, sobald er aus einem Glas trinkt. Er will dies womöglich gar nicht, aber es ist stärker als er, es spreizt sich wie von selbst, und daraus hat schon manches Kinopublikum in der Sicherheit seiner ordnungsgemässen hetero­sexuellen Orientierung Frohsinn geschöpft.

Es haben jedoch im Klischee vom abgespreizten Finger immer auch die Dramen des Verbergens und Verleugnens gesteckt und die Tragödien des Verachtens, Denunzierens und Vernichtens. Deshalb ist die Szene aus der amerikanischen Komödie «Pillow Talk» (1959), in der Rock Hudson für Doris Day schwules Theater machte, mit Finger und allem und mit weichzüngiger Tuntigkeit, eine sehr traurige: Weil da doch einer, der Männer liebte im Leben, einen darstellte, der nicht schwul war, aber einen Schwulen spielte sozusagen in einer doppelten Pirouette der erzwungenen Verlogenheit.

Geschichtsbewusste Scham

Das ist eine der individuellen Informationen und geschichtlichen Erkenntnisse, die zu gewinnen sind aus «The Celluloid Closet», jenem Film, mit dem vor 20 Jahren das erste schwullesbische Schweizer Filmfestival Pink Apple eröffnet wurde. Und ein Anlass zu geschichtsbewusster Scham ist es wohl auch. Heute Abend läuft «The Celluloid Closet» im Rahmen von Pink Apple nun wieder, weil die Regisseure Epstein und Friedman geehrt werden als Historiker der Schattenwürfe und Maskeraden und Subtexte, mit denen Schwulsein sich im Kino ausdrücken musste über ein Jahrhundert lang.

Wenn sich womöglich Befriedigung einstellt darüber, wie weit man es jetzt immerhin gebracht hat, vom einfachen verbotenen Schwulsein zu den differenzierten L(esbian)G(ay)B(isexual)T(ransgender)I(nter*)Q(ueer)-Bewegungen – dann schadet es vielleicht nicht, an Rock Hudsons kleinen Finger zu denken.

Man sei einen langen Weg gegangen, und natürlich habe man es einigermassen weit gebracht, sagt Jeffrey Friedman im Gespräch. «Andererseits, wir haben noch einen langen Weg vor uns», ergänzt Rob Epstein. Denn das solle man doch bitteschön nicht vergessen, während man so plaudere «in einer Blase der Toleranz» (Friedman): In Syrien stürzt der IS Schwule von Hausdächern. Und auch in Tschetschenien, wo sie zu Tode gejagt werden, ist ihre Rolle im Kino nicht das Hauptproblem schwuler Männer. So sei es ja wirklich noch nicht, dass Homosexualität ganz selbstverständlich im kulturellen und zivilisatorischen «Mainstream» schwimme.

Dabei hat man die «Ankunft» des Schwulseins (noch nicht unbedingt seine Selbstverständlichkeit) im Mainstream des amerikanischen Kinos und Fernsehens immerhin bereits konstatiert. Im Fernsehen stelle er es etwas stärker fest, sagt Rob Epstein, das liege wohl an der ökonomischen Vorsicht der langsameren Filmindustrie, die mit ihren Businessmodellen nicht so ins Zeug schiesse. Sie rechne in Marktanteilen. Was er aber doch sehe, sei, «wie das Geschäft drauf und dran ist, mit der Kultur Schritt zu halten».

Denn gesellschaftlich und kulturell habe sich «enorm viel» verändert, die Homosexualität habe sich ihre Sichtbarkeit erobert, «und Kinder wachsen auf mit schwulen Onkeln und schwulen ­Eltern, es ist Teil ihres Sehens und ­Lebens», und im Grunde, so scheint es, sind für Epstein und Friedman auch die komplexen, sprachstrengen LGBTIQ-Debatten notwendige Etappen auf dem rechten Weg zur Gerechtigkeit. Sie finden sie – wenn man ihr Lachen als Zustimmung werten darf – nur sprachlich manchmal etwas mühselig und filmdramatisch schwer zu nützen.

«Ein wundervolles Event»

Item: Es ist ein gutes Verhältnis von Mainstream und Homosexualität sehr zu wünschen. Die Frage, ob der Eingang des Schwulseins in den grossen amerikanischen Kinounterhaltungszusammenhang auch ästhetische Gefahren berge, findet Jeffrey Friedman allerdings erwägenswert. Das «schwule Kino» und die Spiegelung des Schwulen im nicht schwulen Film seien ja oft tatsächlich im Schatten entstanden und zwischen den Zeilen. Aus dem Widerstand und der Subversion im Verborgenen. Und es wäre schade, diesen Zeichenvorrat zu verlieren beim Übergang vom Subtext in den Text. Hingegen: Allzu ernst nehmen Epstein und Friedman die Gefahr auch wieder nicht. «The Times They Are a-Changin», wie Bob Dylan singt, aber doch nicht so, sagt Rob Epstein, dass Festivals wie Pink Apple unnötig würden, diese «wunderbaren kulturellen Events», wo «gay communities» (und gemeint sind hier alle Abkürzungen) bewahrt würden und entstünden und wo die historische Erinnerung der aktuellen Diskussion zur Verfügung stehe.

Derart idyllisch ist die Welt ja auch nicht geworden, dass nicht noch immer eher ein Kamel durchs Nadelöhr ginge, als dass man einem offen schwulen Schauspieler bei der Besetzung einer Hauptrolle eine schauspielerische Kompetenz zutraute und nicht nur die Verkörperung seiner realen sexuellen Orientierung.

Die pädagogische Notwendigkeit von Erinnerung wird bei Pink Apple übrigens nicht nur durch «The Celluloid Closet» erwiesen. Gezeigt wird auch Ep­steins und Friedmans Dokumentarfilm «Paragraph 175» (2000), der vom nationalsozialistischen Versuch berichtet, «die Nation der deutschen Homosexuellen» auszurotten; und wenn etwas ins allgemeine Geschichtsbewusstsein gehört, dann sicher dies: dass einmal ein abgespreizter kleiner Finger tödlich sein konnte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2017, 17:26 Uhr

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Filmfestival in Zürich

Das 20. schwullesbische Filmfestival Pink Apple dauert in Zürich bis zum 4. Mai und zeigt danach (5. bis 7. Mai) einen Teil seines Programms auch im thurgauischen Frauenfeld, seinem Gründungsort.

Im Umfeld der Auszeichnung von Rob ­Epstein und Jeffrey Friedman mit dem Pink Apple Festival Award 2017 (29. 4., 17.30 Uhr) werden – neben «The Celluloid Closet» (28. 4., 18.15 Uhr) und «Paragraph 175» – auch ihr gemeinsamer Spielfilm «Howl» (29. 4., 17.30 Uhr) über den Dichter Allen Ginsberg sowie Epsteins erster, 1985 mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm, «The Times of Harvey Milk» (30. 4., 19 Uhr), gezeigt. Alle Vorführungen finden im Zürcher Filmpodium statt.

Zum Programm von Pink Apple gehören unter anderem auch Kurz- und Experimentalfilme aus der «Hochblüte der Lesbenkultur» und ein Filmprogramm zum variantenreichen Thema Coming-out. Informationen und Tickets sind auf der Website erhältlich: www.pinkapple.ch

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