«Über den USA hängt eine schwarze Wolke»

George Clooney hat eine alte Geschichte verfilmt. Diese weist bewusst Parallelen zur Ära Trump auf. Der Hollywoodstar glaubt aber an die Selbstheilungskräfte der USA.

«Vielleicht hat unser System den Schock gebraucht», sagt George Clooney. Foto: Getty Images

«Vielleicht hat unser System den Schock gebraucht», sagt George Clooney. Foto: Getty Images

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Für «Suburbicon» schrieben Sie ein altes Drehbuch der Coen-Brüder um, und man kommt natürlich nicht umhin, im Film nach den Spuren der Coens zu suchen.
Klar. Wir haben aber viel geändert. Die Geschichte spielte nicht in den Fünfzigern, es gab keine schwarze Familie. Die haben wir erst eingebaut.

Von wann war das Drehbuch? Sie hatten ja fast ein Jahrzehnt mit dem Projekt zu tun.
Die Coens schrieben es 1986, und 1999 fragten Sie mich, ob ich die Rolle spielen will, die jetzt Oscar Isaac spielt.

Offizieller Trailer zu «Suburbicon». Video: Youtube/Zero Media

Ein Privatdetektiv, der einem Mordkomplott in einer spiessigen Vorstadt auf die Schliche kommt.
Der Film wurde dann aber nie gedreht. Es gab grossartige Szenen und Figuren in diesem Buch, aber es hat nicht so richtig als Coen-Projekt funktioniert. Mein Agent sagt, dass ich 80 Drehbücher gelesen habe auf der Suche nach einem Stoff. Ich habe trotzdem nichts finden können, das mir wirklich gefiel. Und dann hörte ich während des Präsidentschaftswahlkampfs all diese Sachen: Mauern sollen gebaut werden, Minderheiten sind für alles der Sündenbock. Und ich erinnerte mich: Als wir «Good Night, and Good Luck» gemacht haben, wollte ich, dass der Film in den Fünfzigern spielt und vom Journalisten Edward Murrow handelt, weil diejenigen von uns, die gegen den Irakkrieg waren, als Verräter bezeichnet wurden. Und ich wollte zurückschauen in die Geschichte. Mir eine Zeit ansehen, in der es genauso gemacht wurde. Und ich wollte zeigen, wie sich damals die vierte Gewalt verhielt.

Murrow hatte eine Fernsehsendung während der McCarthy-Ära und liess sich nicht einschüchtern, was letztlich mit dem Ende dieser Epoche sehr viel zu tun hatte.
Genau. Und als ich «Good Night, and Good Luck» drehte, hat man ja wieder versucht, Leute einzuschüchtern. Und jetzt gibt es diesen Ansatz, auf Minderheiten loszugehen, Mauern zu bauen, das ist in den USA leider auch nicht neu.

Weder da noch anderswo.
Auch wahr. Mir fiel dann diese Dokumentation in die Hände, «Crisis in Levittown», die von Levittown, Pennsylvania, handelte und einer schwarzen Familie, die dort hinzog. Und als ich das sah, musste ich ans Drehbuch der Coens denken, das ja eigentlich in den Achtzigern spielte, an all diese verdorbenen Figuren, die mich so fasziniert hatten.

Da ging es um eine schwarze Familie, die 1957 in die weisse Kunststadt Levittown zog?
Wenn es heisst: «Make America Great Again», dann geht es genau um diese Zeit.

War der Arbeitstitel zu «Suburbicon: So grossartig war Amerika» eine Anspielung auf Trumps Wahlkampfslogan «Make America Great Again»?
Selbstverständlich! Das war mein Thema. Donald Trump war damals so alt wie der kleine Junge im Film. Wir blicken immer zurück auf Eisenhowers Regierungszeit und sagen: Ach, wie einfach damals alles war! Ja, es war einfach, sogar sehr einfach – vorausgesetzt, man war ein weisser, heterosexueller Mann. Leider galt das für sonst niemanden. Ich dachte jedenfalls: Wie wäre es denn, wenn sich diese völlig verquere Familie den Hinterhof teilt mit jener Familie, die eigentlich nichts falsch gemacht hat, ausser der falschen Rasse anzugehören? Alle geben natürlich denen die Schuld. Ich finde alle Geschichten spannend, die erst mal in die verkehrte Richtung schauen. Also rief ich die Coens an und fragte, ob ich das Drehbuch umschreiben dürfe, und sie sagten: «Mach nur! Für uns wird daraus sowieso nichts.»

