Ein Held für eine komplett verrückte Zeit

«Joker» über den Comic-Bösewicht löst eine heftige Debatte aus. Stiftet der Film zu Gewalt an?

Vom Grosskotz zum Terroristen: Die Entwicklung der Joker-Figur. (Video: Tamedia Webvideo)

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Was ist denn das für ein gefährlicher Film? Als «Joker» am Wochenende in New York Premiere hatte, wurden Polizisten in den Kinolobbys postiert, obwohl nie irgendeine Drohung eingegangen war. Die US-Kette Landmark Theatres untersagte es ihren Besuchern, im Kostüm zu einer Vorstellung zu erscheinen. Das Studio Warner Brothers verzichtet darauf, Produkte zum Film anzubieten, es gibt keine Joker-Hoodies, keine Joker-Tassen, gar nichts.

Im Vorfeld des Filmstarts erhielt Warner Brothers zudem einen offenen Brief von Angehörigen der Opfer eines Amoklaufs 2012. Damals erschoss ein Mann während einer Premierenvorführung des Batman-Films «The Dark Knight Rises» in einem Einkaufszentrum in der Stadt Aurora zwölf Menschen.

Die Angehörigen sorgten sich, dass die anarchische Brutalität des Joker, ein Batman-Widersacher und wie dieser ein Charakter aus dem DC-Comicverlag, zu realen Verbrechen inspirieren könnte. Der «Joker» als Rezept für ein Attentat? Das Studio antwortete: «Es ist weder die Absicht des Films, der Macher oder des Studios, die Figur des Joker als einen Helden hinzustellen.»

Der Trailer von «Joker». Video: Warner Brothers

Dumm ist nur: Der Joker ist exakt das, ein Held für eine komplett wahnsinnige Zeit. Genau jetzt ist sein Moment gekommen – endlich, denn wie lange müssen wir nun schon den reichen Oberlangweiler Batman in seinem Penthouse ertragen? Alles, was wir in Christopher Nolans Superhelden-Edelspektakel «The Dark Knight» sehen wollten, war Heath Ledgers maximal wahnsinniger Joker, wie er seine Pläne mit der Nonchalance eines kriminellen Rockstars ausführt und die grünen Haare im Wind flattern lässt.

«Joker» von Todd Phillips nun verhilft dem Comicschurken, den auch schon Jack Nicholson oder Jared Leto verkörpert haben, zu seiner längst verdienten Hauptrolle. Bei Heath Ledger hatten die Bewegungen etwas Tänzerisches, beim wie immer krass intensiven Joaquin Phoenix ist es mehr das selbstvergessene Zucken eines Mannes, der schwer am Leben zu tragen hat. Leicht geht hier nichts, dieser «Joker» ist grimmig und schmerzvoll – es ist die Schöpfungsgeschichte von einem, den die Menschen zum Freak gemacht haben.

Arthur Fleck, so heisst dieser Joker zunächst, lebt bei seiner kranken Mutter in Gotham City im Jahr 1981, wo die Müllabfuhr schon lange nicht mehr kommt. Fleck träumt davon, ein grosser Bühnenkomiker zu werden, obschon er ganz eindeutig nicht lustig ist.

Mit seinen unmotivierten Lachkrämpfen löst er vielmehr ringsum Irritation aus. Phoenix spielt das so: Das Gelächter kommt wie ein schlimmer Anfall, irgendwann geht es über in ein Würgen, wird zum leeren Schlucken, als wolle sich Fleck aus sich selber herauskotzen. Schwer zu beschreiben, man muss es mit eigenen Augen gesehen haben.

Ein entrücktes Tänzchen zwischendurch. Foto: Warner Brothers

Fleck ist ein gebeutelter dürrer Hund, er nimmt Medikamente gegen seine krankhaften Störungen, schaut mit verzweifeltem Blick auf die Welt und leidet an Wunschvorstellungen. Im Wohnzimmer verschiebt er die Möbel, sodass der Raum dem Studio seines geliebten Late-Night-Talkers Murray Franklin (Robert De Niro) gleicht.

Dann betritt Fleck seine eigene Stube, als sei er ein berühmter Gast in der Talkshow; Joaquin Phoenix ahmt Begrüssungsgesten nach und spielt falsche Freundlichkeit für eine unsichtbare Kamera. Wer findet ein deprimierenderes Sehnsuchtsbild als das?

