Eine Provokation für Saudiarabien

Die Regisseurin Haifaa Al Mansour setzt sich für die Würde der Frau ein. Und hofft auf einen Oscar.

Am Wochenende hat Haifaa Al Mansour ihren neuen Film «The Perfect Candidate» am Filmfestival in Venedig vorgestellt. Foto: Getty

Am Wochenende hat Haifaa Al Mansour ihren neuen Film «The Perfect Candidate» am Filmfestival in Venedig vorgestellt. Foto: Getty

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Auch Spielfilme dokumentieren die Veränderung der Welt. In den Filmen der Regisseurin Haifaa Al Mansour kann man sehen, wie sich der Alltag für Frauen in Saudiarabien verändert hat im Verlauf dieses Jahrzehnts. 2012 lief ihr Debüt, «Das Mädchen Wadjda», bei den Filmfestspielen in Venedig – da ging es um ein junges Mädchen, das unbedingt auf der Strasse mit dem Fahrrad fahren will, während die erwachsenen Frauen auf einen Chauffeur angewiesen sind, wenn sie zur Arbeit müssen oder zum Einkaufen.

Am Wochenende hat Haifaa Al Mansour ihren neuen Film «The Perfect Candidate» im Wettbewerb in Venedig vorgestellt. Diesmal sitzt die Heldin, Dr. Maryam, selbst am Steuer ihres Autos, wenn sie ins Krankenhaus fährt. Auf der Leinwand ist das tatsächlich ein Novum: Erst im vergangenen Jahr hat Kronprinz Muhammad bin Salman das Fahrverbot für Frauen aufgehoben.

Kontroversen wird es sowieso geben

Maryam, eine junge Ärztin, hat manchen Patienten, der sich an eine Frau wie sie erst noch gewöhnen muss - sie soll beispielsweise einen alten Mann behandeln, der sich von ihr nicht anfassen lassen will, obwohl kein anderer Arzt in der Nähe ist und sein Sohn ihm gut zuredet. In die Lokalpolitik gerät sie zufällig: Sie lässt sich als Kandidatin für die Gemeinderatswahl eintragen, weil sie sonst nicht im Rathaus vorgelassen würde, um sich über den Zustand der Strasse zum Krankenhaus zu beschweren.

«Das Mädchen Wadjda» hat sie noch aus dem Inneren eines Lasters heraus inszeniert.

Haifaa Al Mansour möchte, dass «The Perfect Candidate», wie auch schon «Das Mädchen Wadjda», in Saudiarabien selbst gezeigt wird, und sie arbeite, hat sie in Venedig gesagt, mit den Behörden zusammen, damit der Film die Bedingungen dafür erfülle. Kontroversen werde es, wenn der Film läuft, sowieso geben.

Die hat Haifaa Al Mansour in Saudi­arabien immer wieder erzeugt, schon mit ihren ersten Kurzfilmen über Verschleierung. Als politisch will sie sich nicht verstanden wissen – das hat sie in Venedig geantwortet, wenn Journalisten ihr Fragen zum saudischen Regime gestellt haben. Sie war in den letzten Jahren auch gar nicht immer in Saudiarabien. Ihren letzten grossen Film hat sie in den USA gedreht, «Mary Shelley», einen Spielfilm über die Frankenstein-Autorin.

Erster saudiarabischer Film für Oscars eingereicht

Geboren wurde Haifaa Al Mansour 1974 in Saudiarabien, sie hat in Kairo und in Sydney Literatur und Film studiert. Ihre Eltern, erzählt sie, seien sehr liberal gewesen, aber sobald sie aus dem Haus gegangen sei, habe sie sich in einer anderen Welt bewegt. Das Spannungsfeld zwischen öffentlichem und privatem Raum, das in Saudiarabien eine so grosse Rolle spielt, prägt ihre Geschichten und natürlich ihre Arbeit. «Das Mädchen Wadjda» hat sie noch aus dem Inneren eines Lasters heraus inszeniert, bei allen Aussendrehs hat sie dort vor einem Monitor gesessen und ihre Regieanweisungen mit einem Walkie-Talkie gegeben - sie hätte sich damals nicht auf die Strasse stellen und einem männlichen Team Befehle erteilen können.

«Das Mädchen Wadjda» wurde bei der Premiere in Venedig als erster Spielfilm aus Saudiarabien bezeichnet, was nicht richtig ist. Er war der erste Film von einer Regisseurin und der erste, den Saudiarabien je für die Oscars eingereicht hat.

Erstellt: 02.09.2019, 21:07 Uhr

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