Düstere Pracht

Kaum ein Film wird dieses Jahr so sehnlich erwartet wie «Blade Runner 2049». Die Fortsetzung sieht phänomenal aus, aber was hat sie uns zu erzählen?

Mag keine richtigen Mädchen: Ryan Gosling als Android K, Sylvia Hoeks als Angestellte eines Androidherstellers. Foto: Columbia Pictures, Sony Pictures

Mag keine richtigen Mädchen: Ryan Gosling als Android K, Sylvia Hoeks als Angestellte eines Androidherstellers. Foto: Columbia Pictures, Sony Pictures

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Die Zukunft war auch schon einfacher. Zum Beispiel jene Zukunft, von der Ridley Scott in «Blade Runner» erzählte, seinem epochalen Science-Fiction-Film von 1982. Da gab es einerseits Menschen, anderseits Replikanten. Hier Wesen mit echten Gefühlen, dort Androiden, die äusserlich von Menschen nicht zu unterscheiden waren. Sie schufteten als synthetische Sklaven auf Kolonien im All, und wenn sich einer mal auf die Erde verirrte, wurden die Blade Runner, die Kopfgeldjäger, aktiviert. Das war der Job von Rick Deckard, gespielt von Harrison Ford: im Auftrag der Polizei von Los Angeles herauszufinden, wer ein Roboter ist, und ihn zu erledigen. Die Zukunft von «Blade Runner» wurde zum Klassiker. Sie spielte im Jahr 2019.

Da sind wir nun bald, weshalb der ­Kanadier Denis Villeneuve die schier unmögliche Aufgabe übernommen hat, «Blade Runner» in eine neue Zeit zu bringen. Wir schreiben jetzt das Jahr 2049. Los Angeles liegt nach einem Umweltkollaps noch tiefer unter dem Smoghimmel. Eine Stadtschlucht in ewiger Regennacht, wo die Screens nun auch Pauschalreisen zu den Kolonien anpreisen. Bauern züchten Insekten, etwas anderes wächst gar nicht mehr. In den Strassen herrscht weiterhin der urbane Dichtestress, den der Film von 1982 so prophetisch ausmalte: das schweissdampfende Gedränge zwischen Retromode, Riesendisplay und asiatischem Streetfood-Truck, das heute eigentlich Realität geworden ist. Android, das ist jetzt ein Betriebssystem, und die Empa­thietests, die die Replikantenjäger in «Blade Runner» durchführten, kann man im Prinzip täglich im Tram ausprobieren: Hilft mir jemand mit dem ­Gepäck? Wenn ja, ist es kein Replikant.

Vertraute Welt – nur unübersichtlicher

In «Blade Runner 2049» ist die infernale Stadt vielleicht noch ein bisschen japanischer geworden, es gibt nun offenbar neue Selbstbedienungsautomaten. Aber sonst wirkt diese Welt sehr vertraut, sie scheint einfach sehr viel unübersichtlicher geworden zu sein.

Wir treffen einen neuen Roboterjäger, er heisst K, vielleicht wegen Kafka, eher aber wegen Philip K. Dick, dem Autor der Vorlage «Do Androids Dream of Electric Sheep?». K ist ein Replikant, womit wir nichts verraten, es ist von Anfang an klar. Ryan Gosling spielt diesen K, er gehört zur neuen Serie, die hergestellt wurde, um die alten Modelle zu erledigen. Er trägt eine Jacke, von der es einmal heisst, sie sei grün.

Aber bei Villeneuve wirkt jede Farbe wie eine Abstufung von Schwarz. Der Regisseur von «Arrival» hat einen abgerockten Look kreiert, der dem Original nahe bleibt, aber ihn fantastisch erweitert: mit Draufsichten auf den Stadtmoloch, der sich metastatisch ausgebreitet hat; mit in die Tiefe gestaffelten Archivhallen; mit Choreografien aus Lichtbündeln und Verläufen aus Nebel; mit staubigen Wastelands und mit dem Motiv des Wassers, das tanzende Schatten wirft. Und diese rostige Schrotthalde, was für eine kaputte Pracht! Visuell ist «Blade Runner 2049» ein Update, wie man es majestätischer kaum hinkriegen könnte – befeuert von einem sehr lauten Hans-Zimmer-Score, vermutlich eine Komposition für mehrere Schiffshörner.

