Die Wahrheit über Catherine Deneuve

Begegnung mit der Grande Dame des französischen Kinos, die Film um Film dreht – auch über sich selber.

Catherine Deneuve Ende August in Venedig. Foto: Alvaro 
Canovas (Getty Images)

Catherine Deneuve Ende August in Venedig. Foto: Alvaro Canovas (Getty Images)

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Keine Ahnung, wie sie das macht. Während andere Interviewpartner, auch sehr berühmte, sich zum Rauchen im Hotelzimmer stets zum Fenster begeben und dabei fast hinunterfallen, um den Rauchmelder nicht auszulösen, sitzt sie ganz selbstverständlich mitten im Zimmer. Zündet Zigarette um Zigarette an, immer diese dünnen. Wenn ein Hotelangestellter hereinkommt, bringt er einfach einen neuen Tee. Und sagt höchstens: «Noch ein Wunsch, Madame?»

Catherine Deneuve wird in einem Monat 76, dreht immer noch Film um Film. «Immer noch?», schnappt sie die saloppe Bemerkung des Interviewers auf und muss sehr lachen. Nein, sie dreht natürlich nicht immer noch, sie dreht, weil sie gute Angebote hat. Normalerweise möchte sie nur einmal pro Jahr die Strapazen von Dreharbeiten auf sich nehmen, aber es lässt sich eben nicht alles planen. Und deshalb hat sie jetzt gerade wieder zwei Filme in petto, für die sie rauchend Auskunft gibt: «L’adieu à la nuit», ihre achte Zusammenarbeit mit dem französischen Meisterregisseur André Téchiné. Und «La vérité» des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-Eda, der 2018 mit «Shoplifters» die Goldene Palme von Cannes gewonnen hat.

Anders als ihre Filmfigurist sie vif und aufmerksam

In «La vérité», der am Zurich Film Festival zu sehen sein wird, ist die Sache mit den Interviews noch komplizierter. Da spielt Catherine Deneuve eine berühmte französische Diva namens Fabienne. Gleich zu Beginn gibt diese ein Interview, weil sie die soeben veröffentlichte Biografie promoten will. Ihre Tochter, verkörpert von Juliette Binoche, wirft ihr vor, in diesem Buch, das eben «La vérité» heisst, entspreche nichts wirklich der Wahrheit. Worauf Catherine, pardon, Fabienne prompt zurückgibt: «Ich bin gerne eine schlechte Mutter, eine schlechte Freundin, wenn ich dafür eine grosse Schauspielerin sein kann.»

Die Wahrheit? Catherine Deneuve sagt natürlich, mit der selbstverliebten Diva, die sie da spiele, habe sie nichts zu tun. Und das glaubt man ihr sofort; anders als ihre Filmfigur ist sie vif und aufmerksam, stellt sich selber in den Schatten der Menschen, mit denen sie arbeitet. Aber wenn es zum Beispiel in «La vérité» eine sehr witzige Passage gibt, in der jemand sagt, der Vor- und der Nachname aller grosser Schauspielerinnen beginne mit dem gleichen Buchstaben – Claudia Cardinale, Anouk Aimée –, denkt man sofort, das trifft bei Catherine Deneuve nicht zu. Wenn dann noch der Name Brigitte Bardot fällt und Deneuve diesen so spitz wiederholt, dass jedem klar wird, was sie von ihrer grossen Konkurrentin aus den 1960er-Jahren hält, merkt man schon, wie viel da eben doch aus tiefem Herzen kommt.

Das ist wohl die grosse Kunst der Schauspielerin, die mit allem spielt: ihrer Erscheinung, die mitnichten mit ihrem tatsächlichen Alter übereinstimmt. Ihrer unermesslichen Karriere. Und ihrer Ausdrucksweise, die stets fast nonchalant wirkt. Auch wenn es um grosse Emotionen geht wie in «L’adieu à la nuit».

Stattdessen rühmt sie ­ausführlich ihren Filmpartner

Mit André Téchiné hat Catherine Deneuve einige ihrer schönsten Filme gedreht («Ma saison préferée»). Im neuen spielt sie eineresolute Gutsbesitzerin in Südfrankreich, die Besuch von ihrem Grosskind erhält. Der unterdessen junge Mann ist gekommen, um sich zu verabschieden, weil er mit seiner Freundin nach Kanada auswandern will. Aber die Grossmutter merkt bald, dass er ganz andere Pläne hat.

Téchiné kombiniert seine Spezialität – Menschen in der oft südfranzösischen Landschaft fast körperlich spürbar zu machen – mit einer politischen Dimension: Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Islam und den Verlockungen des Jihad. Nein, sie habe sich auf ihre Rolle nicht vorbereiten müssen, weist Catherine Deneuve fast entrüstet zurück. Sie wisse schliesslich, wie eine gesunde Reaktion ausfalle, wenn man mit einer unangenehmen Erkenntnis konfrontiert werde. Stattdessen rühmt sie ausführlich ihren Filmpartner, dem es gelinge, Liebenswürdigkeit und tief empfundene Wut zu kombinieren: Sie spricht vom Schweizer Schauspieler Kacey Mottet Klein, mit dem sie erstmals zusammenarbeitete.

Diese Nonchalance, auch auf der Leinwand, ist die grosse Qualität der Catherine Deneuve in den 2010er-Jahren. So gut zur Geltung wie in «La vérité» kam sie in den letzten Jahren nie. Wobei die Schauspielerin zum Abschluss des Interviews noch ein weiteres Argument bringt, wieso sie mit der darin gezeigten Diva Fabienne nichts gemeinsam habe: «Anders als diese werde ich in meinem Leben ganz bestimmt nie eine Biografie veröffentlichen.»

«L’adieu à la nuit» läuft ab Donnerstag in den Kinos, «La vérité» ist am ZFF zu sehen



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Erstellt: 21.09.2019, 16:31 Uhr

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www.zff.com, ab 26. September

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