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Diese tödliche männliche Blödheit

Die Gebrüder Coen arbeiten jetzt auch für Netflix. Mit «The Ballad of Buster Scruggs» haben sie einen Western in sechs eigenwilligen Kapiteln gedreht.

Manchmal, so scheint es, überkommt die Regisseure, Autoren und leiblichen Brüder Ethan und Joel Coen, die nur zu zweit ganz sind, eine Nostalgie nach der Nostalgie. Womöglich ist es eine Altersfrage, sie werden vielleicht milder mit den Jahren – jedenfalls nicht jünger und giftiger. Nicht, dass die Milde sie harmlos machte (nun ja, in «Hail Caesar!» von 2016, tat sie es fast). Sie sind immer sarkastische Erforscher der menschlichen Gier gewesen und Künder der tödlichen männlichen Blödheit, an der womöglich einmal die Welt zuschanden gehen wird.

Sind sind es auch in «The Ballad of Buster Scruggs», und ihre Frage bleibt ganz die alte: Was ist es, das in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Aber in ihren sanfteren Momenten enthüllt sich eben eine Art liebenswürdige Sehnsucht: nach der alten Unschuld der Liebenden, der Sen­timentalen und der spielenden Kinder, die sich nichts Böses denken beim Aufschlitzen ihrer Puppen.

Und deshalb schlägt jetzt in «The Ballad of Buster Scruggs» eine Hand ein Buch auf, und aus Worten tauchen felsige, wild-öde Naturpracht, die bekannten, gewaltigen Totalen, und es heben Geschichten an vom alten wilden Westen, wie er wahrscheinlich nie war oder doch war (wer weiss es schon, wir haben ja nur die Bücher und die Filme) in seiner skurrilen, lebensgefährlichen Romantik, in der gradlinigen Härte und im anerkannten Recht des Schnelleren. Die Ballade vom Scruggs ist nur eine davon.

Abgründe von Nonsens

Sie geht folgendermassen: Es reitet ein Mann in Weiss, besagter Buster, auf seinem Schimmel durch die schönste Westernwüstenei und singt ein freundlich Lied. Man sieht ihm den Revolvervirtuosen gar nicht an, und kurzum: Er betritt eine Bar im Nirgendwo, und als er wieder rauskommt, sind alle anderen tot; und in einer anderen Bar erschiesst er einen unmanierlichen Pokerspieler unter origineller Ausnützung der Hebelkräfte, und seinem Bruder schiesst er alle Finger der rechten Hand weg, einen nach dem anderen, sodass an ein Zurückschiessen nicht zu denken ist. Aber es gilt unter Schützen: Irgendwann ist doch einer noch schneller, das sind die Regeln, und derart sorgt der verspielte Gott der Revolverhelden für Gerechtigkeit.

So ein gut gelaunter Film ist das. So ein elend trauriger Film aber auch, der den Menschen von aller Menschlichkeit schauerlich entlaubt. Nämlich in jener Episode, in der ein Impresario einen arm- und beinlosen Schauspieler durch den Winter karrt. Der rezitiert an den Rändern der Zivilisation Percy Shelleys «Ozymandias» oder Shakespeares «Sturm», und der Applaus ist spärlich und das Essen knapp. Sodass der Impresario seinen Rezitator schliesslich sehr endgültig ersetzt durch ein Huhn, das multiplizieren kann. Es ist einem danach wirklich äusserst kulturpessimistisch zumute.

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Man ist am Ende durch Abgründe von Absurdität und Nonsens gegangen. Das Leben erweist sich bei den Coens als hinterhältiger Bastard und der Tod als listenreicher Kopfjäger. Die Gier gräbt Löcher und Gräber in die Natur, darüber wird dann wieder Gras wachsen.

Es spielen unter anderem Liam Neeson, Tom Waits und James Franco. Im Übrigen ist noch jene Szene sehr zu loben, in der ein Mann unter dem Galgen seinen weinenden Nebenmann fragt, ob das denn sein erstes Aufgehängtwerden sei.

Ab 16. November auf Netflix.

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