Ein grosses Panorama des Fin de Siècle

Der erste Basler Film, der 1896 auf der alten Rheinbrücke gedreht wurde, ist ein Stück Lokalgeschichte, in dem sich die ganze Welt spiegelt.

Gruppenbild mit Damen auf der alten Rheinbrücke in Basel: Geschichtsprofessor Albert Burckhardt-Finsler (vierter von links) und neben dem Handkarren Sarah Luisa Peyer-Lotz, die Schwester von Achilles Lotz-Trueb. Rechts im Vordergrund ist der Komponist Hans Huber zu erkennen. Im Hintergrund das Café Spitz in Kleinbasel. Frame aus dem Anfang des Films

Gruppenbild mit Damen auf der alten Rheinbrücke in Basel: Geschichtsprofessor Albert Burckhardt-Finsler (vierter von links) und neben dem Handkarren Sarah Luisa Peyer-Lotz, die Schwester von Achilles Lotz-Trueb. Rechts im Vordergrund ist der Komponist Hans Huber zu erkennen. Im Hintergrund das Café Spitz in Kleinbasel. Frame aus dem Anfang des Films

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Wir schreiben das Jahr 1896, es ist Montag der 28. September, vormittags um zehn Uhr. Es regnet seit Tagen, was man daran erkennt, dass einige der Passanten im ersten Film, der je in Basel gedreht wurde, Regenschirme tragen. Man weiss es auch dank eines Briefes, den ein gewisser Constant Girel an seine Mutter geschrieben hat. Girel ist der Mann, der hinter der Kamera stand und den 48 Sekunden dauernden «Lumière 308 Bâle: Pont sur le Rhin» drehte. Er beklagte in dem Brief, der auf den 28. September datiert ist, den Dauerregen der letzten Tage.

Girels Brief ist eine der unzähligen Quellen, auf die sich die exemplarische Analyse des Basler Medienwissenschaftlers Hansmartin Siegrist bezieht, der in seinem Buch mit dem Titel «Auf der Brücke zur Moderne» das scheinbar so zufällig entstandene Filmereignis fest in der Lokal- und Weltgeschichte verankert. Nach jahrelangen Forschungen ist es Siegrist gelungen, unterstützt von einem Team von Historikern und Medienwissenschaftern, diesem Artefakt aus den Urzeiten des Films so ziemlich alle Geheimnisse zu entlocken.

Fast jeder der 80 Passanten, die in dem Film auftreten, konnte identifiziert werden – was mangels einer Besetzungsliste an ein Wunder grenzt. Die Identifikationen erfolgten übrigens ausschliesslich mithilfe von vergleichender Archivarbeit, wie Siegrist in dem Buch betont. Biometrische Analysen der Gesichter auf dem Film, wie sie heute etwa bei der Passkontrolle verwendet werden, führten nicht zum Ziel. Das Film- und Fotomaterial war schlicht und einfach zu schlecht.

Aus der Urzeit des Films: «Lumière 308 Bâle: Pont sur le Rhin» in voller Länge. Video: 50sekundenbasel1896.ch/Vimeo

Vergleichende Studien, für die massenhaft Fotos aus jener Zeit untersucht wurden, und ein immer wieder erstaunlicher detektivischer Spürsinn halfen bei der Identifikation. Danach oder auch parallel dazu wurden die Biografien der wichtigsten Personen ausführlich recherchiert und zwar so, dass sie nicht nur als Individuen verstehbar werden, sondern als Typen, die, wie sich im Laufe des vor historischem Kontextwissen überquellenden Buches herausstellt, zu den Trägern des Modernisierungsprozesses am Ende der Belle Epoque gehörten. Die wichtigsten Personen:

Constant Girel
Er ist der grosse Anwesend-Abwesende, weil er bei diesem zehnten Film, der mit dem Kinematografen der Gebrüder Lumière in der Schweiz gedreht wurde, der Kameramann ist und nicht im Film erscheint. Die ersten acht Schweizer Filme, die mit der bahnbrechenden Apparatur der Gebrüder Lumière gedreht worden sind, entstanden übrigens im Mai 1896 an der Expo in Genf, darauf folgte am 6. Juli einer in Interlaken und schliesslich am 28. September der hier diskutierte Basler Film. Der erste Film, der in Zürich gedreht wurde, datiert erst auf den 25. Juli 1898, als dort die Landesausstellung eröffnet wurde. Der 1896 nur 22-jährige Constant Girel (1873–1952), bei dem es sich um einen Pharmaziestudenten aus Savoyen handelte, war für die Gebrüder Lumière in Lyon ein hervorragender Markenbotschafter: Er reiste mit dem Kinematografen durch halb Europa und später auch durch Japan und nahm dabei unzählige Filme auf.