Es wurde ein Mix aus einer Coen-Geschichte und einer, die zu Ihnen passt – das sind ja zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
Ich weiss. Sie interessieren sich nicht so für gesellschaftspolitische Situationen. Ich muss da vorweg sagen: Ich finde, die beiden sind die besten Filmemacher überhaupt. Mir fällt niemand sonst ein, der über so lange Zeit auf so hohem Niveau gearbeitet hat wie die Coens. Frank Capra war grossartig, aber die meisten Karrieren dauern eben nicht 35 Jahre lang an.

Es gibt ja auch mehr als eine Art, einen guten Film zu machen.
Ich wollte halt etwas anderes aus diesem Drehbuch machen. Ich wollte schon, dass die Story gemein ist. Und wütend. Jetzt werde ich dauernd gefragt, was ich damit eigentlich erreichen will, aber darum geht es nicht: Filme führen nicht, sie folgen. Sie reflektieren den Zustand der Gesellschaft. Ich denke, Kunst ergibt immer nur einen Sinn, wenn sie spiegelt, an welchem Punkt wir zu einer bestimmten Zeit waren.

Video - Impressionen von der «Suburbicon»-Premiere

George Clooney auf dem roten Teppich in LA (Tamedia)

Hat sich Ihre Vorstellung vom Film verändert, während Sie daran arbeiteten?
Je weiter der Wahlkampf fortschritt, desto wütender wurden die Leute. Und umso wütender wurde der Film. Wir wurden uns während der Arbeit bewusst, wie sich das steigert – die Polarisierung wurde immer stärker.

Wenn man die Online-Leserkommentare der «New York Times» las, konnte man sehen: Da wurden Schlachten geschlagen.
Das ist Hass. Aber nur ein Teil ist real, manches ist künstlich hergestellt in dieser anonymen Welt. Das betrifft mich selbst, seit es das Internet gibt. Wenn ich Kommentare über mich lese, dann ist das ganz schön deprimierend. Die Leute schreiben da Dinge über mich, die sie mir nie ins Gesicht sagen würden.

«Sehr vielen Leuten ist es peinlich, wer das Land führt.»

Haben sich die Menschen in diesen polarisierten Gesellschaften nicht auf Positionen zurückgezogen, die sie gar nicht mehr verteidigen, sondern auf denen sie einfach bestehen, ohne zu argumentieren? Manche Dinge sind ja einfach nachweislich falsch, und behauptet werden sie trotzdem immer wieder.
Da ist was dran: Fakten werden zu einer vertrackten Angelegenheit, wenn man anfängt, sie zur Debatte zu stellen.

Als wären sie Meinungen.
Das ist genau das, was passiert. Dann bringen die Russen bei uns Falschmeldungen in Umlauf, und die jetzige Regierung stellt sich hin und bezeichnet wahre Nachrichten als Fake-News. So vergiftet man den Brunnen, bringt die Darstellung der Situation durcheinander. Aber die Methode ist ja nicht neu. Es gibt eine grossartige Dokumentation namens «Nixon on Nixon» – darüber, wie damals die Regierung versuchte, das Land umzudrehen. Da gibt es Tonbandmitschnitte, wie Nixon selbst sagt, dass sie versuchen wollen, die Berichterstattung draussen unglaubwürdig zu machen. Genau das sehen wir jetzt auch wieder, und das ist beängstigend.

Sie sind Sohn eines Journalisten und haben einen Film über Journalismus gedreht. Wie stehen Sie zur amerikanischen Presse in diesem Kampf um die Deutungshoheit?
Im Moment bin ich ziemlich zufrieden. Ich finde, wir sehen zur Zeit, wie es aussieht, wenn die vierte Gewalt wirklich ihren Job macht. Schauen Sie sich die «New York Times» an, die «Washington Post», sogar das «Wall Street Journal». Ich weiss, ich rede jetzt nur von Zeitungen, aber die stehen derzeit ein für das, was sie berichten. Ich finde, die haben vor der Wahl nicht ihre Pflicht getan, nicht die richtigen Fragen gestellt. Weil keiner dachte, dass Trump gewinnen würde. Aber jetzt machen sie alle entscheidende Geschichten über die Kooperation mit Russland, aber vor allem über die eine Sache, die Präsidenten in die Schranken weist: Behinderung der Justiz. Darüber ist Nixon gestolpert – das war Clintons Problem.

