«Zahlreiche Kantonsräte wollten Freigabe von Nudistenfilmen»

Matthias Uhlmann untersucht die Geschichte der Filmzensur im Kanton Zürich. Er verrät, welche Filme zu anstössig waren – und gerade darum oft auch erfolgreich.

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Sie schreiben Ihre Dissertation über die Zürcher Filmzensur. Welche Filminhalte wurden hier verboten?
Hauptsächlich Nackt- und Gewalt­darstellungen; Erstere in Nudisten- und später in Sexfilmen. Da die Produzenten nackte Haut, sexuelle Handlungen oder Geburtsdarstellungen oft auch in Auf­klärungs­filmen unterbrachten, stand dieses Genre ebenfalls im Blick der Filmzensur. In Expeditions- und Reisefilmen waren exotische Frauen oben ohne seit den Anfängen des Films zu sehen, europäische oder hiesige Nackedeis durfte man aber nicht zeigen.

Scharfer Blick auf die Zensur: Matthias Uhlmann. Foto: Thomas Egli

Wer war damals verantwortlich für die Filmzensur?
Seit Beginn die Polizeidirektion, die auf der Grundlage der Gutachten einer sogenannten Filmkontrollkommission entschied; Rekursinstanz war der Regierungsrat. Erst 1960 wurde das Ver­waltungs­gericht eingesetzt – endlich eine unabhängige, gerichtliche Instanz, bei der die Entscheidungen der Ver­waltung angefochten werden konnten.

Wie viele Leute sassen in dieser Kommission, und wer waren sie?
Rund ein Dutzend. Die Zensur musste basisdemokratisch abgestützt sein, denn sie beanspruchte für sich, für den Durchschnitt der Bevölkerung zu ­sprechen. Neben der obligaten Frauen­beteiligung waren es meist gestandene Herren aus der Verwaltung, Richter und Staatsanwälte.

Wie wurde zensiert?
Die Filme wurden entweder ganz ver­boten oder mit Schnittauflagen belegt. Letzteres ist für meine Arbeit aufschlussreich, weil die Kürzungen in der Regel beschrieben wurden und man nachvollziehen kann, was in einem bestimmten Jahrzehnt herausgeschnitten werden musste. Oft wurde akribisch festgehalten, ab welchem Filmbild der Schnitt anzusetzen hatte; im Falle des italienischen Films «Europa di notte» von 1959, der verschiedene Variété-Nummern zeigte, wurde etwa verfügt: «Der zweite und der dritte im ‹Crazy-Horse-Saloon› gezeigte Striptease sind wegzulassen. Es darf nur der erste Striptease (Tänzerin im roten Kleid) gezeigt werden.»

Welche Filme machten viel Arbeit?
Dem Kantonsparlament sicherlich die Nudistenfilme von Werner Kunz Mitte der Fünfzigerjahre. Betreffend Nacktdarstellungen waren sie die erste Wegscheide. Im Kantonsrat wurde damals tagelang darüber debattiert – über einen Film, der heutzutage nur noch durch seine Harmlosigkeit schockiert. Der Zürcher Polizeidirektor zog damals das Fazit, «dass bei zahlreichen Kantonsräten der Wunsch besteht, bei der Freigabe von Nudistenfilmen etwas grosszügiger zu sein». Es dauerte nicht lang, bis verschiedene Nudistenfilme aus dem Ausland importiert wurden. Das Kino Stüssi­hof zeigte sie oft monatelang.

Wurde danach die Zensur gelockert?
Nach den Nudistenfilmen forderten einige Pin-up-Filme, ab 1968 dann die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle die Zensur heraus. Diese waren ebenfalls hoch umstritten. Irgendwann musste die Behörde aber erkennen – auch aufgrund der kritischen Berichterstattung in den Zeitungen –, dass sie solche Filme ernst nehmen musste, weil das Publikum sie sehen wollte. 1971 entschied das Stimmvolk dann, dass der Verbotsgrund des «unsittlichen Films» gestrichen wird.

Gibt es Filme, die nicht in Zürich, aber anderswo zu sehen waren?
Ganz viele sogar. Während Zürich Monate dafür brauchte, um den ersten Oswalt-Kolle-Film «Das Wunder der Liebe» zu beurteilen, lief er im Kanton Aargau bereits. Die Zürcher gingen dann einfach nach Spreitenbach. Umgekehrt konnten Luzerner Filmfreunde in den Fünfzigerjahren in der Zeitung Annoncen von Werner Kunz lesen: «Kommt nach Zürich, hier ist der Film erlaubt!»

Nutzte man die Zensur auch für die Promotion der Filme?
Als die Zensur gelockert wurde, hiess es im Kinoprogramm oft: «Jetzt vom Verwaltungsgericht freigegeben!» Das war die allerbeste Werbung. Was die sogenannten Brutalos betrifft, so existiert seit dem Inkrafttreten des entsprechenden Artikels des Strafgesetzbuches Anfang 1990 eine mittlerweile online verfügbare «Liste problematischer Filme» des Schweizerischen Videoverbands. Sie dient – entgegen ihrer Zielsetzung – den Fans von Splatter-, Zombie- und Kannibalenfilmen als Einkaufsliste.

Gibt es eine geheime Kammer mit Filmen, die Zürich nie gesehen hat?
Die wohl vollständigste Sammlung befindet sich in meinem Büro (lacht).

Gibt es heute noch eine Zensur?
Das Zürcher Filmgesetz von 1971 gilt nach wie vor und verbietet die Vorführung «verrohender» Filme oder solcher, die «Menschen oder Menschengruppen verächtlich machen». Sexfilme hingegen hat man aus dem kantonalen Gesetz gestrichen, im Vertrauen auf das schweizerische Strafgesetzbuch. Dieses reguliert erstens die Pornografie, indem es den Jugendschutz gewährleistet und namentlich Gewalt- und Kinderpornografie verbietet. Der Brutaloartikel verbietet Filme mit «grausamen Gewalt­tätig­keiten gegen Menschen oder Tiere».

Wer kann Filme melden, und wie wird ein Film heute beurteilt?
Jeder kann bei der Polizei einen Film mit mutmasslich verbotenen Gewaltdarstellungen melden. Findet man den Film auf der Liste problematischer Filme, geht die Sache an die Staatsanwaltschaft und es kann zu einer Anklage kommen. Filme werden heute jedoch kaum mehr gemeldet. Die Aufmerksamkeit der besorgten Leute liegt eher bei den sogenannten Killerspielen und dem Internet.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach in der Filmzensur ändern?
Fiktionale Filme sollten nicht länger ­unter den Brutaloartikel fallen. Der ursprüngliche Zweck der Strafbestimmung ist längst überholt; volljährige Filmfreunde wegen des Kaufs etwa von Zombie- oder Slasherfilmen vor Gericht zu zerren, mutet nur noch grotesk an in ­einer Zeit, in der echte Folter- oder Mordszenen, wie beispielsweise Enthauptungsvideos des IS, frei online angeschaut werden können.

Erstellt: 30.10.2015, 01:39 Uhr

Matthias Uhlmann hat Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft und Kriminologie an der Universität Zürich studiert. In seiner Dissertation untersucht er die Filmzensur im Kanton Zürich von 1939 bis 1971, als sie per Volksabstimmung abgeschafft wurde. Die späteren strafrechtlichen Bestimmungen zu verbotenen Filmen werden darin ebenfalls behandelt.

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