François-Henri Lavanchy-Clarke. Filmbild Hansmartin Siegrist

François-Henri Lavanchy-Clarke
Während Girel der Kameramann war, darf man François-Henri Lavanchy-Clarke (1848–1922) als den Regisseur dieser aus 757 Einzelbildern bestehenden Kurzfilms bezeichnen. Lavanchy-Clarke hat seinen Auftritt im Film als heftig gestikulierender «Antreiber» in der Kutsche, die kurz vor Schluss des Streifens über die Brücke rollt. Laut Siegrist handelt es sich bei ihm wahrscheinlich um die interessanteste Gestalt der Schweizer Mediengeschichte. Der Sohn eines polizeilichen Arbeitsinspektors und Weinbauern aus dem Lavaux hatte schon vor seinem Filmdebüt eine besondere Beziehung zu Basel: Er besuchte 1871 die Missionsschule in Bettingen bei Basel und wurde danach zu einem der ersten Delegierten des Roten Kreuzes.

Später stieg er zum internationalen, industriellen Bankier auf. Dennoch fand dieser gründerzeitliche Unternehmer Musse für Hobbys wie Fotografie, Archäologie und Numismatik. Lavanchy-Clarke war mit der reichen englischen Industriellentochter Jenny Gibbs-Clarke verheiratet. Er knüpfte ein eng verwobenes Produktions- und Verteilnetzwerk für das damals moderne Produkt «Sunlight»-Seife und erwies sich damit, wir zitieren aus dem Buch, als «polyglottes PR- und Multi-Marketing-Genie. Zur Verankerung der Marke ‹Sunlight› – und auch jener des ‹Cinématographe› – bringt er alle zur Verfügung stehenden Medien und Arenen ins Spiel.»

Joseph Alexis Joye. Filmbild Hansmartin Siegrist

Joseph Alexis Joye
In seiner Person treffen sich die katholische Kirche, die im protestantischen Basel infolge des Zuzugs ländlicher Arbeitskräfte, die meist katholischen Glaubens waren, an Bedeutung gewann, und die Begeisterung für die pädagogischen Möglichkeiten des Mediums Film auf höchst originelle Weise. Der Jesuit Abbé Joye (1852–1919) war damals in Basel schon überaus populär für seine Diaabende und zeigte später regelmässig Filme, über die er dann mit dem Publikum diskutierte. Siegrist nennt ihn etwas salopp «einen stimmgewaltigen ‹Undercover›-Apostel der schnell wachsenden katholischen Diaspora in der protestantischen Hochburg Basel». Mit seinem Auftritt in der Mitte des Films bekommt das neue Medium gewissermassen den kirchlichen Segen, während die drei Polizeioffiziere, die sich am Schluss des Films im Hintergrund rechts bemerkbar machen, zeigen, dass auch die staatliche Autorität dem Film wohlwollend gegenübersteht.

Achilles Lotz-Trueb und Sohn Rudolf. Filmbild Hansmartin Siegrist

Achilles Lotz-Trueb
Er ist der eigentliche Star dieses Films und hat mit insgesamt 44 Sekunden den längsten Auftritt. Achilles Lotz-Trueb (1845–1921) war ein in Lyon und England ausgebildeter Seidenfärber, dessen Familie in Basel schon während mindestens sieben Generationen dem lukrativen Gewerbe nachgegangen war, aus dem später die chemische und pharmazeutische Industrie in Basel entstehen sollte. Der Patron eines Gewerbebetriebs galt als Querulant und spielte im damaligen Kleinbasel eine zentrale Rolle. Just im Jahre 1896 stieg er zum Chef der «Drei Kleinbasler Ehrengesellschaften» auf. Siegrist formuliert: «Der kultivierte Grobian, Dynast und streitbare Zunftherr inszenierte sich in diesem Film in der Tradition von historischen Festspielen und Korporationsumzügen.»