Wer ist schuld an der Geburt des Joker?

Während Arthur Fleck von Fernsehauftritten träumt, wird er im echten Leben niedergetrampelt und bei jeder Gelegenheit zusammengeschlagen. Er verrichtet miese Jobs als Auftrags-Clown, die Erniedrigungen hören erst auf, als ihm ein Kollege einen Revolver zusteckt. Dann erleben die paar Wallstreet-Typen, die ihn in der U-Bahn hänseln, einen ganz schlechten Abend.

Als jemand Flecks Bühnenkomikerauftritt mitfilmt, kriegt er tatsächlich eine Einladung in die populäre Talkshow – aber nur, weil man sich dort über ihn lustig machen will. Es geschieht dann etwas, das in den Strassen von Gotham einen revolutionären Aufstand auslöst.

Ja, dieser Joker ist der Rächer aller Geprügelten, ein Terrorist gegen die Bosse, die an den Hebeln der Gesellschaft seit eh und je über die Schicksale der Menschen entscheiden, weil sie in ihnen sowieso nur eine Masse von Clowns erkennen. An der Geburt des Joker tragen die indifferente Gesellschaft und ihre kaputtgesparte Infrastruktur eine Schuld; der Agent des Chaos entpuppt sich als ein von Entfremdung, Schmerz, Wut und Demütigung gezeichneter Verlierer. Niemand lacht über die Scherze des Joker, weil sich keiner in diesem armseligen Leben wiedererkennen will. Deshalb müssen sie alle sterben, und wer lacht da zuletzt?

Was für ein Freak: Arthur Fleck leidet an unkontrollierbaren Lachanfällen. Foto: Warner Brothers

Gerade weil der Joker aus der dreckigen Wirklichkeit kommt, ist er die perfekte Figur für die Realgroteske der aktuellen US-Politik. Wahrscheinlich würden sowohl Bernie Sanders als auch Donald Trump finden, dieser vernachlässigte Kerl sei doch einer von ihnen. In Verbindung gebracht wurde «Joker» bereits mit der Incel-Internetkultur, also mit Männern, die Sex haben möchten, aber keinen kriegen, wobei sie zur Erklärung allerlei kranke Theorien über die Macht der Feministinnen heranziehen.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Aussage von Regisseur Todd Phillips bezüglich seiner erfolgreichen Männerkumpanei-Komödie «The Hangover». So etwas Derbes könne er heute wegen der politischen Korrektheit ja nicht mehr drehen, sagte er sinngemäss.

Was Blödsinn ist, denn «Joker» erweist sich ja nicht nur als extrem böser Gesellschaftskommentar, sondern gibt auch der Ästhetik des Comickinos einen heftigen Schub. Die Überlegung von Todd Phillips war in jeder Hinsicht smart: Wenn in Hollywood vor lauter Computerhokuspokus kein harter Realitätssinn à la Martin Scorsese mehr möglich ist, muss man eben die Comicfiguren selber in die Gosse runterholen und ihnen in die Fresse geben. Die Gewaltdarstellung wirkt deshalb verstörender, als man sich das von «Avengers» und Co. gewohnt sein mag.

Dass Robert De Niro in «Joker» den Talkshow-Gastgeber spielt, ist auch ein Verweis auf ein filmisches Vorbild: Martin Scorseses «The King of Comedy». Foto: Warner Brothers

Gefährlich ist «Joker» aber höchstens in dem Sinn, dass sich Hollywood jetzt vielleicht doch mal überlegen muss, wie ambitionierte Erwachsenenunterhaltung künftig aussehen könnte. «Joker» gewann den Goldenen Löwen in Venedig und hat insgesamt bereits rund 240 Millionen Dollar eingenommen. Nicht schlecht für einen Film über einen Irren, der einmal zwecks Recherche einen Comedy-Abend besucht und konsequent an den falschen Stellen lacht. Der Joker ist ein Mann neben der Lachspur, und er begeistert gerade die halbe Welt. Sind wir denn alle Psychos?

Ab 10.10. im Kino.

Erstellt: 08.10.2019, 15:06 Uhr

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