Eine Stadt hofiert ihr Festival

Zürichs Stadtrat wird wohl dem Zurich Film Festival weiterhin Subventionen gewähren. Warum eigentlich? In der Organisation und der Programmierung herrscht Unklarheit.

Das Zurich Film Festival ist zu 90 Prozent eigenfinanziert – und wird subventioniert. Foto: Marc Kollmuss (tm.woRK)

Das Zurich Film Festival ist zu 90 Prozent eigenfinanziert – und wird subventioniert. Foto: Marc Kollmuss (tm.woRK)

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Stadtpräsidentin Corine Mauch ist begeistert vom Zurich Film Festival. Morgen ist die Eröffnungsnacht der 14. Ausgabe – auf dem grünen Teppich steht sie selber recht gern. Ihre Grussnoten im Festivalprogrammheft klingen jedes Jahr enthusiastischer. Der Elan, die Beharrlichkeit der Macher! Zürich als attraktiver Schauplatz des Films! «Es sollen sogar schon Filmstars beim Bratwurstessen gesichtet worden sein», steht dieses Jahr in ihrem Editorial. So schreibt ein Fan.

Seit 2007 zahlt die Stadt Beiträge ans ZFF; die Leistungsvereinbarung 2015–2018 regelt die Zahlung von 350'000 Franken pro Jahr. Sie wurde schon einmal angepasst: Als die NZZ-Medien­gruppe 2016 das Festival übernahm, kam unter anderem die Passage dazu, dass das ZFF «programminhaltlich unabhängig» sein soll.

Heute soll der Stadtrat den Beschluss über die Weiterführung der Unterstützung bekannt geben. Dies, obwohl das Festival einem privaten Medienunternehmen gehört, das nicht selten gegen Geld aus öffentlicher Hand anschreibt. Und dies, obwohl das Bundesamt für Kultur im März seinen Subventionsbeitrag von 250'000 Franken unvermittelt gestoppt hatte. Grund dafür waren Verflechtungen der ZFF-Firmen. Und die Frage, wohin das Geld eigentlich geht.

«Personelle Entflechtung»

Als das damals im März passierte, sagte der künstlerische Festivalleiter Karl Spoerri: «Nicht nachvollziehbar.» Vor einigen Tagen wurde nun bekannt, dass die beiden Direktoren Spoerri und Nadja Schildknecht aus dem Verwaltungsrat der Zurich Film Festival AG ausgetreten sind. Das Motiv: personelle Entflechtung. Damit der Bund und die Stadt weiter Beiträge sprechen können, muss sich die Veranstaltungsgesellschaft und Subventionsempfängerin Zurich Film Festival AG von der gewinnorientierten Vermarktungsfirma Spoundation Motion Picture AG entkoppeln. Zuvor dirigierten fast dieselben Leute beide Organisationen.

Nun ziehen sich die Festivalleiter Spoerri und Schildknecht ganz aufs operative Geschäft zurück – eine Vorgabe des Bundesamts für Kultur. Der Verwaltungsrat der ZFF AG wurde komplett umbesetzt; neuerdings sitzt dort zum Beispiel die Leiterin der NZZ-Unternehmenskommunikation. Verwaltungsratspräsident ist Felix E. Müller, ehemals Chefredaktor der «NZZ am Sonntag». Fachleute vom Film sind keine in Sicht.


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Auch die Stadt hat nach dem Entscheid des Bundes reagiert. Sie habe sich mit dem Bundesamt für Kultur ausgetauscht, sagt Nat Bächtold, Sprecher des Präsidialdepartements. Die Stadt habe auch das Gespräch mit der NZZ-Mediengruppe gesucht, sagt Monica Dell'Anna. Diese leitet dort den Bereich Business-Medien, zu dem das ZFF gehört. «Auch dabei ging es um die Strukturen von Veranstaltungs- und Vermarktungsfirma des Festivals.» Die Position der NZZ sei immer gewesen, dass sie dem Bund keine Einsicht geben könne in die Geschäftsbücher der gewinnorientierten Vermarktungsgesellschaft. Das werde auch so bleiben.

Bis letztes Jahr zahlten Bund, Stadt und Kanton zusammen 868'000 Franken ans ZFF. Dieses hat ein Budget von 7,3 Millionen Franken und ist zu fast 90 Prozent eigenfinanziert. Weshalb braucht das Festival überhaupt Subventionen? «Sie sind wichtig, weil sie eine offizielle Bestätigung für den kulturellen Auftrag des Festivals darstellen», sagt Monica Dell'Anna. «Sie weisen auch darauf hin, dass das ZFF in der Schweiz eine Rolle spielt.»

ZFF-Chefs Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. Foto: Getty Images

Die Kulturförderung der Stadt macht den unterstützten Institutionen keine spezifischen Vorgaben über die kulturelle Leistung, die sie erbringen müssen. Im Vertrag mit dem ZFF steht deshalb nicht viel mehr, als dass es während zehn Tagen ein Publikumsfestival in Zürich durchführt und den Filmmusikwettbewerb veranstaltet. Wäre der Leistungsauftrag auch erfüllt, wenn das ZFF ausschliesslich Mainstreamfilme zeigen würde? «Das lässt sich so hypothetisch nicht beantworten», sagt Nat Bächtold.

2010 liess die Stadt das Festival von Filmkennern evaluieren. Interessant daran ist, dass die Kritik zum Teil noch immer aktuell ist. Zum Filmprogramm steht da: «Generell gutes Niveau, solide Qualität, aber weitgehend ohne Experimente und künstlerische Zumutungen und Provokationen.» Oder: «Die Auswahl des ZFF richtet sich primär nach Themen und erst sekundär nach formalen Kriterien.» Ausgewählt werde nach dem Motto «von allem etwas». Auffällig seien das hoch professionelle Management und die «Hemmungslosigkeit der Selbstbeweihräucherung».

Locarno ist weit weg

Der Evaluationsbericht sollte eine Entscheidungsgrundlage für die Unterstützung des Festivals liefern, wobei die Stadt schon damals Beiträge sprach. Der Bericht empfahl, in einem Leistungsauftrag ausdrücklich festzuhalten, dass die Mittel für die Wettbewerbsprogramme und die Master Classes reserviert sind: für den «echten kulturellen Mehrwert». Ausserdem sollte geprüft werden, ob die Unterstützung auch von der Wirtschaftsförderung oder vom Stadtmarketing kommen könnte.

Ebenfalls diskutiert wurde damals die Frage, ob das ZFF als A-Festival mit Locarno mitziehen will. Von diesem Anspruch hat es sich seither schleichend verabschiedet. Von den über 160 Titeln sind dieses Jahr nur ein Dutzend Weltpremieren. Im internationalen Spielfilmwettbewerb ist keine einzige programmiert.

Das Bundesamt für Kultur plant, die Verhandlungen über eine neue Leistungsvereinbarung bis Ende Jahr abschliessen zu können. Die Stadt Zürich gibt ihrem Festival kurz vor der Eröffnungsnacht ein Zeichen, dass alles gut kommt. Nach dem Beschluss des Stadtrats geht das Geschäft in den Gemeinderat zur Beratung. Da hat das ZFF schon vorgesorgt: Am 7. Oktober findet im Festivalzentrum erstmals ein Informationsanlass für die Gemeinderäte statt. Die Festivalleitung redet dort über Entwicklung, Finanzierungsstruktur und Vision, flankiert von der städtischen Kulturabteilung. Danach gibts einen Apéro riche. Der letzte Programmpunkt: «Filmbesuch (optional)».

Erstellt: 25.09.2018, 18:33 Uhr

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