1896 ist Lotz auf dem Höhepunkt seines Ruhms und seiner Macht. Man kann sich gut vorstellen, dass er dank seiner exzellenten Beziehungen zu Unternehmern in Lyon von Lumières Gesandten zum Ad-hoc-Regisseur vor Ort ernannt wurde, denn nach eingehender Analyse, unterstützt von genealogischen Forschungen, kommen die Forscher zum frappierenden Schluss, dass es sich beim ersten Basler Film zu grossen Teilen um ein bewegtes Familienbild handelte. Lotz mobilisierte seine halbe Verwandtschaft für diesen Streifen.

Nicht genug, der Film und seine Figuren lassen sich gar in mehrfacher Hinsicht als Inszenierungen dieses einen Mannes begreifen. Er lässt nicht nur seine Dynastie aufmarschieren, wie sich Siegrist ausdrückt, sondern auch seine Kollegen aus den «Drei Ehrengesellschaften». Des weiteren sind, sozusagen auf einer zweiten Inszernierungsebene, die wichtigsten Historiker im damaligen Basel mit von der Partie, namentlich Rudolf Hotz, Albert Burckhardt-Finsler und Paul Barth-Schaefer. Als Historiker sah sich der traditionsbewusste Seidenfärber gerne selbst, hat er doch zahlreiche Aufsätze und Vorträge zur Basler Geschichte gehalten. Schliesslich versammelt der Film auch wichtige Personen, darunter den Komponisten Hans Huber, die wie Lotz am Basler Festspiel von 1892 beteiligt waren, das vier Jahre danach noch in bester Erinnerung ist. Insgesamt gibt es nicht weniger als 80 Personen, deren Auftritt in diesem Film plötzlich sinnvoll erscheint, wenn man sie in Beziehung zu Achilles Lotz-Trueb setzt.

Eduard Hagenbach jr. Filmbild Hansmartin Siegrist

Eduard Hagenbach jr. und Emil Beurmann
Der Sohn des damals bekanntesten Schweizer Naturwissenschaftlers Eduard Hagenbach-Bischoff vertritt in unserem Film seinen Freund Emil Beurmann, der am 28. September in Genf weilt: Beurmann ist ein malerisch, schriftstellerisch und schauspielerisch hochbegabter Bohémien, glühender Böcklin-Verehrer und Künstler-Standespolitiker, der 1892 zu einer «Art Director»-ähnlichen Autoreninstanz des Basler Festspielspektakels von 1892 wurde. Für ein Ereignis, wie es der erste Basler Film war, wäre er der ideale Regisseur gewesen. Am 28. September befand er sich aber in Genf und war mit den Vorbereitungen des Basler-Tages an der dortigen Landesausstellung beschäftigt, der kurzfristig anberaumt und am 8. Oktober durchgeführt wurde.

Mit ausführlichen Exkursen zu Medien- und Stadtgeschichte, zur Geschichte der Familie Lotz-Trueb und zu den anderen Protagonisten des Filmes, zur Geschichte der Festspiele und Landesausstellungen der Schweiz, zur Sozial- und Industriegeschichte Basels und ihren vielfältigen Beziehungen zu Lyon, aber auch zur Unternehmensgeschichte des Unilever-Konzerns, der in Lavanchy-Clarke einen so überaus rührigen und erfolgreichen Vertreter hatte, wird dieses Buch zu einem grossartigen Panorama des Fin de Siècle mit Basel im Mittelpunkt: Ein Buch, wie man es sich reichhaltiger, tiefgründiger und ausgreifender nicht wünschen kann.

Hansmartin Siegrist: Auf der Brücke zur Moderne. Basels erster Film als Panorama der Belle Epoque. Christoph-Merian-Verlag, Basel 2019. 440 S., ca. 50 Fr.

Erstellt: 05.01.2020, 17:56 Uhr

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