Cannes zeichnet erstmals eine schwarze Regisseurin aus

Mit ihrem Erstling «Atlantique» hat die Französin Mati Diop eine wunderbare Geistergeschichte in Afrika gedreht – und findet sich in einer speziellen Position wieder.

«Es war nicht mein Projekt, die erste schwarze Regisseurin im Wettbewerb von Cannes zu sein»: Mati Diop mit dem Grossen Preis der Jury. Bild: Keystone

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Veranstaltet wird das Filmfestival von Cannes in einem Gebäude, das man an allen anderen Orten der Welt als Kongresszentrum bezeichnen würde, aber hier heisst es «Palais des Festivals». Es gibt auch einen Hintereingang, der ist angeschrieben mit «L' entrée des artistes». Künstler sieht man dort nie hineingehen, dafür Feuerwehrleute, die eine Snack-Pause brauchen. Passieren kann es aber, dass einem in den Gängen Quentin Tarantino entgegenkommt, wie er gerade ins Freie gelotst wird, am Arm seine israelische Frau, auf die er sich abzustützen scheint.

Der Regisseur hat im Cannes nicht nur «Once Upon a Time in Hollywood» gezeigt, eine lockere, warm leuchtende Hommage an die B-Movies und das Los Angeles Ende der 60er, die viel hintersinniger ist, als sie zuerst wirkt. Er hat sich auch als ­normaler Besucher in ein paar asiatische Thriller hineingesetzt. Dass mit «Parasite» am Samstag ein Film aus Südkorea die Goldene Palme gewonnen hat und Quentin Tarantino gar nichts ausser den Scherzpreis für den besten Filmhund, passt also: Von Regisseur Bong Joon-ho ist er nämlich erklärtermassen auch ein Fan.

«Einstimmig» sei die Entscheidung für die Satire gefallen, sagte der mexikanische Regisseur und Jurychef Alejandro González Iñárritu an der Preisverleihung der 72. Ausgabe. In «Parasite» steht eine Familie im Zentrum, die am Rande des Existenzminimums lebt. Doch dann bekommt der Sohn eine Stelle als Hauslehrer bei einer reichen Familie, die in einer gediegenen Villa wohnt, und von da an wird alles ganz anders.

Ausschnitt aus «Parasite». Video: PD.

Bong Joon-ho hat darum gebeten, nicht mehr zur Handlung zu verraten, darum nur so viel: Ein sanft flackerndes Licht und ein Fleischspiess werden eine entscheidende Rolle spielen. Seit einiger Zeit fusioniert Bong Joon-ho mit Filmen wie «The Host» aufs Vergnüglichste Genremuster und Klassenkampf, «Parasite» bleibt aber eigenständig und bis zur letzten Wendung überraschend.

Feministische Umcodierung

Bei der Jury bedankte sich der Koreaner, er fühle sich sehr geehrt, «das französische Kino hat mich schon immer inspiriert». Neben dem Mexikaner Iñárritu sassen in der Jury solch herausragende Regisseure wie der Pole Pawel Pawlikowski, so was gibts auch nur in Cannes. Sie haben von Anfang an betont, dass für sie einzig die filmische Qualität zähle. Festivalleiter Thierry Frémaux wiederholt das auch ständig, wenn er mal wieder auf die Untervertretung von Frauen angesprochen wird.

Cannes verträgt durchaus mehr Gefühlskino, bei dem man nicht gleich völlig unterfordert ist.

Allerdings laufen im Wettbewerb immer ein paar Filme, bei denen es mit der künstlerischen Qualität nicht weit her ist, weshalb es andere Gründe für ihre Programmierung geben muss. Kommt dazu, dass dieses Jahr fünf von 21 Regisseuren, die für den Wettbewerb ausgewählt waren, die Goldene Palme schon gewonnen haben, zwei davon – Ken Loach und die Brüder Dardenne – gar schon zweimal.

In Cannes braucht es deshalb nicht nur eine kluge Jury wie dieses Jahr, es verträgt dort auch mehr Filmemacherinnen wie die Französin Céline Sciamma, die ihre Themen vielleicht etwas ­de­monstrativ auf die politische Diskussion hin drehen, aber ­dafür auch Gefühlskino schaffen können, bei dem man nicht gleich völlig unterfordert ist. «Portrait de la jeune ­fille en feu» erhielt den Dreh­buchpreis und erzählt eine lesbische Liebesgeschichte aus dem 18. Jahrhundert. Es begegnen sich da die adelige Héloïse und eine Malerin, die ein Hochzeitsporträt von ihr anfertigen soll.

Sciamma zielt mit dem kargen Drama auf eine feministische Umcodierung der Geschichte. Einmal lässt eine Dienstmagd eine Abtreibung vornehmen, worauf die Frauen die Szene nachstellen und abzeichnen. Es geht also um den revisionistischen Blick für die emanzipative Sache, aber auch um vieles mehr, etwa um die Theorie der Darstellungskunst, die mit dem lebendigen Moment nicht mithalten kann.

