Ein Land streamt

An den Solothurner Filmtagen wird die erste Online-Edition für Schweizer Filmklassiker präsentiert. Auch der Bund geht in die Offensive und plant eine nationale Streaming-Plattform. 

Set des 1981 erschienenen Films «Das Boot ist voll»; er ist ab Juni über Filmo abrufbar.  Foto: PD

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Auf dem Laptop-Bildschirm steht: «Aline, 23, Kunststudentin», daneben das Foto einer coolen Städterin. Florian Leupin hat eine Powerpoint-Präsentation mitgebracht, da sind die Zielgruppen aufgeführt, die sich für Schweizer Filme auf Streaming-Plattformen interessieren könnten. Leupin klickt weiter, jetzt erscheint das Paar um die 50, das gern Kunstausstellungen und Festivals besucht; dann die Familie mit Kleinkindern, die am Abend den Flachbildfernseher einstellt, weil es zu mühsam geworden ist, ins Kino zu fahren.

Florian Leupin arbeitet für die Solothurner Filmtage und hat die letzten Monate damit verbracht, mit Regisseuren und Produktionsfirmen zusammenzusitzen, um eine Online-Edition für Schweizer Filmklassiker auf die Beine zu stellen. Filmo, wie die Edition heisst, ist als Verein eingetragen und wird nächste Woche in Solothurn der Branche vorgestellt.

Zugang für Millenials

Ab Juni werden die ersten zehn Titel über die Plattformen iTunes, Teleclub on Demand, UPC, Sky, Lekino oder Cinefile erhältlich sein, in einheitlichem Filmo-Design und für je 4.50 Franken. Mit dabei sind Klassiker wie «Das Boot ist voll», aber auch «Das Fräulein» oder «War Photographer». Von Christian Freis Dokumentarfilm wurde vor Weihnachten eine neue HD-Kopie erstellt, vorher gabs so eine gar nicht.

«Viele Millennials haben heute kaum Zugang zur Schweizer Filmgeschichte. Dort, wo sie sich tummeln, finden diese Filme gar nicht statt», so Leupin. Potenzial sei also vorhanden, die Schweizer gaben im letzten Jahr erstmals mehr Geld für den digitalen Filmkonsum als für DVDs aus. Die Zukunft heisst jetzt VOD, Video on Demand: Man kauft oder mietet Filme online.

Wichtige Werke wie «Das Boot ist voll» von Markus Imhoof findet man auf iTunes & Co. überhaupt nicht. «Das Fräulein» von Andrea Staka ist über Swisscom TV erhältlich, aber nur in Standardauflösung. Staka ist froh, dass ein neuer Scan, den ihre Produktionsfirma Okofilm erstellt hat, dank Filmo nun auf verschiedenen Plattformen angeboten wird. «Der Film wird sichtbar, was wichtig ist.» Die zehn Filme machen den Anfang; noch dieses Jahr will Filmo gut 30 Klassiker online stellen, weitere werden folgen. Der Verein stützt sich auf eine Liste mit 100 Titeln, die die Schweizer Filmgeschichte von den Anfängen bis ins Jahr 2000 geprägt haben. Daneben setzt er vor allem auf Experten, die für die Edition ihre Lieblingsfilme auswählen.

Szene aus Christian Freis Dokumentarfilm «War Photographer» von 2001. Foto: PD

Was die Technologie angeht, sei bei den Regisseuren viel Unsicherheit spürbar, sagt Leupin. Es brauche halt ein bisschen «Nudging». Dabei bieten Schweizer Produktionsfirmen wie Dschoint-Ventschr auch die älteren ihrer Filme seit einiger Zeit auf einem eigenen Vimeo-Kanal an. Praesens-Film stellt ihre Archiv-Titel den Streaming-Plattformen zur Verfügung. Diese wählen meist das aus, was sie interessiert. Klickt man im iTunes-Store auf das Menü «Schweizer Filme», erscheint lediglich eine kuratierte Auswahl. Apple sagt nicht, wie viele Schweizer Filme es insgesamt im Store gibt.

Da die Streaming-Anbieter am liebsten auf knallige Neuerscheinungen setzen, haben sie es lange vernachlässigt, eine solide Library aufzubauen. Sky etwa bietet derzeit zehn Schweizer Filme an, die älter sind als zehn Jahre. Das möchte man ändern, so ein Sky-Sprecher. Künftig sollen so viele Klassiker wie möglich hochgeladen werden, auch dank dem Filmo-Angebot.

