Edward Norton wartete 20 Jahre auf die Premiere seines Films

Der Hollywoodstar verfilmte als Regisseur und Hauptdarsteller seinen Lieblingsroman «Motherless Brooklyn».

Detektivarbeit braucht Geduld: Edward Norton in «Motherless Brooklyn». Foto: Warner Bros.

Detektivarbeit braucht Geduld: Edward Norton in «Motherless Brooklyn». Foto: Warner Bros.

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Als 1999 der Roman «Motherless Brooklyn» erschien, kaufte Edward Norton sofort die Rechte. Er wollte die Geschichte um ein Detektivbüro, deren Mitglieder als Jugendliche in einem Waisenhaus rekrutiert wurden, selber verfilmen. «Es kann aber eine Weile dauern», sagte er Jonathan Lethem, dem Autor des Romans. Damit sollte er recht behalten: Jetzt, zwanzig Jahre später, ist der Film da.

Edward Norton, unterdessen 50 Jahre alt, befand sich beim Erwerb der Rechte auf einem ersten Höhepunkt seiner Karriere. Fünf Filme hatte der Schauspieler damals erst gedreht, aber er war bereits zweimal für den Oscar nominiert worden: einmal als Nebendarsteller für die Rolle des Angeklagten mit Persönlichkeitsstörung in «Primal Fear», einmal als Hauptdarsteller für seinen Neonazi in «American History X». Und im Kino lief gerade jener Film an, der ihn wirklich weltbekannt machen sollte: «Fight Club» mit Brad Pitt.

Trailer zu «Motherless Brooklyn»

Nichts stand also einer grossen Hollywoodkarriere im Weg. Aber Norton hatte andere Ambitionen: Regie, Filme im Stil der grossen Klassiker. «Motherless Brooklyn» sollte ihm dazu den Weg ebnen. Ihm schwebte kein schneller, schmutziger Krimi vor. Nein, schon zu Beginn wusste er, dass er die Handlung von den 1990er-Jahren in die 1950er-Jahre verlegen würde, um nicht nur eine Gangstergeschichte zu kreieren. Sondern auch einen Film über die Zeitenwende in einer Stadt, in der mächtige Baulöwen ganze Quartiere zerstören. Kurz, «Motherless Brooklyn» sollte für New York das werden, was «Chinatown» für Los Angeles ist.

Die schwierigste Aufgabe legte Norton sich selber auf

Als Übung drehte Edward Norton im Jahr 2000 seinen ersten Film als Regisseur: «Keeping the Faith» ist eine hübsche Komödie um einen Priester (er spielte ihn selber) und einen Rabbi, die sich in dieselbe Frau verlieben. Er bekam anständige Kritiken, Norton begann am «Brooklyn»-Drehbuch zu schreiben.

Als Schauspieler durchlebte er Höhepunkte, zu denen sein Pfadfinder in Wes Andersons «Moonrise Kingdom» gehört. Aber auch Tiefen, zum Beispiel als er mit mässigem Erfolg den Hulk spielte, bevor dann Mark Ruffalo den Part des grünen Monsters perfektionierte.
Mächtiger Gegner: Alec Baldwin als Donald..., pardon, Baulöwe Moses Randolph. Bild: Warner Bros.

Tiefschläge steckte er locker weg, schliesslich war da dieses Drehbuch zu «Motherless Brooklyn». 2012 war es endlich fertig. Aber der Film liess sich nicht finanzieren, obwohl Norton die Rollen mit Stars wie Bruce Willis (als Chef), Alec Baldwin (als Baulöwen), Willem Dafoe (als Informanten) besetzte. Und mit Gugu Mbatha-Raw eine vielversprechende Newcomerinnen als geheimnisvolle Laura an Bord holte.

Die Zeit verstrich, denn Norton wollte lieber zuwarten als Kompromisse eingehen. Das galt auch für die Musik, die im Film eine zentrale Rolle spielt: Wichtiger Handlungsort ist nämlich ein Jazzclub, in dem ein arroganter Trompeter auftritt. Man denkt sofort an Miles Davis.

Das Beste vom Besten also, aber die schwierigste Aufgabe legte Norton sich selber auf. Der Detektiv Lionel Essrong, den er spielt, leidet nämlich am Tourettesyndrom, was sich in unkontrollierbaren Zuckungen (aber auch einem herausragenden Gedächtnis) äussert.

Manchmal bricht es einfach aus ihm raus, wie bei der Hauptfigur von «Joker» das Lachen. Das könnte für einen selbstverliebten Darsteller gefährlich sein, aber sowohl der Regisseur als auch der Hauptdarsteller Norton machen das gut. Es ist nie zu viel und auch nicht zu wenig.

Alles bestens also? Ja und nein. Ja, weil «Motherless Brooklyn» wirklich ein stilvoller Film geworden ist: Die Schauspieler, auch in den kleinen Parts, sind exzellent, alles sieht gediegen aus. Nein, weil der Film einem gerade deswegen nicht nahekommt, die Geschichte ist zu verästelt und lässt sich am Ende doch auf einen einfachen Nenner – Baulöwen sind böse – runterbrechen. Wozu der ganze Aufwand, fragt man sich da?

Der Film wurde im Lauf der Jahre wieder aktueller

«Motherless Brooklyn» lohnt sich trotzdem. Edward Norton ist als Regisseur konsequent geblieben und hat sein Herzensprojekt durchgezogen, wovon er in weiteren Arbeiten profitieren wird. Und einen Vorwurf kann man ihm bestimmt nicht machen: dass er zu spät kommt mit seinem Film. Als er 2012 sein Drehbuch fertig hatte, erhielt er nämlich auch kein Geld, weil alle es unglaubwürdig fanden, dass sich in modernen Zeiten ein Immobilienspekulant als Machtfaktor durchsetzen könnte. Heute ist ein Immobilienspekulant Präsident der USA.

«Motherless Brooklyn» läuft ab 12. 12. im Kino



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Erstellt: 07.12.2019, 17:48 Uhr

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