Auf den Fernsehern im Palast war darauf immer wieder jener Augenblick zu sehen, in dem die Darstellerin von Héloïse, Adèle Haenel, nach der Premiere weinend in den Applaus blinzelt. In Cannes ist das ein ganz wichtiger Moment, er hat auch einen Namen: «fin de projection».

Das Herz fluten

Cannes bleibt der spezielle Ort des Kinos, nirgends wird so viel fiebrige Aufmerksamkeit hergestellt. Das sieht man auch auf den sozialen Medien, wo die Berichterstatter sich gegenseitig darin überbieten wollen, wer von einem Werk am stärksten bewegt war. Eine Lust am öffentlichen Fühlen, die wenig hilfreich ist, schliesslich gilt während der zehn aufgeregten Tage von Cannes immer dasselbe Gesetz: Je voller der Mensch mit Eindrücken ist, umso weniger braucht es, damit sein Herz geflutet wird.

Bildstrecke: Die Cannes-Sieger

So gesehen, war es eine schöne Überraschung, dass der Erstling «Atlantique» von Mati Diop am Ende mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, der zweitwichtigsten Ehrung. Diop hat als Schauspielerin in den Filmen von Claire Denis mitgewirkt und nun eine wunderbare Geistergeschichte in Dakar, Senegal, gedreht, die Netflix gleich aufkaufte (in der Schweiz bringt sie der Trigon-Verleih ins Kino). Eine Gruppe Jugendlicher bricht darin übers Meer auf, aber wir sehen nur, wie sie zurückkehren: als Zombie-Seelen, die die Körper ihrer Freundinnen in Dakar heimsuchen.

«Alles sehr vertrackt»

Das wird zu einer traumähnlichen afrikanischen Fantasy-Variante, wo es um die Erinnerung an die Verschwundenen geht und die Idee des «Black Atlantic» ­aktualisiert wird, des kulturellen atlantischen Raums schwarzer Erfahrungen, zu dem sich auch Mati Diop als gebürtige Französin mit senegalesischem Hintergrund rechnen kann. Die 36-Jährige war damit also nicht nur die erste schwarze Frau, die in den Wettbewerb von Cannes aufgenommen wurde, sie war auch die erste schwarze Frau, die etwas gewonnen hat.

Ausschnitt aus «Atlantique». Video: PD

Im Gespräch auf der «Terrasse du festival» im oberen Stock des Palasts sagte die in Paris geborene Nichte des berühmten senegalesischen Regisseurs Djibril Diop Mambéty: «Es war nicht mein Projekt, die erste schwarze Regisseurin im Wettbewerb von Cannes zu sein. Es scheint einfach so, dass ich das jetzt bin.»

Lange Zeit habe sie das afrikanische Kino gar nicht stark interessiert. Sie habe gefürchtet, darin «Spuren des Kolonialismus» zu entdecken und andere unerfreuliche Dinge, wo die Grenzen verfliessen. Sie habe diese Angst, auf etwas zu stossen, was sie mit Scham erfüllen könnte. So richtig könne sie das aber nicht erklären, sagte Diop und wirkte äusserst nachdenklich. Vielleicht habe es etwas mit Schuld zu tun, sie habe so eigene falsche Vorstellungen verdrängen wollen, die man als schwarze Europäerin von dem Kontinent ja auch haben kann. «Alles sehr vertrackt.»

Cannes ist auch ein aussergewöhnlicher Ort, weil dort immer gleich solche Diskussionen geführt werden. Irgendwann griff diese Regisseurin in Jimmy-Choo-Schuhen dann zum iPhone, um ein Zitat von Antonio Gramsci zu googeln, und das war garantiert ein Moment, wie es ihn nur in Cannes geben kann.

Erstellt: 27.05.2019, 07:14 Uhr

Cannes: Die Sieger

Goldene Palme:
«Parasite» von Bong Joon-ho

Grosser Preis der Jury:
«Atlantique» von Mati Diop

Jury-Preis:
«Bacurau» und «Les Misérables» (ex aequo)

Preis für die Regie:
Jean-Pierre & Luc Dardenne für «Le jeune Ahmed»

Preis für die Darstellerin:
Emily Beecham für «Little Joe» von Jessica Hausner

Preis für den Darsteller:
Antonio Banderas für «Dolor y gloria» von Pedro Almodóvar

Preis für das Drehbuch:
Céline Sciamma für «Portrait de la jeune fille en feu»

Besondere Erwähnung:
«It Must Be Heaven» von Elia Suleiman

Camera d'Or:
(bester Erstlingsfilm): «Nuestras madres» von César Díaz

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