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Ein Laie geht in die Oper

Nach Blocher die Oper: Der Westschweizer Regisseur Jean-Stéphane Bron porträtiert «L’Opéra de Paris».

Philippe Reichen Lausanne
Vordergründig filigran, im Hintergrund steinhart: Bron schaut hinter die Kulissen des Pariser Opernbetriebs. Foto: Frenetic
Vordergründig filigran, im Hintergrund steinhart: Bron schaut hinter die Kulissen des Pariser Opernbetriebs. Foto: Frenetic

Die Eingangsszene mag irreführend sein, aber sie ist von grossartiger Ironie. Arbeiter ziehen auf dem Dach der Pariser Oper die Trikolore auf. Diesen Staatsakt begleitet Regisseur Jean-Stéphane Bron nicht etwa mit dramatischen Klängen eines Franzosen, sondern lässt aus Richard Wagners «Die Meistersinger von Nürnberg» spielen. Ein herrlicher Bruch mit der Etikette, aber auch ein pragmatischer Entscheid. Denn Wagners Satyrspiel steht auf dem Spielplan der Opéra de Paris, in der Bron ab Januar 2015 eineinhalb Jahre verbracht hat.

«Stellt sich jemand freiwillig vor die Kamera, ist das problematisch.»

Jean-Stéphane Bron

Wie ein Romancier führt der Lausanner anhand einiger zentraler Figuren durch den Film. Natürlich gehört Operndirektor Stéphane Lissner ebenso zu den Protagonisten wie der in Zürich aufgewachsene Chefdirigent Philippe Jordan. Doch wirklich herausragend sind jene, die im hierarchisch geprägten Opernalltag Nebenrollen spielen. Allen voran der blutjunge Bassbariton Mischa Timoschenko, der aus einem kleinen russischen Dorf stammt und den der Operndirektor persönlich in einem Telefonat informiert, man habe ihn in die Nachwuchsakademie aufgenommen. Timoschenkos Stimme flattert vor Freude. Als er schliesslich an der Oper auftaucht, am Ort seiner Träume, ringt er mit sich und seiner Stimme, aber dann fängt er sich. «Nach der ersten Aufführung hat Mischa Timoschenko geweint und wäre fast kollabiert, so berührt war er», erinnert sich Jean-Stéphane Bron.

Mechanismen der Macht

Da ist aber auch Ursula Naccache, eine schwerreiche, ältere Opernliebhaberin aus der Schweiz. An der Pariser Oper finanziert sie das Nachwuchsorchester Petits Violons. Zwei Orchestermusiker haben die Aufgabe, benachteiligten Kindern das Geigen- und Cellospielen beizubringen. Naccache zahlt nicht nur, sie besucht Proben und hilft den Kindern über schwierige Momente hinweg. Sie ist am Ende selbst von ihren Gefühlen überwältigt, als die Kinder nach dem Schlusskonzert weinend vor Stolz in ihren Armen liegen. Weil die Mäzenin nach Drehschluss krank wurde, liess Bron eine Spezialkopie für sie herstellen, damit sie sich den Film vor der Premiere anschauen konnte. Ursula Naccache hat sie nicht mehr erlebt.

Bron ist kein Opernexperte. Das gibt er auch freimütig zu – es gehört gewissermassen zu Brons Seinsweise als Cineast. «Das Entdecken ist immer ein guter Ansatz für einen Film.» Bron beobachtet Umgebungen, durchschaut und vermittelt sie. Das war schon in «Mais im Bundehuus» (2003) so, als er als Novize das Bundeshaus betrat und die Mechanismen des Politlobbyings dekonstruierte. Und es war so in «Cleveland versus Wall Street» (2010), seiner Anklage gegen die Perversität der mit riskanten Hypotheken spekulierenden Banken.

Dazu kommt sein Interesse an der Machtausübung. Sie trieb Bron zu Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Das Porträt «L’expérience Blocher» (2013) war erhellend, aber keine Offenbarung. Das lag auch daran, dass Blocher nichts lieber war, als sich von Bron filmen zu lassen und ihm selbst die Tür zum Schlafzimmer zu öffnen. Für Bron war diese Erfahrung ein grosser innerer Kampf, aber letztlich ein lehrreiches Kapitel, auch für seinen neusten Film. Als er an die Tür der Oper klopfte, wollte der neu gewählte Direktor Stéphane Lissner zunächst nichts von ihm wissen. Bron war darüber nicht etwa enttäuscht, sondern zufrieden: «Stellt sich jemand freiwillig vor die Kamera, ist das problematisch.»

Wenn er dagegen Widerstand leistet, wirkt das authentischer. So erlebte es Bron, als er Lissner begleitete. Als der Direktor einen Arbeitskonflikt mit dem Opernpersonal ausfocht, demonstrierte er Härte. Weder die Situation noch die Kamera waren Lissner in diesem Moment geheuer. Aber Bron blieb dran, wie auch beim Zerwürfnis zwischen Ballettdirektor Benjamin Millepied und dessen Tänzerinnen. Der fordernde Millepied wirkt dabei wie ein Sturkopf. Die Situation eskaliert. Millepied flieht, der Eklat ist perfekt. Bron ahnte das, er dokumentierte den ganzen Streit. Doch gegenüber Millepied markierte er mit der Kamera ungewöhnlich viel Distanz. Warum? Jean-Stéphane Bron sagt: «Er ist ein Star, und ich wollte keine Hierarchie zwischen den Figuren einführen.»

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Arthouse Alba und Houdini.

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