Auch der Bund hat Pläne

Im Grunde ist Filmo die erste konzentrierte Offensive aus der Schweizer Filmbranche, um eine Auswahl von Klassikern ins Digitalzeitalter zu retten. Noch grössere Pläne hat der Bund, der ab 2024 eine eigene Streaming-Plattform für Schweizer Filme lancieren will. Frühestens, denn dieser Plan sei noch in der «Vor-Vorphase», sagt Daniel Menna, stellvertretender Leiter Kommunikation beim Bundesamt für Kultur. Ob die Plattform tatsächlich zustande kommt, sei unsicher. Allerdings ist Ivo Kummer, Chef Sektion Film, seit längerem der Meinung, vom Bund subventionierte Filme sollten nach einer gewissen Zeit gratis angeboten werden, schliesslich hätten die Leute über die Steuern bereits dafür bezahlt.

Ob und wie es möglich ist, eine solche Plattform zu schaffen, werde im Rahmen der nächsten Kulturbotschaft 2021–2024 evaluiert, sagt Menna. Die Urheberrechte sind ein Thema – die Finanzierung ist ein anderes. Im Rahmen der Förderperiode 2021–2024 sei der «Zugang zu den Filmen» eine Priorität beim Bund. Auch analoge Filme sollen digitalisiert und einem «breiten Publikum zugänglich gemacht werden».

Angesprochen ist da die Cinémathèque suisse, das Schweizer Filmarchiv in Lausanne. Laut einem «Tagesschau»-Bericht soll sie für die geplante Streaming-Plattform des Bundes verantwortlich sein, denn in der Cinémathèque lagern die vom Bund geförderten Filme.

Verzögerte Digitalisierung

Wenn es aber um Filmklassiker im analogen Format geht, die man fürs Streaming erst mal digital aufbereiten muss, dann ist die Cinémathèque gar nicht bereit dafür. Nach zehnjähriger Bauzeit wird dort diesen Sommer endlich das Archivierungszentrum Penthaz eröffnet, nachdem es zu erheblichen Verzögerungen gekommen war, weil man bei der Planung nicht an die Digitalisierung gedacht hatte.

In den neuen Räumen werden die Archivare in angemessener Umgebung Filmkopien konservieren und restaurieren können, aber sie werden dort nicht damit beginnen, systematisch das Schweizer Filmerbe zu digitalisieren. «Wir wünschen es uns natürlich sehnlichst, dass wir Filme digitalisieren können, um sie so zugänglich zu machen», sagt Archivleiter Frédéric Maire. Dazu müsse der Bund aber Mittel sprechen. Auch das soll im Rahmen der Förderperiode 2021–2024 geklärt werden.

Länder wie Frankreich haben seit längerem eine Digitalisierungsstrategie rund ums Filmerbe. Frédéric Maire träumt davon, einmal so viele Schweizer Filme wie möglich aufschalten zu können, auch via Video-on-Demand. Sein Vorbild ist das British Film Institute und dessen iPlayer, über den man gewisse Titel umsonst abspielen kann.

Vorerst arbeitet die Cinéma­thèque mit Filmo zusammen und stellt für die Online-Edition vereinzelt Werke bereit, die sie restauriert hat. Einer dieser Klassiker trägt den passenden Titel «Die letzte Chance».

filmo.ch. Die Solothurner Filmtage zeigen in der Reihe «Histoires du cinéma suisse» fünf Klassiker aus der Filmo-Edition.

Erstellt: 18.01.2019, 19:14 Uhr

54. Solothurner Filmtage

Selbst die Werkschau des Schweizer Films eröffnet mit einem Sequel: «Tscharniblues II» macht am 24. Januar den Auftakt, Regisseur Aaron Nick erinnert an die wilde Zeit Anfang der 80er-Jahre, als Vater und Freunde im Berner Tscharnerguet in Super-8 träumten. Ein Vorher-nachher-Bild einer Generation, wenn man so will.

Im Wettbewerb «Prix de Soleure» passt der Spielfilm «Sohn meines Vaters» mit Dani Levy zumindest vom Titel her gut dazu; zudem macht im Dokumentarfilm «Immer und ewig» Regisseurin Fanny Bräuning mit ihrer an MS erkrankten Mutter eine Reise. Das junge Duo Mark Olexa und Francesca Scalisi zeigt mit «Digitalkarma» einen Dok aus Bangladesch; das welsche Drama «Pearl» über eine Bodybuilderin wartet gar mit der Starpower des Schotten Peter Mullan auf. Auch Bettina Oberli und Christoph Schaub zeigen neue Filme. Ausserdem ehren die Filmtage die verstorbenen Grössen Yves Yersin, Alexander
J. Seiler und Pio Corradi. (blu)

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