Eine Brücke zwischen Feinden

Beide haben recht, aber einer hat ein wenig rechter: In «Bridge of Spies» schwenkt Steven Spielberg in den Kalten Krieg zurück. Im Zentrum steht Tom Hanks als Anwalt, der einen Sowjetspion verteidigt.

Liebenswürdig und hartnäckig ehrenhaft: Tom Hanks spielt in «Bridge of Spies» den Anwalt James B. Donovan. Foto: 2015 Twentieth Century Fox

Liebenswürdig und hartnäckig ehrenhaft: Tom Hanks spielt in «Bridge of Spies» den Anwalt James B. Donovan. Foto: 2015 Twentieth Century Fox

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Jetzt also ein seriöser Agentenfilm von Steven Spielberg, bei dem es ja so ist: Wenn er das Kindliche ablegt («Indiana Jones» und was immer ihm dazu vielleicht noch einfällt) und es nicht mehr macht unter den grossen Themen der menschelnden Weltgeschichte, ist sein Hang zur dramatischen Tradition eben­so ausgeprägt wie die skeptische Fairness. Er hört auch auf die Seite, auf der er nicht steht. Aber auf die Seite, auf der er steht, hört er doch immer ein bisschen mehr und gibt ihr das letzte Wort, sodass sie recht behält oder wenigstens etwas rechter als die anderen. Daran ist nichts Falsches oder Arglistiges. So funktioniert das Regelwerk der konventionellen Dramatik, und es kann die Wahrheit dabei herauskommen.

Aber wo es um historische Vorgänge geht wie jetzt in «Bridge of Spies» oder in «Munich», dem Film über Terror und Gegenterror (nicht in «Schindler’s List», wo Spielberg als Trauernder und Hoffender ans unvergängliche Grauen rührte, nicht als Historiker; oder doch: selbst dort), da kann Historisches eben auch zu einer Art gepützeltem Heldenlied aus Ereignis, Plot und Charakter werden. Quasi zu einer nebelfreien Zone, in der einem das dramaturgisch unterstützte Rechthaben jeden Zweifel nimmt, mögen die Nebelmaschinen der Skepsis vorher noch so gedampft haben.

Auch der neue Spielberg-Film, «Bridge of Spies», ist ein Drama der zwei Seiten. Es herrscht darin erst einmal beträchtliche Skepsis gegenüber der eigenen Seite und der Funktionstüchtigkeit ihres moralischen Kompasses, sodass das fast schon wie ein kantiger Film ausschaut. Er spielt im Kalten Krieg, in dem alle ihren Dreck am Stecken hatten. Oder ihren guten Glauben in den Betonköpfen. Der Titel meint die Glienicker Brücke zwischen Westberlin und Potsdam, auf der Ost und West seinerzeit gern ihre Spione zurücktauschten, zum ersten Mal am 10. Februar 1962. Der daraus geschöpften Geschichtserzählung liegt eine objektive und deshalb stachelige Erkenntnis zugrunde, gewissermassen als ethische Mahnung: dass des einen Verräter des anderen Held ist und des einen Spion des anderen guter Soldat.

Mehr wert ist er lebend

Die Fakten also: Am 13. Juni 1957 wurde in New York der Sowjetagent Rudolf Iwanowitsch Abel, ein Mann mit vielen Namen und Kontakten, vom FBI verhaftet. Er wurde zu dreissig Jahren Gefängnis verurteilt, insbesondere wegen Ausspähung und Weitergabe zentraler Informationen über die atomare Landesverteidigung. Warum er in einer politisch hysterischen Zeit der Todesstrafe entging, ist nicht so ganz klar: sei es, dass von Prozessbeginn an geheimdienstliches Kalkül im Spiel war; sei es – wenn wir jetzt schon Spielberg folgen –, dass es dem Verteidiger James B. Donovan zu verdanken war, der das Gericht von einer einigermassen fairen Verhältnismässigkeit zwischen Tat und Strafe überzeugte und ausserdem als Allererster die Idee hatte, ein lebender Abel sei für die USA mehr wert als ein toter.

Der Trailer. Quelle: Youtube

Das war er dann auch: 1962 tauschten die Amerikaner ihn gegen den US-Piloten und CIA-Spion Francis Gary Powers ein, den die Sowjets 1960 über dem Ural abgeschossen hatten. Der Mann hatte das überlebt (nicht zur reinen Freude seiner Vorgesetzten, die einen heroischen Selbstmord mit der zur Ausrüstung gehörenden Giftnadel für durchaus angebracht gehalten hätten). Er wurde seinerseits zu zehn Jahren Haft verurteilt. Man ahnt es im Film gleich: Gegen zehn Jahre in der Sowjetunion wären dreissig in den USA eine Blustfahrt.