Damals war es einfacher

Dagegen ist Villeneuve gegen prätentiöses Gedröhn nicht ganz gefeit. Und manchmal ist man nicht sicher: Ist das Spannungserzeugung, oder läuft der Film halb so schnell, wie er müsste? Als K betritt Ryan Gosling jeden Raum, als sei gerade der Boden frisch aufgenommen worden. Es braucht auch nicht allzu viel Fantasie, sich Gosling als Androiden vorzustellen, er neigt ohnehin zum ­Lobotomierten. Sicher hat die Hure im Strassengewühl recht, wenn sie ihm vorwirft, er lächle nicht einmal. Und: «You don’t like real girls», denn sie ist ein echtes Mädchen. Spätestens hier beginnt ein Plot, über dessen Details wir gemäss dem Wunsch von Denis Villeneuve nichts verraten sollen. Es ist aber gar nicht klar, welchen Spoiler er meint, denn von den Twists gibt es so einige.

Dass Harrison Ford wieder auftaucht, gehört nicht dazu, man begegnet ihm schon im Trailer. Er gehört allmählich zum knuffigen Ausstattungsstandard ­jeder Science-Fiction-Forsetzung. K stöbert Rick Deckard auf, nachdem er auf einem im Boden verbuddelten Knochen eine Seriennummer entdeckt hat. Mehr können wir dazu allerdings wirklich nicht sagen. Nur, dass Deckard gegenüber K dann diese zwei Sätze äussert: «I had your job once. It was simpler then.» Damals war alles einfacher.

Original oder Kopie?

Die Frage, was er damit meint, führt uns näher hin zu den Unterschieden zwischen Original und Kopie. Das identitätsphilosophische Problem etwa scheint im neuen Film einfacher zu bearbeiten zu sein: 2049 könne man klar zwischen Replikant und Mensch unterscheiden, heisst es einmal. Die Sache ist nur, dass die Figuren die Beziehung wieder verkomplizieren. In Ks Wohnung etwa gibts dank dem Internet der Dinge eine Art Siri-Hologramm, das die Gestalt einer hübschen Frau annimmt und sich Joi nennt (es sind deshalb einige Žižek-Artikel über die «jouissance» und die Simulation zu erwarten).

Diese Gehilfin kann sein, was K will, eine Haushälterin aus den 50ern oder ein Vamp von heute. Eine Liebe, die nie greifbar wird – bis sich Joi für K mit einer echten Frau synchronisiert. Das wird dann zum doppelt erotischen Virtualitätsspiel. Ähnlich wie der Besuch bei der Erinnerungsmacherin für K zur Lehrstunde wird in der Herstellung von echt wirkenden Gefühlen.

«Blade Runner» war damals bei Kritik und Testvorführungen durchgefallen, aber dafür wurde der Film im Lauf der Jahre nicht nur ein Klassiker, sondern auch ein Ideenreservoir fürs postmoderne Denken, vom Posthumanismus bis zum Cyberpunk. Wenn es implantierte Erinnerungen gibt, was an mir gehört mir dann nicht? Ist Identität nur ein Programm, das läuft? Wie kann es sein, dass jemand nicht weiss, was er ist?

Roboter als bessere Menschen

«Blade Runner 2049» aktualisiert diese Fragen für eine Zeit, in der sich unser digitales Ich zu einer künstlichen Erinnerungsspur verselbstständigt. Das Sequel spinnt einige Ideen des Originals weiter, etwa, dass die Replikanten wie «Schwarze» marginalisiert werden (K wohnt in einer Art Sozialbau, wo man ihm «skin job» hinterherruft). Und dass die Replikanten die besseren Menschen sind, wird jetzt zu einem Moment, der sich von der Revolution nicht mehr trennen lässt. Schon Ridley Scott hatte «Blade Runner» als Kritik einer Neonstadt entworfen, in der sich die, die sich Menschen nennen, tatsächlich als Roboter im Netz rationaler Transaktionen erweisen. Die Replikanten waren da stets viel verspielter, gefährlicher. Die Cyberpunks sahen in der Kopie gar den neuen Menschen, der keine natürlichen Eigenschaften mehr hat, deretwegen man ihn unterdrücken könnte. «It was not born in a garden», schrieb Donna Haraway in ihrem Manifesto zum Cyborg.

Deshalb nimmt man dem Sequel ein wenig übel, dass es diesen Garten Eden doch irgendwie wieder aufsucht. Nicht, dass es das Vergnügen stark mindern würde. Aber es macht alles etwas einfacher, als es sein könnte. Und am Ende wird man die Erinnerung nicht los, dass die Zukunft schon einmal weiter war.

In den Kinos ab Donnerstag.

Erstellt: 02.10.2017, 20:22 Uhr

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