Ein Trip in den psychedelischen Dschungel

Der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra führt das Publikum in «El abrazo de la serpiente» ins kranke Herz des Amazonas.

Schwarzweisses Waldmärchen: Die Ureinwohner werden von Laien gespielt.<br />Foto: PD

Schwarzweisses Waldmärchen: Die Ureinwohner werden von Laien gespielt.
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Es ist nicht die wichtigste Kategorie, ­jedenfalls bestimmt nicht aus Sicht der Oscar-Academy: Unter der Rubrik des besten fremdsprachigen Films werden alljährlich die Kostbarkeiten der internationalen Festivalernte herausgepickt. Wer da letztes Jahr gewonnen hat, weiss kaum mehr einer (es war «Ida» aus Polen). Heuer sind die Türkei, Frankreich und Ungarn nominiert, und vor allem zwei Filme sorgen jenseits der Instanterregung um die zu bleichen Oscarlisten für Diversität von Kultur und Hautfarbe: der Western «Theeb» aus Jordanien und der kolumbianische Dschungeltrip «El abrazo de la serpiente».

Dieser Trip ist ein Film wie eine Fieberfantasie. Ein Sehrausch, bei dem man ein anderer wird – so, wie es das ­Anfangszitat des deutschen Anthropologen Theodor von Martius ankündigt, auch bekannt als Theodor Koch-Grünberg. Er reiste Anfang des 20. Jahrhunderts ins Amazonasgebiet, auf der Suche nach einer geheimnisvollen Heilpflanze. Jahrzehnte später folgte ihm ein US-amerikanischer Botaniker, und ausgehend von den Forschungstagebüchern der beiden nimmt uns der Regisseur Ciro Guerra aus Kolumbien mit in den schwarzweissen Urwald.

Marsch ins Fieber

Ja, schwarzweiss. Im Dschungel sirrt und summt es in allen Tönen, aber das Bild bleibt eine Abstufung von Grau – mit einer Ausnahme am Schluss. Dann versinken wir in einem Moment ausgewachsener Transzendenz, ähnlich der Sinnesüberwältigung am Ende von Tar­kowskis «Andrei Rubljow». Aber schon zuvor schillern die Eindrücke von den Begegnungen zwischen Wissenschaftlern und Eingeborenen. Der Film schaltet die Reisen der zwei Forscher parallel, zusammengehalten werden sie von einer Figur: dem Guide Karamakate, einem Indio-Schamanen, der beide Westler durchs Dickicht führt. Erst als kräftiger Medizinmann und Überlebender eines ausgelöschten Stamms, später als Ausgelaugter, gezeichnet von Einsamkeit und verloren in einer Körperhülle ohne Erinnerungen.


Video: Vimeo

Die Wanderung durch die Flussgegend des Amazonas wird zum Marsch durch Krankheit und Versehrung: Den Anthropologen schüttelt der Fieberkrampf, worauf er Heilkräuter in die Nase geblasen bekommt; der Einarmige in der Kautschukplantage bettelt darum, dass man ihn erschiesst, er hat von den Wunden genug, die ihm die Kolonialisten zugefügt haben. Das überwucherte Land ist ein Schauplatz der Landnahme: des Raubbaus an der Natur, aber auch des abendländischen Verstands, der seine Technik mit Gewalt ins Werk setzt. Und der Rationalität der Eindringlinge, die verwächst mit einer Romantisierung des urtümlichen Lebens: Der Fortschritt bleibt den Forschern vorbehalten, denn was bleibt noch zu erkunden, wenn die Wilden Kompasse besitzen?

Für die Einheimischen ist es, als liege ein Fluch über dem Land, dessen Kautschukbäume von fremden Baronen und Sklavenhaltern angezapft werden. Für die Forscher wird die teilnehmende Beobachtung auch zu einer Übung, den westlichen Lexikonblick auf die Exotik zu bewahren. Einzig beim Sinnesrausch erlauben sich die Wissenschafter eine Überschreitung, denn dies ist ein Film des Animismus und der Wiedergeburt, des totalitären Wahns und des bösen Trips. Ein psychedelisches Waldmärchen spielt sich da ab, in dem nicht nur der Wunderglaube spriesst, sondern auch ein kauziger Humor: «Seid ihr die drei Weisen aus dem Orient?», werden Karamakate und seine Reisebegleiter gefragt, bevor sie im bewusstseinsverändernden Irrsinn einer christlichen Missionsstation versinken.

Der Traum aus der Pflanze

Der Reichtum der Überlieferungen im unerforschten Land steht in «El abrazo de la serpiente» dem Tunnelblick der Forscher entgegen – und ihrer Vorstellung von Archaik und Entwicklung, die so etwas wie die Wanderung von Seelen gar nicht zu fassen vermag. Ciro Guerra hat mit Laiendarstellern gedreht, die er bei den Ureinwohnern Kolumbiens gefunden hat. Das bewahrt ihn vor der ­Arthouse-Folklore und rückt seinen Film in die Nähe des irrlichternden Selbstverlusts von Apichatpong Weerasethakuls «Uncle Boonmee» und Werner Herzogs «Aguirre, der Zorn Gottes» mit Klaus Kinski.

Zugleich ist das ein Erfahrungsflimmern: eine Kinoparabel der einfachsten Mittel, in dem vermeintlich sicheres Wissen unter Hypnose gerät und Pflanzen Träume auslösen, die sind wie ein Portal in eine andere Welt. Da wird man ein anderer – und sieht zauberhafte ­Formen, die man noch nicht kannte.

In Zürich im Arthouse Piccadilly.

Erstellt: 29.01.2016, 14:12 Uhr

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