Den Dramatiker fordert diese Geschichte zu moralischen Balanceakten geradezu auf. Und zur Kontrolle seiner Empathien und Sentimentalitäten. Da entscheidet es sich, ob auch das Geschichtsbewusstsein einer historischen Realität gewachsen ist und nicht nur das Stimmungs- und Ausstattungshandwerk. In den Vorstellungs- und Gefühlsräumen zwischen den Fakten ist die Originalität so eines Films zu suchen – an den aktennotorischen Wahrheiten lässt sich ja nichts ändern (das ist in «Bridge of Spies» nicht anders als in «Titanic», wo sich das Schiff und der Eisberg auch nicht verfehlen dürfen).

In «Bridge of Spies» ist der Fall Powers eigentlich nur eine notwendige historische Skizze. Es geht dramaturgisch einfach nicht ohne sie, und es ist in ihr ein Häuchlein Kalter-Krieg-Sentimentalität bewahrt. Aber ins erzählerische Zentrum hat Steven Spielberg den Fall Abel und den Fall Donovan gestellt und ins moralische die Begegnung zweier Charaktere auf Augenhöhe. Im Gleich­gewicht des Respekts. Im Unterschied ihrer Definitionen von Anstand und Pflicht. Das ist der anständige Anspruch, das gedankliche Rückgrat, und solange dieser eingelöst wird und jenes fest bleibt, zieht der Film daraus Spannung und Stimmung.

Die Zeit der toten Briefkästen

Da kommt einem eine Epoche nah, in der das Spionejagen und -fangen gewissermassen mit panischer Behäbigkeit betrieben wurde. Eine glänzende Ex­position zeigt das: die gute alte Zeit, die eine schlechte war, in der ein versteckt gehaltenes Funkgerät ein Mordstrumm war und Agenten sich mit toten Briefkästen und ausgehöhlten Münzen für ihre Mikrofilme behalfen; es ist noch gar nicht so lange her und hat jetzt schon etwas Nostalgisches. Und diese Jahre kommen einem nahe, als das amerikanische Rechtsempfinden sehr aggressiv wurde gegenüber dem ideologischen Feind.

Und jene zwei Männer, die sich unkitschig treffen auf der Ebene der Männerehre: jener Abel (Mark Rylance), der fatalistisch in sich ruht in der Gewissheit, auch ein Recht auf sein Rechthaben gehabt zu haben. Andererseits jener rechtsbewusste Donovan (Tom Hanks), der nicht nur Abel verteidigt, sondern auch mit Sowjets und DDR-Vertretern in Ostberlin über den Austausch verhandelt (einige höhere amerikanische Subaltern­beamte kommen dabei nicht gut weg). Da ist der Schauspieler Tom Hanks ja immer am besten: wenn man ihn besetzt als Vertreter einer durchschnittsbürgerlichen Noblesse, liebenswürdig, hart­näckig ehrenhaft, nicht allzu abgründig, aber auch nie ganz eindeutig. Spielberg spielt glänzend mit diesen Sympathiewerten, und weil er überhaupt ein gescheiter Erzähler ist, ist «Bridge of Spies» nun im Wortsinn: ein tadelloser Film.

Drehbuch der Coen-Brüder

Und dann doch dies: Die kleinen Erzählungsschlenker mit ein paar DDR-Knallchargen, die einen sehr harmlosen amerikanischen Studenten festsetzen, den Donovan mit der linken Hand auch noch raushaut. Die visuellen Hinweise darauf, dass es nur Spiel ist, wenn in Amerika ein paar Buben über Gitterzäune klettern, während sie in der DDR dafür vielleicht erschossen würden. Das sind ­Momente, in denen Spielbergs richtige Seite, die amerikanische, eben doch etwas rechter hat als die andere. Über dem Kampf unter Pragmatikern strahlt ihre erwiesene Rechtschaffenheit. Die historische Moral wird zur moralischen Historie. Sie salbt sich mit Empfindsamkeit ein, und es ist, dramatisch gesehen, etwas enttäuschend. Vor allem, weil das Drehbuch von den Coen-Brüdern stammt, die sonst nicht zu derartigen Weichheiten neigen.

Rudolf Iwanowitsch Abel übrigens brachte es in der Sowjetunion auf eine 5-Kopeken-Briefmarke. Er starb 1971 an Lungenkrebs, 68-jährig. Das Spionieren hatte er gesund überstanden, das Kettenrauchen nicht. Francis Gary Powers überlebte als Pilot eines kalifornischen Fernsehsenders 1977 einen Helikopterabsturz nicht, starb also doch noch bei der Nachrichtenbeschaffung. Die Geschichte ist fähig zu wirklich bösen Pointen.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Arena, Corso und Frosch.

Erstellt: 23.11.2015, 17:52 Uhr

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