Ist das ein Verdienst der US-Presse?
Vieles davon geht auf guten Journalismus zurück. Da bin ich sehr froh drüber, ich wünschte, wir hätten ihn gehabt, bevor der Irakkrieg losging. Vielleicht hat unser System den Schock gebraucht.

Aber auf den Nachrichtenkanälen gibt es noch viele Sendungen, in denen nur Meinungen rausgeblasen werden, möglichst polarisiert, um die Spannung zu halten.
Das stimmt. Aber ich bin mit Chris Wallace von Fox News befreundet, und wir brauchen Sendungen, die tatsächlich das Trump-Lager erreichen. Und Chris Wallace ist ein sehr guter Journalist, der sehr hart nachfragt. Solche Stimmen sind wichtig. Schwierig sind diese Meinungssendungen, die den Leuten einzureden versuchen, dass das, was sie machen, Nachrichten seien. Das sind aber nur billige Meinungen, die auf nichts basieren.

Ein Mittel gegen zu viele Sendungen, die nur aus mehr oder weniger qualifizierten Kommentaren bestehen, ist öffentlicher Rundfunk. Der muss nicht dauernd alles skandalisieren, um zu überleben.
Ja, davon bin ich ein grosser Anhänger! Das hat damals schon Edward Murrow gesagt: In dem Augenblick, als mit Nachrichten plötzlich Geld verdient werden musste, bekamen wir ein Problem. Es gab Zeiten, da hat das Fernsehen Geld mit den anderen Sendungen verdient, und in die Nachrichten wurde investiert, aber das ist vorbei.

Das sind Dinge, mit denen Sie sich schon seit vielen Jahren befassen. Gab es an Donald Trump eigentlich etwas, das Sie wirklich überrascht hat?
Na ja, schockiert werden kann man immer. Jeder erwartet doch, dass so jemand in seinen Job hineinwächst und nicht noch darin schrumpft. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand sich zurückentwickelt hat. Ich finde, über dem Land hängt eine schwarze Wolke, und sehr vielen Leuten ist es peinlich, wer das Land führt. Ich habe das auch in Italien so erlebt, als Berlusconi an der Macht war.

Da haben Sie schon zeitweise dort gewohnt.
Ja, und da waren auch viele Leute peinlich berührt, als Geschichten wie jene über Ruby herauskamen.

Das war die minderjährige Prostituierte, da waren Sie zum Prozess vorgeladen.
Ich habe damals Witze über Italien gemacht. Ich habe gesagt, Italien hat die bessere Küche, den besseren Wein, die bessere Architektur. Die können alles besser als wir, ausser regieren. Jetzt muss ich einräumen: Sie können auch das besser. Zumindest im Moment. Okay, ich bin enttäuscht, ich finde es peinlich, aber eigentlich bin ich Optimist. Ich denke, Amerika verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte. Wir sind sehr gut darin, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Wir finden für jeden Schritt zurück auch wieder Schritte vorwärts. Ich denke, dass sich der Senat, der Kongress, die Justiz und die vierte Gewalt gegen den Faschismus stellen werden, den ich gerade sehe.

Ein bisschen von diesem Optimismus findet sich auch in Ihrem Film: Er handelt von Erwachsenen, die sich gegenseitig meucheln, aber das Kind im Zentrum bleibt davon charakterlich unversehrt. Glauben Sie, dass Kinder Gut und Böse unterscheiden können, selbst wenn sie Eltern haben, die ihnen das unmöglich beigebracht haben können?
Ja, das glaube ich. Kinder sind widerstandsfähig. Ich wollte eine wütende Geschichte erzählen, aber ich glaube fest ans Licht am Ende des Tunnels.

Sie glauben, dass wir dem, was Sie Faschismus nennen – wachsende Fremdenfeindlichkeit, Aggression – entwachsen?
Ich glaube, dass wir unsere Geschichte nicht abschütteln können, aber irgendwann doch besser werden. Ich wuchs während der Bürgerrechtsbewegung im Süden auf, in Kentucky. Ich habe erlebt, wie sich eine Gesellschaft verändern kann. Ich wurde 1961 geboren, und gerade was den Rassismus betrifft, ist relativ schnell sehr viel passiert. In meiner Wahrnehmung ist mein Land zu grossen Sprüngen nach vorn in der Lage, und ich warte darauf, dass wir uns auf diese Version von Amerika besinnen. Man vergisst das, aber eigentlich hat die Mehrheit für diese Version von Amerika gestimmt. Ich bleibe also hoffnungsvoll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2017, 19:15 Uhr

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